szmmctag

  • Ach, Mutti!

    Zu Muttertag blüht der Flieder. Und der Goldregen. Und die Pfingsrosen. Die Maiglöckchen, natürlich. Ein Strauß Maiglöckchen gehörte dazu, wenn Muttertag war. Du legtest Wert auf Muttertag. Ich fand Muttertag albern. Bei mir war immer Muttertag.
    Natürlich habe ich heute einen Strauß Maiglöckchen auf Dein Grab gelegt. Es sind Deine Lieblingsblumen. Nur es ist nicht Dein Grab. Mein Vater hat darauf bestanden, dass Du anonym verscharrt wirst. Weil ich mich ja eh nicht um Dein Grab kümmern werde. Sollte ich mich mit ihm streiten, damals bei Grieneisen?

    Dein Name steht auf seinem Grabstein. Komisch, Du bist mir so nah, wenn ich auf den Friedhof fahre. Durch unsere alte Gegend. Weißt Du, dass sie in unserer Straße die Platanen beschnitten haben? Wie Lastkräne im Hafen ragen sie in den Himmel. Berlin-Dahlem, zu Hause. Breitenbachplatz, wie viele Male haben wir ihn gemeinsam umrundet? Ich schlucke die Tränen runter, denke an Dich, wie Du warst, damals, als wir hierher zogen. Ich muss mich zwingen daran zu denken. Zu schwer lastet die Erinnerung an dieses muffige Pflegeheim auf mir, in dem Du die letzten Jahre vegetiert hast. Ich muss mich zwingen, an meine lustige, charmante Mutti zu denken, immer wieder sehe ich die schreiende Alte vor mir, die mit Tassen nach mir wirft. Alzheimer. Verdammt, konntest Du nicht Krebs bekommen oder einen Schlaganfall, einen Herzinfarkt. Oder wenigstens einen Oberschenkelhalsbruch, so wie andere anständige Mütter. Du hast Dinge getan, die ich Dir jahrelang nicht verzeihen konnte. Obwohl ich wusste, dass Du krank warst. Zehn Jahre ist es her, dass Du gestorben bist. Zehn Jahre und ich habe dieses Bild immer noch nicht aus meinem Gedächtnis löschen können.

    Ich fahre um den Breitenbachplatz herum hinein in den Südwestkorso. Berlin-Friedenau. Gepflegte Bürgerhäuser, die wie Trutzburgen die Straßen säumen. Hier bist Du geboren. Ich auch. Der Friedhof liegt gleich gegenüber des Hauses, in dem Deine Eltern wohnten. Auch wir haben dort gewohnt, bis ich vier Jahre alt war. Auf dem Friedhof liegt auch Marlene Dietrich. Ich verliere Dich immer, wenn ich auf diesen Friedhof komme. In den Straßen und Plätzen unseres Lebens finde ich Dich, aber nicht hier, auf diesem Friedhof. Ich sitze in meinem Auto und meine Augen schwimmen in Tränen. Und dann gehe ich auf den Friedhof und sehe nur, welches Unkraut ich zupfen, wo ich den Grabstein säubern muss. Du bist nicht hier auf diesem Friedhof und nicht in diesem Grab. Eine andere Frau ist mir hier nah. Meine Omi. Omi Hof. Omi Hof hieß so, weil ich nur über den Hof musste, hoch in den 1. Stock zu Omi, die eigentlich meine Großtante war.  

     

    Mit Omi bin ich im Sommer jeden Tag auf den Friedhof gegangen, die Gräber unserer Angehörigen gießen. "Komm, Puddelchen", hat sie gesagt. Ich liebte diesen Friedhof, mit seinen uralten Bäumen, die so wunderbaren Schatten spenden, die Ruhe, die hier herrscht, das Vogelgezwitscher. Warum hat niemand dafür gesorgt, dass Omi hier begraben wurden? Ich habe Dich nie zu ihrem Grab begleitet, als sie starb, warst Du im Urlaub. Mein Vater befand es nicht für nötig, nach Hause zu kommen zur Beerdigung. Omi war immer für Dich da, die ersten vier Jahre meines Lebens habe ich bei Omi verbracht, damit Du arbeiten gehen konntest.

     

     Und so habe ich die Maiglöckchen auf Dein Grab gepackt, das Unkraut gezupt und den Grabstein gesäubert. Dein Name steht unter dem meines Vaters. Du hast mir so viel Liebe gegeben und ich habe versucht, sie Dir zurückzugeben. Nur Geborgenheit, die habe ich von Dir nicht bekommen. Nicht ein einziges Mal hast Du mich vor meinem Vater beschützt. Nicht einmal hast Du gesagt: 'Hör auf, das Kind mit Deinen Launen zu quälen'. Oder 'bleib dem Bett deiner Tochter fern'.

     

    Aber heute ist ja Muttertag.

    E-Book5.gebotmoniMutti als Covergirl.

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

  • Oliver's Twist

    Wenn ich einen Sohn hätte, würde er wahrscheinlich Oliver heißen. Ich liebe diesen Namen. Es sind die Olivers dieser Welt, die inzwischen überall am Drücker sitzen. Auch in der Medienbranche. Und so kam ich wie die Jungfrau Maria quasi über Nacht zu mehreren Olivers in meinem Leben. Absolut unbefleckte Empfängnis, versprochen.

    Sie sind so toll!
     

    Es war der 13. November 2012. Alles begann mit einer harmlosen Mail. Sie trug die Überschrift: Sie sind so toll!
    Welche Frau will das nicht morgens hören und dann auch gern mehrmals wiederholt und bitteschön täglich.

    Die Mail war von einem Oliver. Der hatte die Frechheit, mir zu erzählen, dass er seinen Kindle mit meinem E-book "Der 7. Tag" eingeweiht und dabei in der Sonne im Park Retiro in Madrid gelegen habe. Draußen war November, der erste Schnee lag in der Luft. Weiter unten wurde klar: Oliver war ein Kollege. Einer, der selbst ein e-book geschrieben hatte: "Ich bin dann mal gelähmt. Vom Ironman zum Pflegefall und zurück". Noch weiter unten fragte er ganz dezent, ob denn die Filmrechte bereits vergeben seien.

    Der 8. Tag

    Die nächste Mail am 13. November war überschrieben mit "Der 8. Tag" und kam ebenfalls von einem Oliver. Dieser Oliver hieß nicht nur Kuhn, sondern war auch echt kühn. Er ist der verlegerische Geschäftsführer vom mvg-Verlag. Sechs Wochen zuvor hatte ich sein Angebot für Taschenbuchrechte vom 7. Tag abgelehnt. Nun wollte er mich in Berlin treffen. In einer Burgerbude. Meine Neugierde siegte und ich sagte zu.

    Während sich mit dem Kollegen Oliver in Madrid ein reger Mailverkehr entwickelte, wickelte ich ein dickes NEIN in Goldpapier ein und legte es in meiner Handtasche für das Treffen in der Burgerbude bereit.

    Am 20. November war es dann soweit. Nika setzte sich in ihren Smart und juckelte nach Kreuzberg. Auf der Autobahn kam ein Anruf von Oliver, die angesagte Burgerbude sei wirklich eine Burgerbude und er würde sich jetzt in das Café gegenüber verziehen. Ja, dachte ich, ist auch besser ein NEIN zu präsentieren, wenn man sitzt. Mithin kam ich zu spät.  

    Mit dem tu ich's

    Aber oh Schreck, da saß gar kein verschlafener Verlagsgeschäftsführer, sondern ein echt fitter Kollege (z.B. "Alles was ein Mann wissen muss. Vademecum für alle Lebenslagen", Knaur Verlag).

    Wir tranken Cappuccino und ich dachte, okay, komm, zeig mal was du drauf hast. Und Oliver hatte es drauf. In knapp zwei Stunden hatte er mich einmal umgedreht. Ich befingerte das in Goldpapier gewickelte Päckchen in meiner Handtasche und entschied, es drin zu lassen. Denn Oliver machte mir ein Angebot, das ich nicht ablehnen konnte. Und drehte den Spieß einfach um. Wenn ich echt fit sei, dann schaffen wir eine Veröffentlichung noch zum Weihnachtsgeschäft, sagte er. Liebe Leute, es war der 20. November! Ich glaubte, meinen Ohren nicht zu trauen. Weihnachtsgeschäft? 2012? Und sowas war Geschäftsführer eines Verlages? Hallo? Mein ehemaliger Verlagsleiter hatte gerade ein Buch für 2014 mit mir angedacht. Und dieser Oliver wollte "Der 7. Tag" innerhalb von Tagen in den Handel bringen. Ich war baff.

    Wie paralysiert fuhr ich nach Hause in die untergehende Sonne. Kurz vor der Stadtautobahnausfahrt Steglitz war ich sicher: Mit dem tu ich's. Was dann folgte, waren absolute Chaostage. Am 8. Dezember war "Der 7. Tag" nicht nur in der Verlagsvorschau, sondern gedruckt und im Handel erhältlich. Oliver Kuhn und seine Mannschaft - also ehrlich gesagt, es ist eigentlich eine Frauschaft - hatten Wunder vollbracht. Bis heute bin ich froh, dass ich meine Handtasche zugelassen hatte.

    Der Junge legt sich ins Zeug

     

    Während dieser Chaostage mailte ich immer noch mit Kollege Oliver in Madrid. Wie gesagt, ich liebe Olivers, aber vor allem liebe ich Olivers mit Chuzpe. Der Oliver in Madrid war als Executive Producer für die ausländischen Niederlassungen einer bekannten Medien-Produktionsfirma  tätig. Daher kannte er Arsch und Frieda, wie man in Niedersachsen so schön sagt. Und Oli in Madrid fand, dass der 7. Tag nicht nur unbedingt verfilmt werden müsse, sondern war überzeugt, dass er mir dabei helfen könne - so unter Kollegen. Es war wahrscheinlich diese Chuzpe, die meinem Bauch sagte: Dem Jungen kannst du vertrauen, der legt sich ins Zeug.

    Im Dezember kam Oliver mich in Berlin besuchen. Ich glaube nicht, dass er damit gerechnet hat, dass ich noch schneller und noch mehr reden kann als er. Er kam kaum dazu, uns seinen Schlachtplan, den er aufgestellt hatte, vorzustellen. Er war richtig süß, wir haben ihn mit Buletten gefüttert.

    Zwischendrin rief mehrmals ein Oliver an. Aber nicht der aus München, sondern Oliver Sallet aus Berlin. Da hatte sich glatt noch ein Oliver in meine Tage geschlängelt, dieser Oliver war bei der Deutschen Welle und wollte einen Beitrag über Nika Lubitsch machen. Und so fing 2013 dann mit einem Tatort im Hause Lubitsch an (siehe weiter unten: Krimi oder Historical, ein Tag mit der Deutschen Welle).

    In den ersten Januartagen kam dann von Oliver Brendel, der inzwischen wieder in München war, ein ausgearbeiteter Schlachtplan, wen er wann und wie ansprechen wollte. Tu's einfach, habe ich gesagt. Und Oliver tat's.

    Was soll ich sagen? Oliver schleppte den Jackpot ran. Und so trat dann ein weiterer Oliver in mein Leben. Oliver Berben hat sich die Filmrechte am 7. Tag gesichert.

    Vitamin O muss man haben!

     

     

     

     

     

     

     

     

  • Hitverdächtig

    Seitdem ich schreiben kann, habe ich davon geträumt, Schriftstellerin zu werden. Wovon ich nie geträumt habe, war eine CD zu veröffentlichen. Dieses Geschäft habe ich früher beruflich getrieben, sprich ich war Promotionsmanagerin in einer Schallplattenfirma und in Europas größtem Musikverlag: also auf der anderen Seite des Schreibtisches. Und dann kommt so ein Verlag daher und sagt: Wollen Sie nicht eine CD machen?

    Ja, ja, ja. Ich bin ein neugieriger Mensch. So neugierig, dass es manchmal wehtut. Nicht bei meinen Nachbarn oder Freunden oder so. Aber neugierig auf das Leben an sich, im Allgemeinen und im Besonderen. Ich liebe es, Neues auszuprobieren. Also das Wagnis CD. Wir machen die selber, lautete die Parole, die von mvg ausgegeben wurde. Also sucht Nika sich ein Studio und liest vor. (Siehe auch: Tränen statt Prada!) Aber das Master ist ja nur die halbe Miete.

    Ich habe also das Master produzieren lassen und bin abgedüst Richtung Florida. Zum Schreiben. Ich höre die Mockingbirds jetzt noch höhnisch lachen! Nicht eine einzige Zeile habe ich in vier Wochen produziert. Weil...

    Ja, weil ich zum Beispiel eine CD produzieren wollte und mvg mir einen Veröffentlichungstermin nannte: 11. April. Also hieß es ranklotzen. studio_wort hat mir die Daten zum Abhören gemailt. Ist schon toll, da sitzt man auf der anderen Seite der Welt und kriegt per e-Mail seine eigene Stimme ins Ferienhaus.

    Wobei das mit den E-Mails erstmal gar nicht so einfach war. Ich hatte mitgenommen: ein Ultrabook und ein tablet. Beide neu und mit Windows 8 ausgestattet. Zur Sicherheit (Gott sei Dank) mein altes Notebook mit Windows 7. Mit Windows 8 kann man keinen e-Mail-Account auf Webseiten-E-Mail-Adressen anmelden. Dieses Manko habe ich auf dem Ultrabook mit Thunderbird ausgetrickst, allerdings kann man Thunderbird nicht auf das Microsoft Surface laden, weil es dafür keine App gibt.

    Was tun die uns eigentlich damit an, diese Softwareheroes! Wieso zum Teufel muss ich alle zwei Jahre ein vollkommen neues System lernen. Ich bin echt sauer auf dieses Windows 8. Verfluchte Technik!

    Aber oh Freude, ich hatte ja mein gutes, altes, niedlich kleines Notebook dabei, falls alles schief gehen sollte. Das habe ich also im Ferienhaus an das WLAN angeschlossen und auch an den Drucker.

    So konnte ich also meine eigene Stimme hören. Ich habe mich mit Ultrabook und dem Taschenbuch auf die Terrasse verzogen und die Nachbarn erfreut. Man muss schließlich das ganze Dingen einmal durchhören, um abzuchecken, ob alles drin ist, ob alle Doppler raus sind, ob nicht ganze Textpassagen dem Schnippler zum Opfer gefallen sind. studio_wort war echt gut, es gab nur einen Doppler in vier CDs.

    Gleichzeitig hat Hanspeter Ludwig im fernen Wetzlar die CD-Hülle entworfen. mvg hatte Probepackungen geschickt, ich konnte mir aussuchen, welche ich haben wollte. Das Problem: Wir wussten vorher nicht, geht alles auf vier CDs oder brauchen wir fünf. Für fünf brauchen wir eine andere Verpackung. Wir hingen also so lange in der Luft, bis ich das Dingen korrekturgehört hatte. Dann konnten die Berliner Studioleute sagen, wieviele Minuten ich eingelesen hatte.

    Hanspeter schickte mir also ein Layout. Per Mail. Am Drucker war nunmehr mein Winzling angeschlossen, da der Drucker nur über USB zu bedienen war. Also habe ich mit dem Winzling das Layout ausgedruckt. Auf Format US letter. Das geht natürlich nicht wirklich, denn Hanspeter hatte das nicht auf amerikanisches Format ausgelegt. Und ich hatte auf keinem meiner mitgenommenen Computer irgendein Grafikprogramm mit dem ich es hätte schneiden können.

    Nun muss man wissen, dass Nika Lubitsch vieles hat, aber bestimmt kein räumliches Vorstellungsvermögen. Niente. Nada. Überhaupt keins. Ich habe also den US letter genommen (der immer unten ein Stück abschnitt) und versucht, irgendwie zu falten, damit ich kapiere, was der gute Hanspeter mir da rübergemailt hat. Hilflosigkeit machte sich breit. Männe kam mit einer großen Schere, wir versuchten es auch umgekehrt auszudrucken und dann zusammenzukleben - ich konnte mir immer noch nicht vorstellen, wie es aussehen sollte.

    Irgendwann habe ich resigniert und gedacht: Der wird das schon richtig machen. Also habe ich mich auf die Felder beschränkt, die er mir mit Blindtext aufgefüllt hat, um nunmehr meinen Text reinzusetzen. Auf dem Computer ging das ganz gut. Aber oh weh, das mit dem Korrekturlesen war eigentlich gar nicht hinzubekommen. Denn, siehe oben, US letter im Ausdruck. Irgendwas fehlt immer, entweder oben oder unten.

    Ich habe es dann so verkleinert, dass es auch auf US Letter ging und eine Lupe zu Hilfe genommen. (Erstaunlich, wass mein Mann alles so mitnimmt, wenn wir verreisen. Und ich wundere mich, warum die Koffer so schwer sind!).

    Mvg hatte mir die Regularien geschickt, was alles unbedingt rauf muss auf so ein Cover. Und all diese Regularien las ich nun erst am Computer und dann mit einer Lupe Korrektur. Als ich das Dingen freigegeben habe, habe ich echt gebetet. Und darauf gehofft, dass Melanie Wolter von mvg schon schreien wird, wenn irgendwas schräg ist.

    Heute kam sie nun. Die CD. Mit zitternden Händen habe ich das Paket geöffnet. Die Celluphanfolie nicht abgekriegt. Männe zu Hilfe gerufen. Der kriegte die Celluphanfolie auch nicht ab. Also eine Schere genommen. Und dann ....

    Ach, ist das schön. Soll ich es nochmal lesen oder lieber lassen, fragte ich mich. Ich las es nochmal. Kein Tippfehler! Nicht ein einziger! Jubel!

    Und es sieht toll aus. Wahnsinn. Hanspeter Ludwig, Du bist ein Genie! Danke!

    mvg hatte dann auch noch eine tolle Meldung für mich: Universal übernimmt es mit in ihren Vertrieb. D. h. es gibt mich bald auch bei Mediamarkt und Saturn. Die Entscheidung war davon abhängig gemacht worden, wie die CDs aussehen und sich anhhören.

    Hörbuch 7.Tag 001Hörbuch 7.Tag 002Hörbuch 7.Tag 003Hörbuch 7.Tag 004

    Hey, sie fanden es gut!

     

  • Auf 180 - ein Tag im Cape Coral Hospital

    Bestseller machen krank. Mich jedenfalls. Seitdem ich ständig nachgucken muss, ob ich immer noch in den Top 10 von amazon bin, ist mein Blutdruck in schwindelerregende Höhen geschnellt. Dabei hatte ich mein ganzes Leben lang einen so niedrigen Blutdruck, dass mir beim Schuheanziehen schwarz vor Augen wurde. Ging ich also neulich zu meiner Ärztin und klagte ihr mein Leid: Ich bin wohl die einzige Patientin, die jemals zu ihr gekommen ist, weil es ihr zu gut geht. Nun denn, sie hat mich mit Beta-Blockern und ACE-Hemmern ausgestattet und das auch gleich in der Großpackung, weil ich schließlich vier Wochen Arbeitsaufenthalt in Florida vor mir hatte.

    Der Arbeitsaufenthalt ist in Schufterei ausgeartet. Ehrlich. Und mein Blutdruck - jenseits von gut und böse. So stellte ich gestern fest, dass meine Betablocker nur noch vier Tage reichen würden, dabei habe ich erst Dienstag nach Ostern wieder eine Chance meine Ärztin zu sehen. Was tun? Ab ins Cape Coral Hospital. Die sollen mir ein Rezept ausstellen.

    Das kleine Krankenhaus am Rande der Stadt. So hatte ich es in Erinnerung, hier habe ich vor 14 Jahren mal einen Freund in die Emergency eingeliefert. Das war damals schon eine elende Warterei. Deshalb habe ich dem Cape Coral Hospital auch eine zentrale Rolle in unserem Thriller "Alligator Valley" zugeschrieben, der in Southwest Florida spielt.

    Ich war also vorgewarnt, was Krankenhaus-Notaufnahme bedeutet, auch hatte ich mal eine USA-Begegnung mit einem Krankenhaus in Fort Lauderdale, da ging alles zack,zack, sobald Du die Chance bekommst, Deine Kreditkarte zu zücken.

    Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich habe heute so ziemlich all Eure E-Books quergelesen, während ich versuchte, ein einfaches Rezept für ein blutdrucksenkendes Mittel zu ergattern.

    Zuerst die Anmeldung. Man zeigt seinen Ausweis, erklärt, dass das Datum in Deutschland andersherum geschrieben wird, sagt, was man will. Die Dame an der Reception ist nett und tippt stundenlang irgendwelche Daten in den Computer. Stellt Fragen nach Allergien, Tetanusimpfung, Grippeschutzimpfung etc. Ich will doch nur Betablocker! Nach zehn Minuten Interview kriege ich ein Bändsel mit meinen Daten und meinem Namen um das Handgelenk gebunden, damit sie wissen, wem sie bei plötzlich eintretendem klinischen Tod die Rechnung schicken können. Damit werde ich ins Wartezimmer geschickt. Hier läuft neben der eiskalten Klimaanlage Weatherchanel, draußen ist es so feucht, dass man bei der kleinsten Bewegung nass wird.

    Nachdem ich im Wartezimmer Jo Bergers "Das liegt am Wetter" zu 100 Prozent gelesen habe, war "Im Anlitz des Herrn" von Béla Bolten dran. Dabei wurde ich allerdings gestört, denn jetzt endlich durfte ich in einem Behandlungszimmer auf einer Art elektrischem Stuhl Platz nehmen. Eine nette junge Ärztin stellte mir die gleichen Fragen wie die Dame in der Anmeldung und tippte angelegentlich in ihren Computer. Dann hat sie mich verkabelt und Blutdruck und Fieber gemessen. Leute, ich habe einen ganz normalen Blutdruck, wenn ich morgens einen Betablocker einwerfe! Gebt mir ein Rezept. Bitte. Nach zwanzige Minuten auf dem elektrischen Stuhl und der Nennung aller Medikamente, die ich im Laufe meines fast 60jährigen Lebens zu mir genommen habe, wurde ich weiter geschickt mit den Worten: "Warten Sie noch einen Moment, Sie werden aufgerufen." Ich dachte Warten auf das Zücken der Kreditkarte und Entgegennahme des Rezepts. Ich lese also "Im Anlitz des Herrn" weiter und weiter und weiter. Nach einer Stunde werde ich aufgerufen. Ich muss mich mit dem Rücken zu einem Computer an einen Schreibtisch setzen und werde erneut befragt. Ausweis nochmal rausholen, erklären, warum ich in meiner Anmeldung eine Postleitzahl geschrieben habe und nicht Berlin-Zehlendorf, erklären was eine Postleitzahl ist, erklären, warum mein Geburtsdatum trotzdem stimmt, erklären, warum ich hier bin und überhaupt. Wer im Notfall benachrichtigt werden soll. Die Adresse und Telefonnummer von meinemn Aufenthaltsort. Die Dame tippt und tippt und tippt. Dann druckt sie aus: acht Seiten. Auf deutsch. Ich werde darüber belehrt, was meine Rechte sind in Florida, was ich im Krankenhaus erwarten kann, eine Datenschutzvereinbarung, eine Freitstellung bei eventuellen gesundheitlichen Schäden etc. Hey, ich wollte weder sterben noch operiert werden, mein Blutdruck normalisiert sich gleich von ganz alleine! Gib mir ein Rezept. Bitte!

    Danach werde ich wieder in das Wartezimmer geschickt. Jetzt soll es schnell gehen. Sagt die Dame, die sich Provider nennt. Ich lese also Béla Boltens "Im Anlitz des Herrn" genüsslich weiter, während neben mir Menschen mit frisch gebrochenen Armen und Füßen vor Schmerzen stöhnen. Neben mir sitzt ein junger Mann im Rollstuhl der eine 15 cm Schnittwunde unter dem Fuß hat. Ich sehe, wie der Fuß immer röter wird. Der Mann muss dringend versorgt werden, allerdings ist er zwei Stunden nach mir gekommen.

    Nachdem ich im Anlitz des Herrn bereits bei 100 % angekommen bin, nehme ich mir den Kollegen Matthias Matting vor. "Bèisha - Getötet." Aber ich schaffe nur 6 %, denn jetzt endlich humpelt ein ca. 80jähriger Mann herein und ruft mich auf. Ich denke, das kann doch nicht der Arzt sein. Er führt mich in ein Krankenzimmer und bittet mich, auf der Liege Platz zu nehmen. "Weshalb sind Sie denn hier, was haben Sie für Beschwerden.?" Ich sage mein Sprüchlein erneut auf, jetzt geht es mir schon flott von den Lippen und ich jongliere mit Fachausdrücken  wie ein alter Profi. Der Arzt füllt ein Formular aus, liest nochmals, fragt nach Tetanusimpfung, Grippeschutzinmpfung, Allergien....." "Mann, ich will nur ein Rezept!" Nachdem ich alles nochmal aufgesagt habe, bittet er mich zu warten. Ich warte. Und warte. Ungemütlich auf der Liege, man kann nicht so gut im Kindle lesen. Bèisha ist eh schon tot, also lese ich angelegentlich die Warnhinweise, die in Englisch und Spanisch angebracht sind.

    Nach einer halben Stunde habe ich Rückenschmerzen. Aber Abhilfe naht in Form eines jungen, sehr attraktiven Mannes zweifelhafter ethnischer Provinienz. Er stellt sich mir vor als Physician. Nee, nicht der Masseur, das ist der Doktor. So weit reichen meine Englischkenntnisse gerade noch. Das ich das noch erleben darf!

    Er stellt mir die gleichen Fragen wie die vier anderen vor ihm.  Und schreibt auf einen Klemmblock irgendwas mit der Hand. Ein Rezept?? Leider müsse er mich jetzt allein lassen, ich solle doch noch ein bisschen warten auf dieser ungemütlichen Liege. Ach Doktorchen, wolln se nich noch ne bisschen bleiben, vielleicht sogar auf der Liege?

    Er hat es offensichtlich eilig, wegzukommen. Schnucki, ich tu' dir doch nichts, ich tu doch nur so. Nach weiteren zwanzig Minuten auf der Liege humpelt der Opa wieder rein. Der würde freiwillig mit mir die Liege teilen, möchte ich wetten. Und er hat etwas in der Hand. Eine Prescription. YES!

    Er erklärt mir, wie oft und wann ich die Betablocker einnehmen soll. Ich hatte gehofft, er fragt nach meiner Kreditkarte, denn ich will jetzt unbedingt wieder zu Bèisha, allerdings in einer angenehmeren Positiion. Statt dessen bittet er mich, zu warten. Ich lerne inzwischen die Warnhinweise auswendig, jedenfalls die in Englisch. Nach weiteren 20 Minuten kommt die Providerin in den Raum und bringt mir die Rechnung.

    198 Dollar und 99 C

    Ich stopfe ihr die Kreditkarte in den Hals und dann nichts wie weg hier. Bèisha wartet. Zuhause. Ich kann übrigens alle drei Bücher wärmstens empfehlen.

    Geschieht dem Cape Coral Hospital ganz recht, dass es wegen seines schlechten Services einen Aufstand im Alligator Valley auslöst. Wartet, wartet nur ein Weilchen. Major Lelouche wird Euch schon noch die Flötentöne beibringen. Wobei mir gerade die Ähnlichkeit zwischen Lelouche und dem Pysician auffällt.....

  • Floridaboy und andere Träume: Welcome to Paradise

    Es war in jenem Sommer, in dem der Schäferhund Rolf und ich endlich Frieden schlossen. Rolf gehörte meiner Tante und die war, wenn man Tanten in Klassen einteilen könnte Premium. Wer hatte schon eine Tante mit einem Schäferhund, zwei Affen und einem Bootshaus in "Klein Venedig" am Stößensee? Den Schäferhund und das Bootshaus hatte sie von ihrem verstorbenen Mann geerbt, die Affen kamen von ihrem Lover, einem Flugkapitän, der kein Flugkapitän, sondern ein Heiratsschwindler war. Aber das wusste Tantchen in diesem Sommer noch nicht und auch nicht, dass sie im Jahr darauf kein Bootshaus und keinen Lover mehr haben würde. Aber in diesem Sommer war ihre Welt noch in Ordnung und auch ich schwebte auf Wolke sieben. Meine Eltern hatten mich in den großen Ferien bei Tantchen in Berlin abgegeben,  drei Wochen Freiheit und Abenteuer. Ohne Eltern, mit zwei Affen, einem Schäferhund und sehr vielen netten Bootsbesitzern, die mich gern mitnahmen bei ihren Fahrten durch die Berliner Wasserwelt. Einer dieser Bootsbesitzer arbeitete in einer Schokoladenfabrik und so kam ich zu Schokolade im Zehnerpack. Und mit dieser Schokolade bestach ich Rolf. Meinen Erzfeind, denn Rolf war eifersüchtig auf mich, er hatte mich einmal sogar gebissen. Aber Rolf hatte eine beherrschende Leidenschaft und die hieß: Schokolade. Die wurde ihm in homöopathischen Dosen verabreicht, weil Rolf davon Blähungen kriegte. Aber wenn Schokolade im Schrank war, dann setzte sich Rolf davor und heulte so lange wie ein verliebter Wolf, bis Tantchen Erbarmen hatte. Natürlich bettelte er auch mich an, als er meinen Zehnerpack erschnüffelte und ich gab ihm Schokolade. Alle zehn Tafeln hat er mir abgeluchst, danach hat er meine Hand geleckt und seine Schnauze in meinen Schoß gelegt.
    Aber eigentlich erzähle ich diese Geschichte nicht wegen Rolfi, sondern wegen Floridaboy und anderen Träumen. Floridaboy hieß eine Orangenlimonade - wahrscheinlich von Schultheiss - die Tantchen in ihrer illegalen Kneipe im Bootshaus verkaufte. So wie Rolf Schokolade liebte, liebte ich Floridaboy. Aber auch Lulu, eine der beiden Meerkatzen, liebte Floridaboy. Was dazu führte, dass wir uns immer gegenseitig die Flaschen klauten. Sobald ich eine Flasche von meiner Tante bekam, hüpfte Lulu auf einen Schrank und beobachtete mich so lange, bis ich die Flasche irgendwo abstellte, dann sprang er vom Schrank, griff sich die Flasche und sprang laut lachend auf den Schrank zurück. Mit der Nummer hätten wir im Zirkus auftreten können. Natürlich jagte ich den Affen quer durch Tantchens Holzhäuschen (heute würde man das Gingerbreadstyle nennen - sehr floridianisch).
    Schlafen durfte ich in einer Kammer hinter dem Haus. In dieser Kammer lernte ich Jerry Cotton kennen, Tantchen hatte etliche Exemplare in ihrer illegalen Kneipe ausliegen. Es waren meine ersten Krimis, ich war in jenem Sommer zehn Jahre alt und all das ist 50 Jahre her. Es war herrlich, ich konnte die ganze Nacht lesen, ohne dass irgendwer es mitkriegte. Bis auf jenen unglücklichen Tag, an dem ich Rolfi zehn Tafeln Schokolade verfüttert hatte. Mitten in der Nacht öffnete meine Tante die Tür und schmiss - jawohl, sie schmiss! - Rolfi hinein. "Zur Starfe schläft er bei Dir" rief sie und knallte die Tür zu. Rolfi schaute mich mit seinen treuen Augen schuldbewusst an, legte den Kopf zur Seite und furzte wie ein Bierkutscher.
    Das waren meine ersten Begegnungen mit Florida, mit Krimis und mit Haustieren. Es war der schönste Sommer meiner Kindheit, was mir davon blieb, waren die Erinnerung, die Liebe zu Krimis und ein warmes Gefühl, wenn ich das Wort Florida nur hörte.
    Vier Jahre später flog ich zum ersten Mal mit meinem Vater und zwölf verklemmten Ingenieuren nach Florida - sie hatten mich auf diese Reise quer durch die USA mitgenommen, weil keiner von ihnen genug Englisch konnte, um auch nur unterwegs einen Burger zu kaufen. Wir waren einen Tag in Miami, alle wollten schnell weg, auf die Bahamas, weil Miami soooo schrecklich war.
    Mein Herz schlug für San Francisco, für Los Angeles, für Kalifornien. Na klar, es war die Zeit von Flower Power und es war die Zeit in der ich Margret Millar und Ross McDonald für mich entdeckt hatte.
    Es sollte 25 Jahre dauern, bis ich wieder nach Florida kam. Zum Erholen, drei Tage zwischen New York und New Orleans. Es war Liebe auf den ersten Blick. Ich kam wieder. Immer wieder. Und dann lernte ich auch noch meinen Floridaboy kennen. Er war zwei Wochen bevor ich mit einer Freundin nach Florida reiste, selbst in Florida gewesen und gab mir auf meine Reise von jeder Stadt Landkarten mit und Promotionsflyer von guten Geschäften und Restaurants. So sorgte er dafür, dass ich fern von Berlin entdeckte, dass das der richtige Mann für mich war. Klar, dass uns unser erster gemeinsamer Urlaub nach Florida führte. Bei dem wir uns dann fast getrennt hätten. Eigentlich konnten wir uns nie einigen. Er liebte Fort Lauderdale, ich bin bekennender Miami-Fan. Vor 20 Jahren fanden wir dann einen Kompromiss. Wir fuhren zum ersten Mal nach Southwest Florida und mieteten ein Haus mit Pool, mit Auto und Boot in Cape Coral. Als wir mit unserem roten Cabrio zum ersten Mal über die Brücke über den Caloosahatchi fuhren und das Schild "Welcome to Paradise" in Sichtweite kam, ließ sich meine Seele direkt neben einem Pelikan auf der Brücke nieder. Als wir nach drei Wochen abfuhren, fragte ich meine Seele, ob sie mitkommen wolle. Meine Seele schüttelte den Kopf und blieb.
    Ich wäre auch am liebsten geblieben. Aber wir hatten und haben immer solche Berufe gehabt, die unsere ständige Anwesenheit in Deutschland verlangten. Einmal haben wir sogar einen Roman geschrieben, der in Florida spielt, nur um unsere Sehnsucht zu stillen. Wir werden diesen gemeinsam geschriebenen Roman in diesem Jahr veröffentlichen, auch deshalb sind wir hier.

    Außer einer ziemlich durchgeknallten Tante hatte ich noch einen außergewöhnlichen Vater. Der sich mit 63 Jahren pensionieren ließ und sich sofort selbständig machte. Er hat bis er 78 war gearbeitet und weltweit seine Erfindungen verkauft. Die führten ihn in die tollsten Länder dieser Welt. Er arbeitete monatelang in Amerika und Mexiko, in Japan und Korea, in Brasilien und Indien. Er richtete Werke ein, konzipierte für seine Kunden Produktionsstraßen. So blieb er immer ein halbes Jahr vor Ort, bis alles so lief, wie es laufen sollte. Am häufigsten lebte er in Palm Springs, da war sein erster Kunde, der ihn sozusagen rumreichte. Nach Acapulco, Hawaii und Sao Paulo.
     
    Ich war immer stolz auf meinen Alten. Er hatte mir vorgemacht, dass man auch im Alter noch etwas auf die Beine stellen kann. Aber auch ein bisschen neidisch. Denn ich hatte nun mal keinen Beruf, mit dem man egal wo auf der Welt arbeiten kann. Wie oft habe ich davon geträumt, in Cape Coral arbeiten zu können.

    Und dann wurde das Internet erfunden und amazon. Träume können wahr werden. Jetzt sitze ich hier mit Blick auf den Pool und auf die Kanäle und versuche einen Krimi zu schreiben. Ich habe noch nicht eine einzige Zeile produziert. Weil jeden Tag etwas dazwischen kam. Da muss der Satz für das Taschenbuch Korrektur gelesen werden, da wird mit Anwälten wegen Verträgen korrespondiert, da muss das Hörbuch zur Freigabe abgehört werden. Das CD-Cover muss getextet, die Titelei muss zusammengestellt werden, da sind Interviewwünsche zu beantworten und die Übersetzerin hat Fragen und der Verlag auch. Das Schriftstellerleben in Cape Coral ist genauso arbeitsintensiv wie zu Hause. Dabei dachte ich, dass ich hier mal ein paar Tage ganz in Ruhe würde schreiben können. Von dem Gedanken muss ich mich wohl verabschieden. Ruhe ist erst auf dem Friedhof.

     

    Florida13 062Mein Blick vom Schreibtisch auf den Pool und die Kanäle.

  • Tränen statt Prada

    Mehrere Journalisten haben mich bereits gefragt, was ich mir denn Schönes von dem vielen Geld gekauft hätte, das ich mit "Der 7. Tag" verdient habe. Ich musste sie enttäuschen, ich bin nicht der Typ, der, wenn er ein paar Mark verdient, die sofort in eine neue Pradatasche oder einen Brillie investiert. Abgesehen davon, dass ich noch das Finanzamt glücklich machen muss, habe ich ein bisschen was als Spielgeld abgezweigt. Und das habe ich nun drei Tage lang ins studio_wort getragen. Ich habe zwar keine Ahnung, ob jemals irgendjemand ein Hörbuch von "Der 7. Tag" kaufen wird, da ich selbst nie Hörbücher höre, aber ich produziere jetzt eines. Wenn es schon keiner kauft - mir hat es jedenfalls Spaß gemacht. Ist ja schon eine Weile her, dass ich im Studio gesessen habe.

    Nika im Studio

    Mein erster Tag im Studio von RTL in Luxemburg. Ich sollte am Vorabend anreisen, Luxair von Frankfurt bis Luxemburg. Aber Luxemburg lag unter einer geschlossenen Nebeldecke, was dazu führte, dass klein Nika zusammen mit 20 Ölscheichs in Metz landen musste. Dort warteten wir gemeinsam in einer zugigen Halle (es war ein ebenso kalter Februar wie jetzt gerade) auf einen Bus, der uns nach Luxemburg bringen sollte. Der kam auch Stunden später, die Ölscheichs und ich waren kurz vorm Verhungern, denn in Metz gab es nichts zu essen. Als er ungeheizte Bus uns endlich in Luxemburg auf dem Flughafen absetzte, war es zwei Uhr morgens.

     

    Der Flughafen war geschlossen, es gab keine Taxen mehr und Funktelefonone gab es damals auch noch nicht. Als dann endlich einer der Scheichs ein Taxi über Telefonzelle ergatterte, konnten wenigstens ein paar Kollegen über Funk gerufen werden, was dauerte, weil die Taxifahrer nachts um zwei in Luxemburg im allgemeinen schlafen. 

    Ich wurde von dem Fahrer von einem der Scheichs direkt zum Sender gefahren, wo man mich bereits auf die Verlustliste gesetzt hatte. Aber immerhin kam ich früh genug, um gleich die Morgensendung mitzproduzieren zu dürfen. Man setzte mich in die "Frittenbude", (eine Art Aquarium , in dem Korrespondentenbeiträge geschnitten wurde), wo man mir innerhalb von drei Minuten beibrachte, wie man das macht. Das hätte auch wirklich Spaß gemacht, hätte da nicht erstmal ein mittelschweres Erdbeben für gewaltige Verwirrung gesorgt. Geistesgegenwärtig sprang ich unter den Schneidetisch.

    Was zu essen? Fehlanzeige. Es war Wochenende und am Wochenende hatte die Kantine von RTL geschlossen. Natürlich konnte ich nicht nach der Morgensendung ins Hotel gehen, der Chefredakteur wollte mich sprechen und bis dahin durfte ich noch ein bisschen Nachrichten schreiben. Eigentlich ist es ein Wunder, dass der Chefredakteur das überlebt hat, denn als ich endlich einen Termin mit ihm hatte, war ich so hungrig, dass ich ihn am liebsten mit Haut und Haaren verspeist hätte. Der Chefredakteur lächelte mich über meine gesammelten Nachrichten an, die ich ihm vorlegen musste, drückte sie mir in die Hand und sagte: "Na, dann zeige ich Ihnen jetzt mal das Studio." 

    Ich ahnte nicht Böses. Er bat mich, vor dem Mikrofon Platz zu nehmen. "Wenn das rote Licht aufleuchtet, sind Sie auf Sendung." Wir haben noch eine Minute, dann lesen Sie die Nachrichten. Sie können sich schon mal die Kopfhörer aufsetzten. Nach jeder Nachricht spielt die Technik einen kurzen Jingle ein, nicht erschrecken", sprachs und verließ das Studio. Ach du heilige Scheiße. Mein Magen knurrte lauter als die Musik, die aus dem Kopfhöhrer kam und ich stellte mir vor, dass mir gleich über fünf Millionen Menschen zuhören würden. Fünf Millionen, ja, das waren damals die Zuhörerzahlen von RTL Luxemburg in Deutschland.  

    Und dann ging plötzlich das rote Licht an. Ich guckte hoch, durch die Scheibe zur Technik und noch heute bewundere ich mich dafür, dass ich nicht laut schreiend raus gelaufen bin. Im Technikraum hatte sich alles versammelt, was man damals noch zur besten Sendezeit am Samstagabend auf den zwei Kanälen im Fernsehen als Moderatoren bewundern konnte. Das Privatfernsehen war noch nicht erfunden, jedenfalls nicht in Deutschlasnd.

    Ich fing an zu lesen. Beim ersten Wort kriegte ich einen solchen Schreck, dass ich mich fast verschluckt hätte. Aber da ich seit ungefähr 20 Stunden weder etwas gegessen noch getrunken hatte, konnte ich mich nicht verschlucken. Mir hatte nämlich keiner gesagt, dass man sich aus dem Kopfhörer selbst hört. Allerdings mit einer Zehntelsekunde Verzögerung. Die erste Nachricht war gesprochen, Zack, Jingle. Rotes Licht wieder an. Und so ging das gefühlte zweieinhalb Stunden lang, wieso gab es eigentlich so viele Nachrichten, die können doch nicht sooo lange dauern.

    Endlich war ich fertig. Das rote Licht erlosch. Nebenan sah ich, dass die Männer klatschten. Hören konnte ich sie nicht. Bis auf eine Stimme aus dem Lautsprecher, die mich aufforderte, doch mal nach nebenan zu kommen. Gut gebrüllt, Löwe. Ich konnte nichtmal aufstehen. Irgendeine mitleidige Seele kam dann ins Studio und brachte mir einen Cognac. Den habe ich runtergestürzt und danach war ich besoffen genug, um das Nachfolgende zu ertragen.

    Ich wankte in den Technikraum, nahm auf einem Büßerstühlchen Platz. Sie spielten das Ganze nochmal ab. Und dann unterhielten sich all diese Starmoderatoren über meine Stimme. Das ist in etwa so, als ob man nackt vor einer Klasse von Malern steht, die sich über die Form deiner Brüste oder deines Hinterns unterhalten. Ich war kurz vorm Kollabieren. Himmel, ich war gekommen, um als Redakteurin für eine Morgensendung zu arbeiten. An diesem Mittag wurde entschieden: sie braucht keine Sprachausbildung, das Mädchen kann sprechen.

    Das ist fast 30 Jahre her. Und seit Samstag habe ich nun dreimal wieder  im Studio gesessen und "Der 7. Tag" gesprochen. Währenddessen hat Hanspeter Ludwig das Digipack entworfen, in das die CDs hineingelegt werden sollen.
    Es ist schon komisch, sein eigenes Buch zu lesen. Ich fand es spannend, eigentlich war ich jeden Tag traurig, dass ich aufhören musste zu lesen, weil es gerade so spannend war. Ja, ich mag ihn, den 7. Tag.

    Ein paar Mal allerdings hatte ich Schwierigkeiten. Es gibt ja ein paar Szenen, die sind wirklich traurig oder auch rührend und ich weiß ja, wie traurig sie dann enden. Ich habe es nicht geschafft, diese Szenen zu lesen, ohne dabei zu heulen. Und mit Mikrofon hörst du jede kleine Verunsicherung in der Stimme. Die Szene, in der Bille mit Gabi in ihrer Praxis - untenrum ohne - vor Freude tanzt, habe ich glaube ich dreimal gesprochen, bis ich es ohne Tränen hinbekam.

    Gestern hat es mich dann total umgeworfen. Ich hatte vergessen, dass ich die Sterbeszene von Billes Mutter nachträglich um meine eigenen Erfahrungen bereichert hatte. Da sitzt du nun im Studio und sprichst die letzten Minuten deines eigenen Vaters und deine eigenen Gedanken dabei. Ich bin heulend über dem Kindle zusammengebrochen.

    Und dann die prophetischen Teile. Ich hatte zum Beispiel total ausgeblendet, dass wir über ein Grundstücksgeschäft in Mahlow reden. Und die Nähe zum Flughafen Schönefeld. Der ja 2009 eröffnet werden soll..... Es gab also nicht nur etwas zum Heulen, da habe ich dann wirklich schallend gelacht.

    Na ja, vielleicht kaufen ja doch ein paar Menschen "Der 7. Tag" als Hörbuch. Und vielleicht ist es gar nicht so schlimm, wenn man an bestimmten Stellen merkt, dass die Autorin mit ihrer Protagonistin mitlebt. Aber was mache ich mit dem 5. Gebot? Das kann ich unmöglich selbst lesen, da fange ich ja schon an zu heulen, wenn ich an bestimmte Stellen nur denke!

     

     

  • Die acht Säulen der Angst

    So, jetzt ist es da:  "Das 5. Gebot" und Nika Lubitsch biegt soeben in die Zielgerade des Wahnsinns ein. Jeder, der schon einmal ein kreatives Werk an den Mann bzw. die Frau gebracht hat, kennt sie, die acht Säulen der Angst.

     

     

     

    Säule 1: Der Plan
    Wenn ich groß bin, werde ich Schriftstellerin. Ehrlich, das habe ich in mein Tagebuch geschrieben, kaum konnte ich mit einem Geha-Füller linierte Seiten vollklecksen. Ja, ja, ja, ich wollte Bücher schreiben. Geschichten erzählen, so wie mein Daddy. Der konnte wunderbare Geschichten erzählen. Bis zu einem bestimmten Alter habe ich die ihm sogar geglaubt. Als ich Böll, Grass und Mann durch hatte, kamen die ersten Krimis in Deutschland in Mode. 180 Seiten (ja, liebe Leute, das war das klassische Krimiformat), rororo und bereits bei meinem ersten Ross Macdonald wusste ich: Sowas will ich schreiben. Der Plan war also gemacht.
     "Weißt du Schatz", sagt meine Mama,  "das mit den Büchern ist genauso wie in der Werbung. Alles beginnt damit, dass man zu einer Präsentation eingeladen wird. Man hat noch keine Idee worum es geht, man hat keine Ahnung von der Materie, aber man weiß eins ganz genau: Diesen Pitch will ich gewinnen. Säule 1."

     

     

     

    Säule 2: Das große Warten
    Am Anfang ist die Hoffnung: Man wartet darauf, dass man irgendwann von der Muse geküsst wird und dann alles wie von selbst geht. Allein die Muse ist anderweitig beschäftigt und man kann genausogut auf Godot warten wie auf den rettenden Einfall. Der will sich einfach nicht einstellen, allein schon deshalb nicht, weil einen aus dem Bücherregal hunderte von großen, genialen, wunderbaren Autoren angucken und leise lachen: Mit uns willste dich anlegen, Mädelchen? 
    "Genauso ist es auch in der Werbung."  Mama mal wieder. "Du hast ja noch sechs Wochen bis zur Präsentation. Und alles, was dir einfällt, ist das, was garantiert die Konkurrenzagenturen machen werden. Allein bei den Namen deiner Konkurrenten rutscht dir das Herz rechts aus dem Slip. Säule 2. Bisher alles noch normal."

     

     

     

    Säule 3: Die Uhr tickt
    Ups,  Du bist schon 21 und immer noch nicht von Hitchcock verfilmt worden. Patricia Highsmith lacht höhnisch aus dem Bücherregal. Jetzt aber schell hinsetzten und konzentriert nachdenken. Am besten ein Konzept schreiben.
     "Genau", knall dich vor den Bildschirm und hau die Strategie in den Kasten. Analysiere den Kunden, die Zielgruppen, das Produkt. Und daraus entwirfst du dann eine Strategie. Dafür brauchst du nicht den Ansatz von einer Idee, sondern einfach nur konzeptionelles Denken und ordentliche Marktdaten. Schreib viel, der Kunde wird es sowieso nicht lesen. Aber du programmierst dein Gehirn. Mach dazu noch ein paar schicke Schaubildchen, vierfarbig mit nach oben verlaufenden gezackten Linien, Kuben oder Tortendiagrammen."
    Aha, also Säule 3, ist  wie in der Werbung: Drei Wochen  vor der Präsentation und noch immer keine Idee. Jetzt werden alle bemüht, derer man habhaft werden kann. Ehegesponst, Freunde, Zeitungen, google. Man recherchiert, sammelt Fakten, diskutiert und sondiert.
    "Verschenkte Zeit", sagt Mama, " Brainstorming mag zwar eine tolle Methode sein, das Betriebsklima nachhaltig zu vergiften, aber eine brauchbare Idee ist dabei noch nie rausgekommen." Also zurück an den Computer und arbeiten.

     

     

     

    Säule 4: Der Geistesblitz
    Du stehst morgens unter der Dusche, pfeifst dir ein Liedchen und plötzlich, so zwischen Shampoonieren und Frottieren ist er da. Der Kuss der Muse. Du schreist ganz laut: Ja, ja, ja, das ist sie, die Idee. Du weißt es, du bist begeistert, du hopst nackt durch die Wohnung, eine unheimliche Schaumspur hinterlassend, weil du es laut verkünden musst: Schatz,  ich habe es. Die Idee.
     "Klar hast du endlich eine Idee. Und weißt du warum,. weil du bei Säule 4 angelangt bist und dir die Säulen 1-3 dir bereits auf den Kopf gefallen sind. Man kann es auch Arbeit nennen. Kreativität ist nichts anderes als zu 95 % Fleiß. So nimmt man die 5-Prozent-Hürde zur Genialität." 
    Mama, darf ich nicht auch mal was entdecken, was Du noch nicht erlebt hast?

     

     

     

    Säule 5: Zeitdruck
    Da Säulen 1-4 mehr Zeit in Anspruch genommen haben, als du eigentlich hast, also bei mir so an die 40 Jahre, hast du es jetzt ganz eilige, deine Idee umzusetzen. Alle müssen gebrieft werden, damit das Baby pünktlich fertig wird. Grafik, Technik, Texte, Lektorat und Korrektorat, jetzt wird alles unter Hochdruck hergestellt. Und weil die Idee sooo genial ist, geht alles wie von selbst. "Na ja, fast. du legst ein paar Nachtschichten ein, schindest die Mitarbeiter, beutest dich selbst aus, kannst nicht mehr schlafen, isst nur noch ungesundes Zeug und bist komplett focussiert auf das Ergebnis. Und dann stellst du fest, dass dein Konzept mit der Strategie zwar absolut richtig war, aber leider so überhaupt nicht zu deiner Idee passt. Also schreibst du die Strategie nochmal um, deutest die Zielgruppen anders, jetzt geht es darum, die geniale Idee zu verkaufen, wer denkt da noch ans Konzept."
     Mamas Geheimnisse aus der Welt der Riesenwaschkraft!

     

     

     

    Säule 6: Der Test
    Oh, wie Du Dein Baby liebst. Bevor Du Dich damit ans Licht der Öffentlichkeit traust, machst Du erstmal den Hausfrauentest. Den Namen habe ich von Mama, so wird das in der Werbung genannt, wenn man die Sekretärin im Vorbeigehen fragt: Sach ma, wie findeste denn die Anzeige. (Wem die Anzeige nicht gefällt, wird mit Überstunden und Wochenendarbeit bestraft, also gefällt die Anzeige im allgemeinen den Sekretärinnen). Anders ist es natürlich bei Büchern. Da will man ehrliche Begeisterung bei den Testlesern. Jetzt heißt es: polieren.

     

     

     

    Säule 7: Die Zielgerade
    Nachdem der Drucker noch in der Nacht vor der Entscheidung den Geist aufgegeben hat, der Locher sich verklemmt hat und im allerschimmsten Fall der Computer einen Totalblackout hatte, ist es endlich soweit: Das Baby kann der staunenden Öffentlichkeit präsentiert werden. Dies ist der Moment, in dem Dir alles egal ist, Hauptsache die Technik funktioniert. "Ich hatte Präsentationen", sagt Mama, "da fiel beim Kunden der Beamer aus. Macht besonders Spaß, wenn du dann noch auf Französisch präsentieren musst."

     

     

     

    Säule 8: The Day After
    Nun ist es also raus. Das Baby ist vorgestellt worden. Du bist immer noch ganz enthusiastisch, hast echt ein gutes Gefühl. Am Morgen danach stehst du auf und denkst: Scheibenkleister. Das war nix. Das wird nix. Was habe ich bloß für einen Mist produziert. Das kann ja keiner gut finden. Oh Mist, Mist, Mist. Du bist sowas von deprimiert, dass du am liebsten sofort wieder zurückschlüpfen möchtest ins Bett. All die Arbeit, all die Mühe, umsonst, umsonst, umsonst.

     

     

     

    "Ja, meine Kleine, so muss es sein. Wenn ich mich so gefühlt habe, dann hat innerhalb von zwei Stunden das Telefon oder das Fax geklingelt. And the winner is...." SNAFU - Situation normal - all fucked off.

     

     

     

    Danke Mama. Dann habe ich ja noch Hoffnung.

     

    Übrigens, hier ist er: der Link zum Baby: Das 5. Gebot Titelrichtig

     

    http://www.amazon.de/Das-5-Gebot-ebook/dp/B00B65A2ZG/ref=sr_1_5?s=books&ie=UTF8&qid=1359197603&sr=1-5

  • Die Fresse poliert - 33 Testleser und 10 Fingernägel

    Wer jemals auch nur fünf Zeilen in seinem Leben veröffentlicht hat, weiß, wovon ich spreche: Autoren haben ein seltsames Verhältnis zu ihren geistigen Ergüssen. Bevor man jemandem zeigt, was man geschrieben hat, dreht und windet man sich wie ein Mobile bei Windstärke 9. Während jemand dann den Text liest, würde man am liebsten im Erdboden versinken vor Scham, wie Django mit den Särgen in der Ferne verschwinden oder es machen wie unsere Katze: wenn ich mich unter einem Handtuch verstecke, sieht mich keiner. Noch schlimmer ist es, wenn man gerade einen Bestseller gelandet hat und nun bitteschön ein Nachfolger geliefert werden soll. Deshalb also meine Aktion Testleser. Über Facebook habe ich Testleser gesucht und es meldeten sich 33 Leser, davon neun Männer. Diese habe am Donnerstag das bereits lektorierte Manuskript von "Das 5. Gebot" per pdf erhalten und sollten bis Sonntag dieses lesen und einen Testbogen ausfüllen.

    Wie gut, dass niemand die Bissspuren in meiner Schreibtischkante sieht. Mama ist da auch nicht hilfreich. Die sagt nämlich: "Stell dich nicht so an, jahrzehntelang hat dich jeder verdammte Sparkassendirektor oder Schweinezüchter umgeschrieben." Ach Mama, Du warst die erste, die rausflog. Aber dazu später.

    Das 5. Gebot TitelrichtigDas neue Cover

    Männer lesen anders - Frauen auch 
     

    Warum also eine Aktion Testleser, wenn man sich vor Angst die Fingernägel abknabbert. Ganz einfach: Das 5. Gebot ist ein viel komplizierter Roman als "Der 7. Tag". Nochmal lasse ich mir nicht sagen, dass man bereits am Anfang weiß, wer der Mörder ist. Der Roman spielt im Grunde auf zwei verschiedenen Ebenen und die Grundfrage ist, wieviel muss bzw. darf man wann verraten, um die Spannung zu halten, die Neugierde zu wecken, dabei darf aber das Verständnis nicht auf der Strecke bleiben.

    Hinzu kommt, dass ich den Roman in zwei Teilen geschrieben habe. Der erste Teil wurde bereits 2006 geschrieben, ich habe damals über den Plot mit meiner heutigen Lektorin gesprochen, die früher auch für meinen Ex-Agenten tätig war. Den zweiten Teil habe ich in den letzten drei Monaten geschrieben, nachdem Regine Weisbrod den ersten Teil bereits lektoriert hatte. Da sie genau wusste, worauf der Roman hinauslief, konnte sie zwar die Unebenheiten glätten, an der Sprache feilen, Längen aufzeigen, aber sie wusste beim Lesen, wie der Roman endet. Vor allem kannte sie meinen kleinen, gemeinen Kunstgriff, mit dem ich den Leser auf eine falsche Fährte führen will. Deshalb also zur Sicherheit die Aktion Testleser.

    Was habe ich doch für ein Glück. Solche Leser, wie meine Testleser, wünsche ich jedem Autor. Besser geht nicht! Dreiunddreißig Menschen haben sich mit einem pdf rumgeschlagen, um in der Zeit zu bleiben, haben sich Gedanken gemacht, zum Teil Korrektur gelesen. Ich habe 33 detailliert Berichte bekommen und bin absolut sprachlos, wie genau und sachkundig die Testbögen ausgefüllt wurden. 33 Menschen haben sich voll und ganz auf "Das 5. Gebot" eingelassen.
    Das Ergebnis ist hochinteressant. Zeigt es doch: Männer lesen anders, Frauen auch.

    Zunächst mal zur Statistik: 2/3 der Männer fanden den Roman superspannend, bei den Frauen waren es nur 5 Leserinnen, die superspannend angekreuzt haben, das entspricht 20 % der Leserinnen, also 1/5. Zwei Frauen fanden den Roman nicht so spannend, 16 Frauen und 3 Männer fanden das Manuskript spannend. Also schon mal ein guter Schnitt.

    Auf die Frage nach den Protagonisten, ob man sie mag oder nicht und welchen Protagonisten am liebsten, ergibt sich ein eindeutiges Bild: Alle Männer fanden die männlichen Protagonisten am sympathischsten, wobei 90 % der Männer den Mann wählten, an dem mein eigenes Herz am meisten hängt. Das war eine Überraschung! Denn nur eine einzige Frau wählte meinen Herzensmann zum liebsten Protagonisten.

    Einige Frauen hatten Probleme mit meiner Protagonistin Vicky. Okay, ich gebe zu, ich habe mir schon Leo erschaffen, damit meine flapsige Art zu reden und zu denken irgendwo eine Heimat bekommt. Aber auch bei Vicky schimmert meine ironische Ader durch. Und schon kriege ich Prügel. Sie würde viel zu kalt den Tod ihrer Mutter hinnehmen. Wie kommen die Mädels denn darauf? Vicky heult sich doch die Augen aus vor Kummer. Wie kann Vicky beim Fund einer Leiche noch eine Ameisenprozession auf ihren Schuhen sehen? Okay, ich gebe zu, das ist nicht Vicky, das bin ich. Die Vostellung, was man denkt und fühlt, wenn ein geliebter Mensch stirbt, habe ich aus eigenem Erleben und nicht nur aus sturzbetroffenen Serienkrimis. Als mein Vater starb habe ich sogar meine Gedanken und Gefühle aufgeschrieben. Für mich ist es erstaunlich, was man alles so denkt in so einem Moment, man dissoziiert, man steht vielleicht sogar neben sich und beobachtet sich selbst. Aber es gibt keine dummen Leser, nur dumme Autoren. Deshalb habe ich aus den betroffenen Szenen alles auch nur ansatzweise Flapsige rausgestrichen.

    Verstanden haben den Roman alle. Sagten meine Testleser. Beim Auswerten der Testbögen kam allerdings heraus, dass alle Männer den Roman verstanden haben, allerdings vier Frauen gar nicht und einige andere nur zum Teil. Oh ha! Nun gibt es keine dummen Leser sondern nur dumme Autoren. Hier also gab es Verbesserungsbedarf.

    Mehrere Leserinnen monierten, dass man am Anfang nicht so schnell in den Roman hereinkäme. Also auch hier: Arbeit, Lubitsch!

    Mama: Ich hab Dich gestrichen!

    Drei Frauen reagierten geradezu allergisch darauf, dass meine Protagonistin ihre Mutter in Gedanken Mami oder Mama nennt. Da könnte ich jetzt stundenlang argumentieren, dass ich mit meinen 60 Jahren meine Mutter in Gedanken immer noch Mutti nenne und mein 70jähriger Mann seine Mutter Mama, aber warum sollen meine Leser grüne Pickel kriegen, wenn es ein Programm in word gibt, das heißt suchen und ersetzen. Also heißt Mami jetzt Mom oder meine Mutter und gut ist. Und nein, liebe Testleser, Leo wird auch weiterhin Vicky mit Häseken anreden. Die englischen Übersetzer können daraus gerne Bunny booh oder sonstewas machen, mein Leo sagt Häseken!

    Was ich supertoll fand: Meinen Testlesern sind Namensverwechselungen aufgefallen, Druckfehler, Unlogisches. Ich kann nur sagen: Danke, danke, danke, Leute, Ihr habt eine Katastrophe verhindert!

    Mehrere Testleser haben mich darauf aufmerksam gemacht, dass zwei Ereignisse im Buch nicht aufgeklärt worden sind. Na, wenn es weiter nichts ist - das war schnell eingefügt.

    Ich habe also meine Sprache bei den traurigen Szenen geglättet, habe ein Kapitel hinzugefügt, das buchstäblich die Zusammenhänge erklärt, von denen ich geglaubt habe, sie würden sich dem Leser erschließen, ich habe die Schreibfehler und Bezeichnungsfehler geändert und dann habe ich die gesamte Struktur des Romans einmal durcheinandergewirbelt und die ersten kurzen Szenen auf das ganze Buch verteilt, damit meine Leser am Anfang erstmal Zeit haben, sich in eine Ebene der Geschichte einzulesen.

    Die meisten Krimileser sind Frauen. Frauen lesen offenbar anders als Männer. Ich habe mich gefragt, warum haben einige Frauen das Buch wirklich nicht verstanden. Die einzige Erklärung, die ich dafür habe: Es gibt einige sehr kurze Kapitel über bereits gestorbene Frauen, die alle in der gleichen Diktion geschrieben sind. Mein Eindruck war, dass diejenigen, die nicht verstanden haben, die Kapitel nur überfolgen oder nicht bis zum Schluss gelesen haben, weil sie geglaubt haben, dass sie die Information, die in diesen kurzen Kapitel mitgeteilt wird, bereits kennen. Dass ein Reizwort reicht, um sich ein Bild zu machen. Vielleicht war es auch eine unterschwellige Angst, sich mit dem Bösen auseinanderzusetzen.

    Mama hebt gerade die Hand. "Das ist genauso wie bei einem Anzeigentest". Mama mal wieder, die war früher mal in der Werbung. "Wenn du was über Männer und Frauen lernen willst, geh mal zu einem Anzeigentest", sagt sie. "Die Anzeigentester holen zunächst eine Gruppe von 10 Frauen zusammen, die jeweils eine Zeitschrift in die Hand gedrückt bekommen. Die müssen dann in der Zeitschrift blättern und danach sagen, an welche Anzeigen sie sich erinnern. Dann wird die zu testende Anzeige herausgenommen und es werden Fragen gestellt. Nach der Assoziation, nach der Glaubwürdigkeit etc. Danach kommen 10 Männer an die Reihe mit den gleichen Fragen. Und am Abend dann: Gemischtes Doppel. Ich war mal im Monitorraum, also sozusagen live dabei, als eine Anzeige von mir für die deutsche Landwirtschaft getestet wurde. Auf dem Bild war eine bildhübsche Kuh auf einer noch hübscheren Wiese zu sehen. Und dann ging es los. Woran dachten die Frauen zuerst: Wo sind die Kälber?  Woran dachten die Männer zuerst. An Käse. An Steak. Dann das Gemischte Doppel. Alle dachten zuerst an einen Sonntagsausflug mit der Familie. Eine Frau sagte: Die Kuh guckt einer Familie auf Fahrrädern hinterher. Niemand - wirklich niemand in dieser Gruppe hat an Kälber gedacht und niemand an Essen. Bigotte Bande!
    Was aber wirklich interessant war, war die Empfehlung der Psychologin nach dem Anzeigentest. Sie empfahl, das Bild der bildhübschen Kuh auszutauschen, weil diese irritiert gucke, ihre Ruhe sei von Radfahrern gestört worden. Ich habe das Bild übrigens nie ausgetauscht und später mit der Anzeige einen Marketingpreis gewonnen."

    Ja, ja, Mama erzählt aus dem Krieg. Das kann man nicht vergleichen. Denn ich müsste mit dem Klammerbeutel gepudert sein, wie meine Mama immer sagte, wenn ich die Anmerkungen meiner Testleser nicht absolut ernst nehmen würde. Ihr habt meine "Fresse poliert", mir gezeigt, wo es hakt und mir trotzdem Mut gemacht. Das war so viel mehr, als ich jemals erwartet habe.

    Ein ganz herzliches Dankeschön an alle, für Eure Mühe. Selbstverständlich bekommt jeder, der mitgemacht hat, das Buch, wenn es denn gedruckt wird, als Geschenk von mir mit persönlicher Widmung.

     

     

  • Krimi oder Historical ? Ein Tag mit der Deutschen Welle

    Nika verzweifelt gesucht ? kurz vor Weihnachten bekam ich innerhalb von drei Stunden von allen Seiten Suchmeldungen. Typisch Journalisten, wenn man nicht direkt vor dem Rechner und neben dem Telefon sitzt, dann werden gleich schwere Suchgeschütze aufgefahren: Kollegen werden angebeamt, alle verfügbaren Mailboxen gefüttert und so ein Anrufbeantworter hat ja auch noch Platz. Die Deutsche Welle wollte also ein Interview. Wenn es weiter nichts ist?

     

    Nun kennt man die Deutsche Welle ja nur aus dem Urlaub. Sie ist so etwas wie der staatliche Gruß der Daheimgebliebenen. Ob Domrep oder Florida, Deutsche Welle TV bringt ein Stück Heimat ins Hotel oder Ferienhaus. Pech nur, wenn man im Gegensatz zur Putzfrau zu Weihnachten und Silvester zu Hause geblieben ist. Die Kollegen wollen natürlich bei mir zu Hause drehen und zu Hause zwei Wochen ohne Putzfrau ist vielleicht was für Big Brother aber nichts für die Deutsche Welle. Also erst einmal aufräumen, Weihnachtsdeko entfernen, saugen, wischen, Staub feudeln. Wie ich es hasse!

     

    Der Dreh ist am ersten Wochentag des Jahres angesetzt und mithin ist die Wohnung nicht nur Weihnachtsdeko frei, sondern auch Silvesterreste clean. Ich bin auch clean, obwohl ich am Neujahrstag nicht nur putzen musste, sondern vor allem mit einem dicken, fetten, langschwänzigen Kater im Clinch lag. Die Aloholrudimente sehen nicht wirklich attraktiv aus unter den Augen, auch wenn meine Vorbedingung war: Nur von der Seite, sonst gar nicht. Aber soll ich Silvester mit Mineralwasser verbringen, nur weil das Fernsehen kommt? Nö.

     

    Was mich wirklich irritiert hat war die Zeitansage. So zwischen zehn und achtzehn Uhr. Acht Stunden? Für ein Interview? Vier Minuten dreißig! Ich bin bestimmt eloquent, aber die Zuschauer viereinhalb Minuten dusselig quatschen? Würde sogar mir schwer fallen.

    Was mir der nette Redakteur (der mich bat, seien Namen nicht zu nennen ? warum eigentlich, er war nicht nur nett, sondern auch echt gründlich, konzentriert und höchst professionell) verschwiegen hatte: Eigentlich wollte das Team einen kleinen Tatort drehen!

     

    Vorab wurde abgesprochen, was sie drehen wollten. Ob ich einen Kindle habe. Yes, Sir, mehrere. Welches Schweinderl hätten Sie denn gern? Und wo? Nachdem klar war, dass es jetzt ?Der 7. Tag? auch als Taschenbuch im Handel zu kaufen gibt, wollte man unbedingt in einem Buchladen drehen. Mein Vorschlag: der Buchladen, der im Buch auch genannt wird ? Bille kauft dort das Standardwerk der Schwangerenliteratur ? und den ich auch im Stern-Artikel erwähne. Der Redakteur hat Bedenken, der Laden ist bestimmt klein. Wir sollten in ein großes Kulturkaufhaus. Da doppelt genäht besser hält, bereiten wir ? unabhängig voneinander - den Dreh im Buchladen vor.

     

    Noch vor Weihnachten suchen Menne und ich meinen Buchhändler ?Divan? an der Krummen Lanke auf. Dort herrscht Hochbetrieb, klar, ein paar Tage vor Heiligabend. Zuerst will uns die Dame, die immer noch nicht meinen Namen kennt, obwohl ich viele Jahre dort regelmäßig mit Kreditkarte eingekauft habe, an die Hauptfiliale verweisen. Dann besinnt sie sich anders und verfrachtet uns in den Nebenraum, wo wir darauf warten, dass die Geschäftsführerin sich zu uns bemüht. Ich würde am liebsten weglaufen, mir ist das peinlich, ich fühle mich wie ein Bittsteller. Endlich kommt die Filialleiterin, ich erkläre ihr freundlich, worum es geht und ob wir bei ihr drehen dürften, ob sie selbst auch etwas zum Thema e-books sagen würde. Ich halte ihr die Verlagsvorschau von mvg unter die Nase, daneben das Buch, erwähne, dass ihr Laden darin vorkommt. Sie sagt nach reiflicher Überlegung, ja, das könnten wir schon machen. Ich lasse ihr die Verlagsvorschau da, damit sie auch Bücher bestellen kann, zur Sicherheit bitte ich den Verlag, doch mal 10 Promo-Exemplare rüberzuschicken. Man weiß ja nie?

     

    Der nette Redakteur hat weniger Glück mit dem Kulturkaufhaus seiner Wahl. Dort führe man mein Buch nicht, aber wir könnten zum Dreh ja eins mitbringen, das würden andere Sender auch so machen, verlautete es per E-Mail aus der PR-Abteilung. Also bei Mama hat die Dame jedenfalls nicht gelernt!

     

    Und dann wird es endlich 2013, es klingelt und die Crew von der deutschen Welle steht vor der Tür. Sie sind nett, nicht nur der Redakteur, sondern auch der Kameramann und der Tonmann. Ich meine: richtig nett. Wir besprechen kurz, was alles gedreht werden soll, die Buchhandlung müssen wir zum Schluss drehen. Die Geschäftsführerin der Buchhandlung hat einen Trauerfall und erst am Nachmittag ist das Geschäft wieder mit zwei Mitarbeiterinnen besetzt. Also Buchhandlung später.

     

    Zum Aufwärmen muss ich erst einmal tippen. Jawohl, tippen. Und zwar in meinem fertigen Manuskript, die Kamera ist auch auf meinen Bildschirm gerichtet. Ich tippe also wie ein Weltmeister, der Kameramann dreht, vergisst mir aber zu sagen, wann er aufhört zu drehen, so dass ich da vor meinem Computer sitze und kompletten Schwachsinn in mein Manuskript tippe. Ich weiß nicht, wie lange ich getippt habe, aber es waren bestimmt dreißig Normseiten, bis der Kameramann endlich zufrieden war.

    Deutsche Welle 006

    Die nächste Einstellung ist leicht, ich soll einfach im Sessel sitzen und im Kindle lesen. Man glaubt gar nicht, wie schwer es ist, etwas ganz normal aussehen zu lassen, wenn man weiß, dass die Kamera auf einen gerichtet ist. Ich übe also kameratauglich Kindle zu lesen. Wie liest man unaffektiert? Kann man überhaupt unaffektiert sein, wenn man von so einem schwarzen Monster verfolgt wird?

     

    Die nächste Einstellung ist allerdings schwierig. Ich meine, ich habe ein großes Wohnzimmer mit einer riesigen Couch und die Wände voll mit Büchern. Der Kameramann verzieht sich in den Nebenraum und filmt durch die Tür. Typisch Fernsehen, der Raum ist mal wieder einen Meter zu kurz!  Der Redakteur sitzt auf dem Fensterbrett und ich hocke mit einer Pobacke auf der äußersten Ecke der Couch. HALT! Das Licht hinten stimmt noch nicht, wir müssen noch ein bisschen was auf die Spitzen geben. Der Hintergrund soll nur diffus sein. Umgekehrt wär' mir lieber!

    Während des Interviews versuche ich, die Balance zu halten und nicht mit der zweiten Pobacke von meiner riesigen Couch zu rutschen. Außerdem fängt es während des Interviews an zu riechen. Liegt es an den Pizzen, die mein Schatz für das Crew-Catering in den Ofen geschoben hat? Ich versuche, mich auf die Fragen zu konzentrieren. Es riecht wirklich verbrannt! Der Tonmann fummelt mir zwischendurch am Busen rum, weil meine Kette am Mikro klappert. Dabei habe ich mir schon Leichtplastik umgewürgt, damit es einen Farbkontrast gibt ohne zu klappern. Der Tonmann hört zu diesem Zeitpunkt bereits auf Schatzi. Das schätze ich und Männer die vor mir knien sowieso!

     

    Nachdem wir uns zu fünft zwei Pizzen geteilt haben (mehr gingen nicht in den Ofen, sagt Menne) müssen wir uns beeilen. Vorher gesteht aber der Kameramann, dass die Abblendfolie auf meiner englischen Börsenlampe geschmolzen ist. Wenn?s weiter nichts ist! Wir wollen noch im Garten drehen, es ist der Garten der Thalheims, in der Nachbarvilla, die ebenfalls auf dem Grundstück steht, habe ich vor dreizehn Jahren ?Der 7. Tag? geschrieben. Aber draußen wird es bereits dunkel, also schnell ab in die Botanik. Ich sehe im Monitor, dass der Kameramann wirklich ein Künstler ist. Der quetscht aus dieser Bilder-armen Geschichte an einem dunkelgrauen Januartag das Letzte raus.

     

    Inzwischen ruft Menne in der Buchhandlung an und fragt, wie lange man denn noch auf habe. Bis 19.00 Uhr ist die beruhigende Antwort.

    Was er noch nicht wusste zu diesem Zeitpunkt: Das Schlimmste stand uns noch bevor. Denn bis jetzt hatten wir ein Interview und ein paar harmlose Bewegungen. Die Crew hatte sich aber etwas Besonderes überlegt. Eigentlich wollten sie gar kein Interview drehen, sondern einen Tatort. Jedenfalls einen kleinen. Stichwort: Küchenmesser. Das Licht in der Küche erlischt. Die Autorin schlüpft in High Heels. Und ACTION!

     

    Ich laufe im Flur, nicht sichtbar für die Kamera mit lauten Schritten, gehe durch die Küchentür, öffne eine Schublade und ziehe ein scharfes Fleischmesser heraus, mit dem ich nach rechts abgehe. Man sieht nur meine Füße und hoffentlich das Messer. Wenn ich es richtig halte. Nein, und das Messer muss nochmal poliert werden. Das richtig Halten üben wir ungefähr zwanzig Mal, der Kameramann sagt etwas anderes als der Redakteur, dem Tonmann ist es egal? Klack, klack, klack, Schublade auf, Messer raus, Arm verdrehen, Messer mit der Klinge ganz ?natürlich? in die Kamera halten und aus dem Bild laufen. Natürlich gänzlich unaffektiert. Wenn das Dingen keinen Grimme-Preis bekommt, nehme ich mir einen Strick!

    Bei dieser Einstellung hat der Redakteur eine Bildidee. Jetzt ist der Tonmann dran, besser bekannt als ?Schatzi?, er muss mit dem Messer durch den Flur huschen, der Kameramann filmt nur seinen langen Schatten. Sieht zunächst ein bisschen zweideutig aus, aber an der Messerhaltung wird akribisch gearbeitet, bis man im Monitor nicht mehr einen schlechten Porno sondern einen Tatort erahnt.  

    Es ist halb sieben, als wir endlich in der Buchhandlung sind. Die Damen empfangen uns mit der Bemerkung, dass sie in zehn Minuten draußen abbauen und Krach machen müssten, damit sie heute nochmal nach Hause kommen. Gott sei Dank, vorn auf dem Tresen liegen fünf Exemplare ?Der 7. Tag?. Sie haben 20 bestellt, hatte mir mvg mitgeteilt, also genug Nachschub. Die eine Bibliothekarin steht mit beleidigtem Gesicht hinter dem Tresen. Die andere gibt ein Interview. E-Books? Nö, das interessiere sie nicht. Sie habe kein E-Book, sie lese keine E-Books, das sei für sie kein Thema. Konkurrenz? Nö, für sie nicht, sie hätten ein Stammpublikum, das ihre Beratung schätzen würde. Ob sie denn glaube, dass Selfpublisher über E-Books eine Chance hätten, einen Verlag zu finden. Eins zu einer Million, sagt sie.

     

    Dann fangen sie an, einzupacken. Der Tonmann hilft den Damen, der Kameramann filmt das Buch, an verschiedenen Stellen. Eine Kundin kommt rein, macht eine wegwerfende Handbewegung, die sagen soll, oh, bitte mich nicht. Sie verjagt den Kameramann von einer Ecke, denn dort sieht sie einen Stapel Briefpapier liegen, den will sie sich genauer angucken. Sie fragt nicht, wofür man da dreht, weshalb da ein Mann mit einer Kamera steht. Sie fühlt sich nur gestört. Ist so ein Verhalten normal? Ich hätte sofort gefragt: Und? Wofür ist das? Aber vielleicht bin ich nicht normal.

    Viertel vor Sieben sind wir fertig in dem Laden, auch draußen ist alles abgebaut. Der Kameramann will noch durch die Schaufenster filmen, wie ich mich mit der Bibliothekarin unterhalte. Wir schließen also die Tür, ich mache Small Talk am Tresen. ?Sie haben immer mehr Nebenprodukte im Angebot?, sagte ich und zeige auf Bleistifte und Frühstücksbrettchen auf dem Tresen. ?Ja?, sagt die Buchhändlerin, ?wissen Sie, an Büchern verdienen wir nichts.? ?Wieso?, frage ich erstaunt, immerhin gibt es die Buchhandlung seit Jahrzehnten und immerhin verdient diese Buchhandlung am Verkauf meines Buches mehr als ich. ?Wegen der Mehrwertsteuer?, sagt die Buchhändlerin. Wie gut, dass die Kamera hinter mir stand, ich muss wohl ein ziemlich beklopptes Gesicht gemacht haben. ?Sie wissen ja, dass Bücher ein geschütztes Kulturgut sind und deshalb nur 7 % Mehrwertsteuer darauf liegen. Deshalb verdienen wir daran nichts.?

    Es ist sieben Uhr, als wir den Laden verlassen. Das war wie ein Ausflug in die alte Welt. Einer, der mich zum Schluss sogar noch sprachlos gemacht hat. Was bei mir wirklich was heißen will!

    Man kann den Beitrag im internet sehen. Er läuft heute zwischen 17.30 Uhr und 18.00 Uhr auf Deutsche Welle TV im Magazin euromaxxx live, später ist er in der Mediathek abrufbar. Mal gucken, von wem und aus welchen Ecken der Welt ich Post bekomme. Darauf freue ich mich besonders.

     

     

  • Und täglich kommt der Weihnachtsmann

    Vor vier Monaten - es war Samstag, der 25. August -  kam er zum ersten Mal in diesem Jahr zu mir: Der Weihnachtsmann. Er hatte das schönste Weihnachtsgeschenk meines Lebens im Sack, Platz 1 der amazon-Bestsellerliste und das eine Woche nach der Einführungs-Gratis-Aktion von Der 7. Tag.  Ich habe geheult, geschrien, bin durch die Wohnung getobt, habe gelacht und wieder geheult. Freude, Freude, Freude! Eine Woche später überholte mich Shades of Grey, Band 2, aber es war egal, ich war einmal ganz oben gewesen, das reichte mir. 35 Jahre hatte ich darauf gewartet, 35 Jahre nachdem ich meinen ersten Kriminalroman geschrieben hatte, durfte ich endlich Erfolg haben. Aber auch Platz 2 war toll.

    Das zweite Mal erwischte mich der Weihnachtsmann im Hafen von Halifax. Der 7. Tag hatte wieder Platz 1 erobert. Sechs Wochen lang konnte das E-Book dort oben bleiben, sechs unfassbar lange, wundervolle Wochen.  Pünktlich zur Veröffentlichung von Band 3 der grauen Schatten war der schöne Traum vorbei.

    Aber der Weihnachtsmann war fleißig und so bescherte er mir am 13. November wieder Platz 1. Niemals hätte ich vor sieben Wochen geglaubt, dass ich dort noch an Heiligabend stehen würde.

    Danke, danke, danke, an den Weihnachtsmann, an all die Christkinder, die den 7. Tag gelesen haben, an alle, die sich das E-Book heruntergeladen haben.

    Wie ist es, wenn sich der große Lebenstraum erfüllt? Na, wie Weihnachten, wie denn sonst. Wie Weihnachten, Ostern, Geburtstag und Lottogewinn zusammen. Es ist so unfassbar, so unwirklich, so unwahrscheinlich, so unbegreiflich, dass mir glatt die uns ausgehen, um dieses Gefühl zu beschreiben. Man glaubt es einfach nicht, es ist so, als ob das jemand anderem passiert, nicht einem selbst. Was bin ich froh, dass ich Der 7. Tag unter Pseudonym veröffentlicht habe. So habe ich immer ein wenig Abstand dazu, es passiert eben der Nika. Auch ganz böse 1-Sterne Rezensionen kann man als Nika besser verkraften. Es kommt nicht ganz so nah.

    Wer nie ein Buch geschrieben hat, wird kaum ermessen können, wie stark ein Autor emotional an seinem Werk hängt. Es ist nicht das Produkt, das da bewertet wird, das bist du. So manch einer ist damit in der Psychiatrie gelandet.

    Und wie feiert nun eine Weihnachten, die seit vier Monaten Weihnachten hat? Ganz anders als in "normalen" Jahren. Weihnachten, das ist bei uns normalerweise zunächst mal eine Dekoschlacht. Ende November setze ich das ganze Haus unter Weihnachtsbeleuchtung, nicht kleckern, klotzen ist angesagt. Dazu hatte ich in diesem Jahr seltsamer Weise keine Lust. Und auch keine Zeit, denn Ende November musste ich mal schnell einen Verlag gründen, das Taschenbuch drucken lassen und mich um das neue Buch kümmern. Also keine Weihnachtsbeleuchtung. Ich habe für die Minimallösung einen Leuchtbaum gekauft und in den Oleandertopf gerammt.

    Während ich in normalen Jahren auf jedem Schrank Tannengirlanden mit Weihnachtsdeko habe und auf jedem Tisch mindestens ein selbstdekoriertes Adventsgesteck, bin ich in diesem Jahr zu meinem Blumenhändler gegangen und habe einen bescheidenen Adventskranz und ein Tischgesteck gekauft. Gestern haben wir zum ersten Mal bei angezündeten Adventskranzkerzen gemütlich Kaffee getrunken und Weihnachtsmusik gehört. Wir hatten bis jetzt keine ruhige Adventsminute gehabt.

    In normalen Jahren holen wir zwei Tage vor Heiligabend einen Baum vom Händler und dann muss mein Süßer in den Keller, fünf große Weihnachtsbaumkisten raufholen. Ich kenne nur einen einzigen Menschen, der mehr Weihnachtskitsch hat als ich, der fährt allerdings schon im Sommer zu Käthe Wohlfahrt. Einmal wäre ich von einem Weihnachtsbaum fast erschlagen worden, der auf mich fiel, als ich mit dem Schmücken fertig war und nur noch schnell unten drunter gefegt habe. Ja, ich liebe Weihnachtskugeln und ich habe für jede Stimmungslage ein Komplettset. Sprich alles zwischen Cremeweiß und Apfelrot, zwischen Tannengrün und Gold, zwischen Silber und Kupfer. Aber dieses Jahr hatte ich dazu keine Lust. Ich bin zu unserem Blumenhändler gegangen, habe einen Weihnachtsbaum im Topf gekauft und mir diesen geschmückt liefern lassen. Die Minimallösung.

    In normalen Jahren, da stehe ich Ende November in der Küche und backe Plätzchen. Und dann malen mein Mann und ich stundenlang liebevoll jedes einzelne Plätzchen an: die Katzen kriegen Barthaare aus Schokolade, die Weihnachtsmänner rote Johannisbeergelee-Mützen und die Schneemänner kriegen Liebesperlen als Knöpfe auf den Leib. In diesem Jahr bin ich nicht zum Backen gekommen, aber eine liebe Leserin hat mir selbstgebackene Kekse geschickt.

    In normalen Jahren habe ich im Dezember ständig die Bude voll. Es gibt die obligatorische Weihnachtgsparty für die Nachbarn, Anfang Dezember das große Geburtstagsessen mit Freunden, vor Weihnachten und zwischen den Jahren fast täglich Dinner-Besuch. Ich liebe es, meine Freunde zu bekochen. Dieses Jahr laden wir ins Restaurant ein. Ich habe keinen Nerv zum Kochen.

    In normalen Jahren, da planen wir bereits Mitte Dezember, was wir wann zu Weihnachten essen. Wir machen Kaninchenterrine, beizen Lachs, entern die Metro und kaufen ein, soviel das Auto an Stauraum bietet. In diesem Jahr waren wir noch nicht mal in der Metro.

    In normalen Jahren, da sind wir den halben Dezember damit beschäftigt, Weihnachtgsgeschenke zu kaufen. In diesem Jahr haben wir beschlossen: Wir schenken uns dieses Jahr nichts.

    In normalen Jahren sind wir Heiligabend vormittags bei Rogacki, Berlins bestem Fischhändler, und holen die bestellten Hummer, Austern und Braten ab. In diesem Jahr gibt es Tafelspitz, der bereits fertig gekocht auf der Terrasse steht.

    Schließlich ist dieses Jahr kein normales Jahr. Oder ist es normal, dass seit vier Monaten täglich der Weihnachtsmann kommt? Das kann man einfach nicht mehr toppen, weder mit Deko, noch mit Partys, noch mit gutem Essen oder Geschenken.

    2012 war ein Geschenk.

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