szmmctag

  • Total zugedröhnt

    In Amerika braucht man keinen Wecker. Denn hier ist alles pünktlich, zumindest die Maschinen. Um Punkt 8.30 Uhr springt die Poolpumpe mit einem lauten Rülpser an. Damit der Pool nicht verdreckt, wird das Wasser im Whirlpool gequirlt und dann über eine kleine Mauer in den Pool geschubst. Das regelmäßige Plätschern ist der Grundsound des Tages, was dazu führt, dass ich ständig auf's Klo muss. Da in Cape Coral die Nächte zwar nicht lang aber bisher meist kalt waren, springt gleichzeitig die Poolheizung an. Sobald der Wasserstand auch nur einen Millimeter niedriger ist als normal, hört sich das an, als ob der Pool Schluckauf hat und zwar abwechselnd an drei Stellen, dicke Luftblasen steigen an die Oberfläche und zerplatzen mit einem Geräusch, das sich anhört wie eine verliebte Kröte. Verdunstet noch mehr Wasser, dann läuft der Generator heiß mit einem Geräusch als ob jemand einen laufenden Rasenmäher neben dem Haus vergessen hat.

    Zeit also aufzustehen. Montagmorgen erschüttert die Müllabfuhr die Gegend mit dem automatischen Anhaben und Absetzen der Müllbehälter, die wir vorsorglich schon am Sonntagabend an die Straße gestellt haben. Die Müllabfuhr kommt zweimal, einmal zum Frühstück und einmal zum Mittagessen. Zum Frühstück gibt es Wertstoffabfall, zum Mittagessen Restmüll.

    Während ich noch das Frühstück in der Küche bereite, klingelt zum ersten Mal am Tag das Telefon. Ein Werbeanruf, natürlich. Sie beginnen alle gleich: "Kann ich mal Dirk sprechen", fragen sie. Dirk ist der Besitzer des Hauses. Und der Anrufer ist beileibe kein Freund von Dirk, hat Dirk nie gesehen, will ihm aber eine neue Versicherung, ein besseres Sicherheitssystem oder eine Geldanlage verkaufen. Ich sage dann immer ganz freundlich: "I tourist, I not speak English." Dann legen sie auf. Diese Werbeanrufe kommen im Schnitt 15mal am Tag, richtig ärgerlich sind die Anrufe, bei denen man mit einem Band spricht. Legt man auf, klingeln sie gleich nochmal. Besonders häufig kommen diese Anrufe natürlich während des nachmittaglichen Nickerchens. Aber es nützt ja nichts, eine Maschine anzubrüllen.

    Jetzt beginnt draußen die Kreissäge zu kreischen. Denn an der Ecke wird gebaut und das seit vier Monaten. Unsere Frühstücke auf der Terrasse sind begleitet von Hämmern und Bohren, von schreienden Arbeitern, von Baggern, die beim Rückwärtsfahren piepen, von dicken Lastern, die abgeladen werden. In dieses Konzert mischen sich die Dachdecker von gegenüber, denn dem Nachbarn ist beim letzten Sturm ein Teil des Daches verlustig gegangen. Zweimal in der Woche ist auch noch Ina da, unser guter Geist, der das Haus in Schuss hält. Allerdings ist das ein bisschen lauter als zu Hause, denn es gibt hier eine zentrale Sauganlage. Ina stöpselt einen langen Schlauch einfach in jedem Zimmer in die dazugehörige Steckdose und dann wird der Staub in einen riesigen Behälter, der in der Garage hängt, gesaugt. Allerdings hört man den Höllenlärm des Staubsaugers dadurch in allen Räumen, sogar draußen auf der Straße und 250 Quadratmeter saugen sich nicht in zehn Minuten. Gegen zwölf Uhr wird es plötzlich ruhig. Aha, Mittagspause. Also ab in die Küche, wir freuen uns auf ein Sandwich in Ruhe und Frieden.
    Trügerische RuheTrügerische Ruhe

    Wenn die Socken dreimal piepen

    Kaum sitzt man auf der Terrasse, biegt ein Mensch mit Gasmaske und Tropenhelm um die Ecke. Das ist der Gärtner und er sitzt auf etwas, das aussieht wie ein Aufsitzrasenmäher, sich aber anhört wie ein Panzer. Kaum ist er um die Ecke verschwunden kommt ein weiterer Gärtner mit dem Randschneider, der der Kreissäge auf der Baustelle in nichts nachsteht. Im auf dem Fuße folgt ein weiterer Mann mit Legionörskäppi, der mit einem Laubbläser das geschnittene Gras lautstark in den Kanal befördert. Nun könnte man denken, dass dies eine relativ seltene Erscheinung ist, denn hier wächst nicht schnell wachsendes Gras. Weit gefehlt. Der Landscape-Service kommt einmal in der Woche und der Rasen scheint in exakt 10 cm Höhe belassen zu werden, man sieht nach dem Landscape nicht einen Millimeter Höhenunterschied. Aber wir sind ja nicht allein in der Straße, ein Grundstück rund um unseren Kanal wird immer von den Gärtnern heimgesucht, so dass täglich um 12.30 Uhr Alarm im Skagerat ist. Das sind unsere Mittagsgeräusche. Manchmal kocht allerdings auch der Kanal. Dann ist wirklich Alarm im Skagerat, wir wussten zuerst gar nicht, was das Wasser plötzlich so laut und sichtbar brodeln lässt. Nachbarin Peggy hat uns aufgeklärt. Mitunter fällt ein Schwarm großer Fische, sie nannte sie "Jacks" über die kleineren Mullets her und das scheint ein wirkliches Gemetzel zu sein.

    Trotzdem: Zeit für ein kleines Nickerchen. Kaum liegt man, öffnet sich die Pooltür und zwei schwarz gekleidete Menschen mit langen Stangen betreten den Poolcage. Das ist der Poolservice und deren wichtigstes Hilfsmittel ist Chlor. Da die Baustelle inzwischen wieder arbeitet, müssen sich die beiden anschreien, um sich zu verständigen. Mittagsschläfchen ade. Natürlich kommt der Poolservice nur einmal in der Woche zu uns, aber alle Nachbarn haben ebenfalls einen Pool, so dass auch jeder von jedem Geräusch profitieren kann. Kaum sind die Poolleute weg, klingelt wieder das Telefon.

    Aber dann, endlich Feierabend. Man hört schon von weitem, wenn der Nachbar von gegenüber nach Hause kommt. Der hat einen Pickup und einen Auspuff, den man nur als Prothese bezeichnen kann. Das Ding röhrt wie ein verwundeter Hirsch. Seine zwei Hunde hören ihn ebenfalls von weitem und fangen an, sich wie wild auf Herrchen zu freuen.

    Langsam senkt sich der Abend über den Kanal, die Bauarbeiten sind abgeschlossen, die Nachbarn kommen nach Hause. Man weiß genau, wer wann kommt, denn amerikanische Autos hupen, wenn man sie abschließt. Tolle Erfindung, vor allem, wenn man spät in der Nacht von einem Trip zurückkommt, die halbe Nachbarschaft fällt aus dem Bett.

    Jetzt ist es Zeit, die Hunde rauszulassen. Amerikaner führen Hunde nur sehr selten spazieren, die Mehrheit lässt die armen Viecher in den Garten kacken. Meine Nachbarin Peggy hat mir erzählt, dass es ein extra Futter für im Haus gehaltene Hunde gibt, da wird der Stuhl so hart, dass man ihn ganz einfach einsammeln kann. Ob die Hunde nun wegen akuter Darmverschlingung kläffen wie blöd oder ob sie sich einfach freuen, mal zehn Meter im Quadrat laufen zu können, erschließt sich dem Betrachter nicht wirklich.

    Man sitzt auf der Terrasse, trinkt gemütlich seinen Sundowner und beobachtet die riesigen Vogelschwärme, die sich abends offensichtlich in ihren Stammkneipen treffen. Ab und zu setzt ein Fisch zu einem doppelten Rittberger an, es gibt welche, die können ganz schön weit springen und landen dann mit einem lauten Platsch auf dem Bauch, mitunter auch auf dem Bootssteg. Aua.
    Während die Sonne untergeht, wird die langsam einsetzende Stille zerrrisen von den Fliegern, die jetzt im Minutentakt Southwest International anfliegen. Auch die kleinen Flugzeuge der Hobbyflieger starten jetzt von Page Field aus zu einer Abendrunde. Und die Polizei kontrolliert mit einem Hubschrauber, ob auch alles okay und sicher ist auf den Straßen von Cape Coral.

    Jetzt ist es Zeit, sich bitter zu rächen. Wir werfen die zentrale Beschallungsanlage an, die mit Sicherheit nicht nur auf unserer Terrasse zu hören ist sondern bis hoch zum Salzwasserkanal. Das ist auch dringend nötig, denn der Kollege mit dem weggeflogenen Dach von gegenüber hat soeben seine Gitarre herausgeholt, auf der er seine fünf Griffe übt, die ihn zu seinem durchaus passablen Gesang begleiten. Wir heizen den Grill vor und während ich in der Küche den Salat zubereite, fährt draußen laut dröhnend ein Motorboot vorbei. Aha, der Nachbar an der linken Ecke kriegt Besuch.

    Wir quatschen bis zum Abwinken, nur unterbrochen von gelegentlichem schrillen Piepen. Die Spülmaschine piept dreimal, wenn sie fertig ist, die Socken in der Waschmaschine piepen dreimal und das Piepen des Trockners sagt uns, dass die T-Shirts trocken sind. Zwischendurch hat man das Gefühl, dass sich in der Küche ein Rohrbruch ereignet hat. Das ist die Eismwürfelmaschine im Kühlschrank, die regelmäßig frisches Wasser nachlegt. Und dann wird es unheimlich. Es hört sich an, als ob ein in der Dunkelheit unsichtbarer Nachbar seinen glühenden Holzkohlengrill in den Kanal geworfen hat. Ein lautes Zischen und dann ein gewaltiger Knall. Damit verabschieden sich keine verbrannten Steaks sondern abgestorbene Palmenwedel und man ist dankbar, dass man nicht darunter steht.

    Wir freuen uns auf das Wochenende. Endlich Ruhe.

    Weit gefehlt. Denn in so einem Einfamilienhaus mit Boot ist immer etwas zu reparieren. Peggy muss den Weg ausbessern lassen und hat zwei mexikanische Steinbeisser engagiert, die uns am Sonntag mit Kreissägenlärm und Betonstaub versorgen. Der Nachbar gegenüber hat Verwandschaft mit acht Kindern zu Besuch, die laut quiekend im Pool baden. Die Erwachsenen turnen mit dem Powerboat durch den Kanal, und der alte Kahn vom Nachbar schräg gegenüber muss mal wieder durchgeblasen werden, was den Vorteil hat, dass man die Katastrophe mindestens eine Stunde nicht sieht, denn blaue Rauchschwaden wabern über den Kanal.
    Letzten Sonntag sind wir an den Lake Okeechobee geflohen, es war einfach unterträglich laut. Wir wohnen in Berlin an einer großen Straße, aber dort ist es nie so laut wie in dem ruhigen, beschaulichen Cape Coral.

  • Am Anfang sieht man nur die schönen Augen

    Mit der Liebe zu Florida ist es wie mit der Liebe zu einem Mann. Am Anfang sieht man seine schönen braunen Augen und seine breiten Schultern. Ist man eine Weile zusammen, sieht man ihn als ganzen Menschen, die schönen braunen Augen gehören dazu, aber werden kaum noch wahrgenommen. Seit 15 Jahren träume ich davon, einen Florida-Thriller zu schreiben. Es war für mich selbstverständlich, dass ich diesen Roman nicht vom Schreibtisch in Berlin aus schreiben kann. Denn das Leben in Florida ist so ganz anders als das Land als Tourist zu besuchen, habe ich mir gedacht.

    Ich war das erste Mal vor 46 Jahren in Florida, seitdem bin ich sicher über 20 Mal wieder hierher gefahren. Jetzt bin ich über vier Monate hier und weiß, wie anderes es sich wirklich anfühlt. Wenn man als Tourist kommt, betrachtet man sehr aufmerksam seine Umgebung. Man sieht das Meer und die Häuser, die Kanäle und die Shopping-Malls. Florida ist das Land des Golfspielens, des Bootfahrens, der Outlets und der Sonne. Sobald man hier lebt, ändert sich dieser Blick. Man schaut plötzlich auf die Praktikabilität der Dinge. Da wird die Nähe zum Supermarkt wichtiger als die Nähe zum Meer. Der Traum, in dem ich jeden Morgen aufwache, der Pool, der Kanal mit seinen vielen Booten, die Küche auf der Terrasse, die Palmen und die Bougainville, der ist nur ein Teil des Ganzen. Ich lebe drinnen, die Klimaanlage ist angeschaltet und ich sitze in einer schattigen Ecke des Hauses an einem viel zu hohen Esstisch und schreibe. Zwischendurch fahre ich mal schnell zu Publix, weil der Mensch nicht nur von Floridianischer Luft und Liebe lebt. Und jeden Abend kommt die Entscheidung: Terrasse oder Essengehen. Wenn man drei Wochen im Urlaub ist, dann sind die Fast Food-Läden ja mal eine ganz nette Abwechslung. Wenn man hier jedoch lebt, dann sind die Fast Food-Läden ein Frontalangriff auf die Figur. Ich esse bestimmt nicht mehr als in Deutschland, aber ich habe über sechs Kilo zugenommen. Fast Food ist hier alles - in Amerika wird Essengehen als reine Nahrungsaufnahme gesehen. Die Läden sind auf Eisschrank-Temperaturen heruntergekühlt und sobald man sein hand-breadded Essen heruntergeschlungen hat, kommt die Rechnung. Take your time heißt nämlich, zahl endlich und verschwinde! Wobei es egal ist, ob man billig wie bei Chilli's oder Bob Evans speist oder überteuert bei Brew Babies oder Slates.

    Wenn man im Urlaub ist, dann fährt man hier rum, schaut sich alle möglichen und unmöglichen Sehenswürdigkeiten an. Wenn man hier arbeitet, fährt man nur rum, um zu recherchieren. Auch wenn ein Rezensent neulich meinte, ich würde mit Google maps recherchieren - noch mache ich das selbst, live und in Farbe. Und dann sieht man eher weniger von den Schönheiten der Landschaft, sondern überlegt, ob dieses oder jenes Haus für einen netten kleinen Mord in Frage käme. Die Rahmenbedingungen müssen schließlich stimmen: Wie kann die Leiche entsorgt werden, wo nähert man sich unauffällig seinem Opfer, ohne dass eine der allgegenwärtigen Kameras das aufnimmt. Wie weit ist es von a nach b und wo komme ich mit dem Boot oder dem Flugzeug hin. Selbst Flora und Fauna werden nicht bestaunt, sondern auf Romantauglichkeit hin untersucht. Der Sound muss stimmen, welche Vögel sind wo und geben welche Geräusche von sich, welche Bäume bewegen ihre Blätter wie im Wind.  

    Lubitsch_2tesGesicht_4Das 2. Gesicht - Mein Florida-Thriller

    Und noch etwas ist anders, wenn man hier lebt. Man lernt eine Menge über Amerika und die amerikanische Mentalität. Nicht nur dank Fernsehen, das hier noch unerträglicher ist als zu Hause. Man schaut einfach nicht immer durch die rosarote Liebesbrille auf das Land, sondern ist auch den Widrigkeiten komplett ausgeliefert. Seien es die Dramen mit Handwerkern und Ärzten oder die Tücken der Technik, man fängt an, die Denkweise die hinter den von uns als ungewöhnlich empfundenen Gepflogenheiten steht, zu begreifen. Und wieder ist es wie mit der Liebe: man liebt nie weil, sondern immer trotz. Ich liebe dieses Land, trotz...

    Trotzdem würde ich mich niemals trauen, einen Roman zu schreiben, in dem die Protagonistin Amerikanerin ist. Ich bin Deutsche und wie sehr ich deutsch denke, merke ich hier jeden Tag. Mein Heldin in "Das 2. Gesicht" kommt nach Florida und sieht das Land mit deutschen Augen. Mit meinen Augen, natürlich.

    Ich habe früher immer gesagt: Zuhause ist, wenn die Bäckerin fragt, wie denn der Urlaub in Florida war. Hier in Florida grüßt mich die ungefähr 80jährige Backwarenverkäuferin schon von weitem und fragt, ob ich heute wieder 2 Donuts möchte. Sie hätte aber auch noch ein frisches White Mountain-Brot für mich. Da ist Maik, der Deutsche an der Kasse bei Publix, der fragt, ob mein Mann denn schon wieder besser laufen kann. Da ist die Frau aus Laos bei Sans Sushi, die genau weiß, dass ich echt keinen Aal mag. Oder die Frau in der Reinigung, die bereits unsere Hemden auf den Tresen legt, wenn sie sieht, dass ich mit dem Auto vor dem Laden halte. Das hat noch nie jemand bei Tip-Top in Berlin-Zehlendorf geschafft. Peggy, die Kapitänin aus Anchorage winkt mir zu, wenn sie morgens ihre Touristen zum Kanufahren transportiert, Nachbar Dave grüßt von weitem und sein Hund Ricco springt in meine Arme. Jetzt also bin ich hier zu Hause.

  • Gas, Wasser, Scheiße

    Von meinen Eltern habe ich gelernt, wenn andere sagen, ich hätte einen Fehler gemacht, dass das vermutlich stimmt und ich daraus lernen sollte. Meine 60 Jahre Leben haben mich gelehrt, nicht nur zu meinen Fehlern zu stehen, sondern dass ich auch mal in Erwägung ziehen sollte, eventuell im Recht zu sein und auch andere Fehler begehen. Amerika hat mich nun gelehrt, dass ich zuerst mal annehmen sollte, dass andere Mist gebaut haben.

    Florida-Nächte sind lang und leider Anfang des Jahres mitunter auch ziemlich kalt. Um die Grill-Saison zu verlängern, haben wir uns einen Heizpilz bei amazon bestellt sowie den dazugehörigen Gasbehälter. Der kostete bei amazon genauso viel wie bei Walmart, dafür wurde er aber frei Haus geliefert.

    Nun stellt das Zusammenschrauben eines Heizpilzes an einen gut ausgebildeten Billyschrauber so gut wie keine Anforderungen, zumal die Gebrauchsanweisung des chinesischen Herstellers idiotensicher ist. (Ja, Leute, ich weiß, die Dinger sind verboten in Berlin und versauen die Klimabilanz, aber ich bin ja in Amerika, deren Klimabilanz darf ich ruhig versauen!)

    Zusammen mit unserer Putzfrau Ina habe ich das Dingen also zusammengeschraubt, während Schatzi das Teil gehalten hat. Gasflasche angeschlossen und - nichts funktioniert. Da steht: Halten Sie den Knopf 45 Sekunden gedrückt, dann betätigen Sie den Zünder acht bis zehn Mal, dann halten Sie weitere 30 Sekunden gedrückt. Während mir fast der Arm abfiel, legte Ina ihr Öhrchen an den Heizpilz, es kam einfach kein Gas. Also rief Ina ihren Mann an. Der meinte, der Gasbehälter sei leer, ist doch klar. Aber den hatten wir doch gerade neu gekauft, zu dem gleichen Preis, wie die Dinger gefüllt bei Walmart zu haben sind...

    Nachdem das Ding nicht funktionierte, machten wir die Probe aufs Exempel und kauften eine neue Gasflasche bei Walmart. Die war entschieden schwerer, Inas Mann hatte also recht, amazon war hier also 30 Dollar teurer als das, was man bei Walmart für eine leere Flasche bezahlt. Nun aber: Flasche anschließen, aufdrehen, 45 Sekunden.... Nichts.

    Jetzt war es an der Zeit, an den eigenen Schrauberkünsten zu zweifeln. Unsere Freunde Birgit und Ilias kamen zu Besuch und Ilias wurde damit betraut, sich um das "Scheißding" doch mal zu kümmern. 45 Sekunden drücken, acht bis zehnmal den Zünder betätigen....
    Nichts. Nicht nach dem ersten, nicht nach dem zweiten und schon gar nicht nach dem dritten Versuch. Da mussten mal wieder die Mädels ran. Birgit machte sich über den Heizpilz her. 45 Sekunden.... Nichts.

    Als unser lieber Makler Siegfried Fuchs uns einen Besuch abstattete, klagten wir ihm unser Leid. Und auch Siggi Fuchs legte Hand an. 45 Sekunden drücken, 8 bis 10 mal....Auch nix.

    Der Heizpilz ist kaputt. Schöner Mist, wie soll ich den denn an amazon zurückschicken? "Ich habe noch so ein Dingen bei mir in der Garage stehen, könnt ihr euch abholen".

    Danke, Siegfried Fuchs, gesagt, getan. Ilias und Reinhard fahren also zum Makler und verfrachten Heizpilz Nummer 2 in den Wagen. Zu Viert schrauben wir das Ding zusammen. 45 Sekunden drücken.... Nichts.
    Wir schrauben ihn wieder auseinander, Fehler gemacht? Eine Schraube fasst nicht. "Wenn ich will, dass diese Scheißschraube fasst, dann fasst sie", zischt Birgit. Deshalb war sie meine Lieblingsmitarbeiterin. Genau deshalb. Geht nicht, gibts nicht. Aber es geht nicht, auch nach nochmaligem Zusammenbau.

    Endlich kommt mir die Erleuchtung. Leute, vielleicht ist diese Gasflasche einfach defekt. Die Männer fahren zu ACE und holen eine neue. Und die schließen sie an Heizpilz Number One an. 45 Sekunden drücken, 8 bis 10 mal den Zünder betätigen... Da ist sie! Es brennt! Hurra, wir haben einen Heizpilz! Das war Lektion Nummer eins.

    DSCN1028Der Ofen muss rauchen.

    Ein paar Tage später:

    Lektion Nummer zwei. Oder: Was mich Amerika lehrte.

    Die Gästetoilette im Erdgeschoss ist nunmehr zum dritten Mal verstopft. Wenn sie nicht verstopft ist verstänkert sie das ganze Haus mit einem dezenten Leichengeruch. Ich bin sicher, dass dort in der Leitung irgendein Tier verendet. Kurz nachdem es aufhört zu stinken, ist sie wieder verstopft. Der Plumber muss erneut her. 

    Gestern nun war er da und beseitigte die Verstopfung.
    "Sie benutzen zu viel Papier", sagt er.
    "Ich benutze so viel Papier, wie ich brauche", sage ich.
    "Nein, sie benutzen zu viel Papier. Sie dürfen nur einmal abwischen."
    Ich weiß, dass Amis anders wischen als Deutsche. Wir wickeln das Papier, Amis knüllen.
    "Ich muss aber manchmal öfter abwischen", sage ich leicht entnervt. Auf welchem Niveau diskutieren wir hier eigentlich?
    "Glauben Sie mir, Sie benutzen zu viel Papier, das bleibt in der Leitung stecken."
    "Ich habe in dieses verfluchte Klo ungefähr 10 Liter Rohrfrei reingeschüttet, da hätte sich jedes normale Papier freiwillig zersetzt, es kann nicht am Papier liegen", behaare ich.
     Jetzt wird der Plumber wütend. "Ich bin seit 21 Jahren Plumber, glauben Sie mir, sie benutzen zu viel Papier".
    Darauf ich: "Ich scheiße seit 60 Jahren, glauben Sie mir, ich weiß, wie es geht."

    Man lernt nie aus: Amerikanische Toiletten vertragen nur eine Lage Papier.  Nach jedem Papierknäul muss man spülen. Und dann zirka 10 Minuten warten, bis genügend Wasser im Klo ist, um erneut zu spülen. Scheiß Profi!

  • Wells Fargo - als die Briefe noch mit der Postkutsche kamen

    Bevor man für ein halbes Jahr nach Amerika geht, macht man ja alles: die Steuererklärungen, sein Testament, prüft sämtliche Konten, kümmert sich darum, dass jemand nach der Post schaut, benachrichtigt die Nachbarn - kurzum, bevor man endlich im Flieger sitzt wird es hektisch. So hektisch, dass ich glatt übersehen habe, dass meine Scheckkarte nur noch bis 31.12.2013 gültig ist. Die Bank hat mir auch eine neue geschickt, die kam natürlich glatt drei Tage nach unserer Abfahrt.

    Wie gesagt, man kümmert sich ja darum, dass jemand nach der Post sieht, in diesem Falle meine ehemalige liebste Mitarbeiterin Brigit Grigoriou. Und die hat mich natürlich sofort angebeamt, dass die Karte gekommen sei. Okay, schreibe ich zurück, schick sie per Fedex. Nun wäre meine Birgit nicht meine liebste Mitarbeiterin gewesen, wenn sie nicht jeweils die günstigste Lösung für egal was gefunden hatte, also hat sie das Ding nicht per Fedex sondern per Postwertbrief geschickt. Das kostete "nur "30 €" und ab ging sie, die wilde Luzie.

    Aber bis zum 31.12. kam ich ja noch in mein Bankkonto ohne diese vermalledeite Karte rein. Dachte ich. Aber nein, die Bank hatte sich überlegt, dass ihre Passwörter zu kurz waren und hat deshalb auf diese Passwörter umgestellt, die sich kein Mensch merken kann. Geben Sie noch ein Zeichen dazu, einen Großbuchstaben, eine Nummer, etc. Raus kommt dann sowas wie
    Mutti2goistdiesesesscheißwortimmernochnichtzuende. Nun hatte ich da immer ein Passwort mit 5 Zeichen, da ich mir das aber nur merken konnte gab ich regelmäßig 6 ein, was ja nicht so schlimm war, denn sechs Zeichen nahm das Ding ja nicht an. Also kam ich mühelos in diesen Account. Und plötzlich von einem Tag auf den anderen nicht mehr. Als ob ich es geahnt hätte, habe ich genügend Bargeld mitgenommen, um mindestens drei Monate ohne Bank zu überstehen.

    DSCN0553Warten auf die Postkutsche?

    Nach einigem Hin und Her kam ich selbst auf den Gedanken, dass nun plötzlich diese sechste Zahl angenommen und als falsch gewertet wurde. Und Simsalabim, drin war ich und konnte nun mühelos auf Mutti2goistdiesesscheißwortimmernochnichtzuende umstellen.
    Mehrere Mails und Telefonate mit der Bank bestätigten mir dann, dass man meinem Account nun ein neues Passwort zugeordnet habe.

    Aber es wurde der 1. Januar und der Wertbrief für 30 € war immer noch nicht eingetroffen. Ich bat meine Birgit, bei der Post doch mal einen Suchauftrag zu schalten, denn unser Spiegel kam pünktlich jede Woche am Mittwoch. Ging also, das mit der Post. Die Post teilte Birgit dann mit, dass der Brief am 14. Dezember in Amerika eingetroffen sei, danach verlor sich jede Spur.

    Also wieder einen Brief an meine Bank, um das Ding sperren zu lassen. Rückantwort: Bitte rufen Sie die 0800 Nummer an, um zu sperren und halten Sie ihr Telefonpasswort bereit. Weil ich natürlich meine Telefonpin mitgenommen habe und wenn ich sie mitgenommen habe, wohin habe ich sie geschrieben??????
    Nein, ich wiederhole jetzt nicht, mit welchen Worten ich diese Mailschreiber laut beschimpft habe. Aber soviel sei verraten: es kamen etliche Wörter mit f darin vor.

    Ich habe eine Weile gezögert, weil ich dachte, na, vielleicht kommt sie ja noch. Mal sehen, was der Nachforschungsauftrag bringt. Wie gesagt, er brachte: am 14. an die USA ausgeliefert.

    Ich habe meine Bank beauftragt, mir eine neue Karte auszustellen, die meine Birigit mir Mitte Februar, wenn sie nach Cape Coral kommt, mitbringen kann. Und dann habe ich die 0800 Nummer angerufen, die natürlich von hier aus nicht funktioniert. Also die richtige Nummer angerufen, besetzt. Und nochmal. Endlich bin ich mit dem Automaten verbunden. Nach einer Viertelstunde ist meine Karte dann gesperrt.

    Ich laufe mal schnell zum Briefkasten, mal gucken, ob der neue Spiegel da ist. Man ahnt es, ja, da ist eine Benachrichtigung im Briefkasten, man hätte uns nicht angetroffen (von wegen, wir waren zu Hause!) und ein Brief von Birgit sei bei der Post in Cape Coral für uns hinterlegt.

    Also auf zur Post in Cape Coral, 9. Ave. SE. Also um die Ecke, ungefähr 12 km entfernt. Zunächst mal findet zwar TomTom die Post aber wir nicht. Denn ausgeschildert ist hier nichts, da steht auch noch das City Center und es gibt alle 20 Meter einen anderen Eingang. Nach einer Viertelstunde Suchen und mehrere Leute fragen, dann endlich: Nika läuft auf dem Postamt auf.

    Es ist genauso voll wie auf der Post in Zehlendorf einen Tag vor Heiligabend. Aber es geht schneller. Ich stehe zwar hinten in der Reihe aber plötzlich erscheint eine Frau mit einem kecken Karnevalshütchen und fragt jeden, was er will. Ich zeige meine Karte, sie winkt mich aus der Reihe an einen Extraschalter. Und siehe da, da ist sie, meine Karte. Ich frage, wieso das so lange gedauert hat, sie sagt, das weiß sie nicht, der Brief sei am 22. Januar bei ihnen aufgelaufen und am 23. Januar ausgeliefert worden. Aber man hätte mich ja nicht angetroffen. Wie zuhause!

    Ich will eine Bestätigung, denn die nimmt mir natürlich den Zettel weg, auf dem die Einlieferung bestätigt ist. Keine Bestätigung. Wir haben mit der deutschen Post nichts zu tun. Nee. Ist mir klar. Aber wozu haben wir eigentlich 30 € berappt? Dafür, dass ich die Karte habe sperren lassen müssen. Die Karte ist am 10. Dezember in Deutschland abgeschickt worden und am 24. Janaur halte ich sie endlich in meinen Händen. Hinten auf dem Brief prangt ein großer Aufkleber: Maestro Card. 30 €.

    Auffälliger geht's wohl nicht, oder?

  • Von Affenpinschern, Affenschaukeln und Marskonjunktionen

    Mein Mann hat das Affenpinscher-Syndrom. Affenpinscher halten sich für die größten aller Hunde und machen deshalb jeden Dobermann an. Zugegeben, Schatzi ist 1,92 m groß und hat Schuhgröße 52, glaubt aber, Gulliver sei ein Dreck gegen ihn. Deshalb gibt es überhaupt nur ein Auto in das er reinpasst und das ist der alte Bentley.

    Nachdem er selbst Jahrzehnte einen Mercedes gefahren hat, passt er plötzlich in keine Taxe mehr. Das Mieten eines Autos, das Gnade vor Schatzi findet, ist ein bisschen wie Bingo-Spielen. Er will diesmal in Florida ganz anders als sonst auf  keinen Fall ein Cabrio, "da komme ich nicht mehr rein." Okay, also ein SUV. "Die sind viel zu klein, da komme ich nicht rein", moserte Schatzi schon zu Hause. Ich hakte es als Affenpinscher-Syndrom ab und mietete einen SUV.
    "Ich will aber einen Van".
    "Wozu brauchen wir zu Zweit einen Van?", fragte ich Schatzi.
    "Ich brauche Platz".
    Äh, ja.
    "Du verstehst das nicht, ein SUV hat eine Mittelkonsole".
    "Ja, klar, alle Autos haben eine Mittelkonsole. "
    Ich brauche aber einen ohne Mittelkonsole, ich will einen Van".

    Die Diskussion nahm Loriotsche Ausmaße an und wurde durch das Mieten eines SUVs von mir beendet. Das sollte sich bitter rächen. Denn Schatzi ist von biegsamer Starre. Nachdem er sich ächzend zusammengefaltet hat und damit bis zum ersten Publix-Parkplatz gefahren ist, hat er mir mitgeteilt, dass er dieses Auto einfach nicht fahren könne, er habe keinen Platz für seine Beine.
    "Dann tauschen wir ihn morgen bei Alaomo gegen einen Van um", gab ich nach dem langen Flug mit vier Stunden Verspätung entnervt auf. 
    Sechs Wochen lang kam Schatzi nicht dazu, sich bei Alamo das Auto auszusuchen, das er für den Rest des halben Jahres fahren wollte. Ich musste meinen Affenpinscher chauffieren. Beim letzten Aufenthalt hatten wir das Cabrio von einem privaten Autovermittler gemietet, war nicht neu, aber billig. "Lass uns die doch mal anrufen." Und die hatten  zufällig  einen Mini-Van verfügbar.
    "Ich will aber keinen Mini-Van, sagte Schatzi, "der ist zu klein". Ich stöhnte und blickte gen Himmel. Also knallte ich meinem Mann das Telefon auf den Tisch und sagte: Und das besprichst du jetzt und du suchst dir das Auto aus, mit dem du fahren kannst."

    Zwei Tage später machten wir uns auf den Weg zum McGregor Boulevard, wo wir im Golf Club den Autoverleiher treffen wollten. Er hatte den Mini-Van dabei, "ein älteres Modell - ich kenne das Problem" und Schatzi sollte doch mal Probefahren. Schatzi war begeistert. Das Ding war sein heißgeliebter Chrysler Van und darin hatte er vor 15 Jahren so toll Platz gehabt. (Schon vor 15 Jahren versagten bei dieser Scheißkarre beim ersten Regen die Scheibenwischer und das mitten in den Everglades!)

    Das Dingen war total fertig auf der Bereifung. Aber Schatzi schaute so treuherzig und so sagten wir zu, dass wir am nächsten Tag den Mini(!)-Van in Leheigh Acres übernehmen würden.
    Und so machten wir uns auf den langen Weg nach Leheigh, wo unser Verleiher wohnt. Er ist ein echter, sehr sympathischer Ossi, ehemaliger Ringer und von der Statur her meinem Schatz gar nicht so unähnlich. 2006 haben er und seine Frau hier mit einem Gebraucht-Mietwagenverleih den Sprung in die amerikanische Unabhängigkeit gewagt. Todesmutig, aber DDR-Ringer aus dem Olympiakader kennen wohl keinen Schmerz. Heute haben die beiden 20 Pferdchen laufen und inzwischen das zweite Haus. 

    Als er uns den Mietwagen übergeben will, (der knallneue Reifen hat - er hat wohl meinen Blick gesehen) gibt die Zündung keinen Mucks mehr von sich. Und gerade hatte ich meine Kreditkarte durchgezogen.... 

    Der Verleiher gab uns also mit dem Starterkabel Hilfe und als wir endlich wieder in Cape Coral waren, war die Batterie genauso geladen wie ich. Was für eine Zeitverschwendung! Das Ding war eine Affenschaukel der Sonderklasse, die Radlager gaben die Geräusche von beleidigten Sprungfedern von sich und bei jeder Bodenwelle hatte ich Angst, dass der Muffler sich verabschiedet. Aber Liebe lässt einen ja alles ertragen.

    Die Liebe hielt allerdings nur bis zum Sonntag. Da fuhren wir nach einem gemütlichen Jazz-Brunch voll der guten Cocktails zurück nach Hause.
    DSCN0530Mein Affenpinscher mit Huckleberry-Pfeife

    "Lass und einen Boxenstop bei Publix machen", bat ich Schatzi. Halbtot kam ich mit einen überfüllten Einkaufswagen Stunden später zurück - Schatzi hatte inzwichen den Kofferraum aufgemacht, damit ihm nicht zu heiß wurde. Also alles eingeladen - und los.
    Nichts ging mehr. Kein Stoff, kein Saft. Niente, nada.
    Wer nimmt schon zum Frühstück ein Funktelefon mit. So strandeten wir auf dem Publixparkplatz.
    Also nochmal rein und am Zeitungsstand freundlich gefragt, ob man uns ein Taxi rufen könne.

    Das Taxi kam 45 Minuten später. Ein netter Amerikaner zweifelhafter Herkunft  - irgendwas zwischen Indien und Westindien. Und in den 3 Meilen zwischen Publix und unserem Haus erfuhren wir dann die nächste Lebensgeschichte eines amerikanischen Traums. Nach 25 Jahren als Ingenieur einer IT-Firma in London wurde er nach Amerika geschickt. Die Firma wurde von der deutschen Post aufgekauft, er hatte gut zu tun, alle 25 aufgekauften Firmen mussten technisch angeglichen werden und dann wurde das deutsche Plansoll nicht erfüllt. Und so saß
    unser IT-Ingenieur mit 55 Jahren auf der Straße - die Alternative war ein Job in New Jersey. Aber er hatte doch gerade ein Haus in Florida gekauft. Und so wurde er Taxiunternehmer...

    Von zuhause aus haben wir dann unseren Ringer angerufen. Der rang nacvh Luft und hat einen Mitarbeiter geschickt, der das Auto vom Parkplatz abgeholt hat und uns einen anderen Mini-Van, neueren Datums übergeben hat. Den geben wir jetzt nicht mehr her, sagten wir uns nach der ersten Fahrt, die deutlich angenehmer ausfiel als in der blauen Affenschaukel.

    Heute früh haben wir uns dann auf Recherchefahrt nach Sanibel und Captiva begeben.  Es regnete, wir hatten das schlechteste Mittagessen ever in den USA -  wollten nur noch nach Hause. Aber erst: Boxenstop bei Publix.. Man ahnt es bereits: Auch diese Affenschaukel hat auf diesem verfluchten Parkplatz ihren Geist aufgegeben. Kein Saft. Niente. Nada!

    Diesmal hatte Schatz das Handy dabei und alarmiert sofort den Verleiher. 
    "Ich bin in einer halben Stunde bei Euch". Natürlich war Stau. Berufsverkehr. Nach über einer Stunde kommt der Verleiher mit Affenschaukel Nr.1. Er schickt uns mit dem Ding und unseren Einkäufen nach Hause. "Ich warte auf einen Mitarbeiter, der mit einem Starterkabel kommt und dann wechsle ich die Batterie", verspricht unser sympathischer Ossi.

    Wir fahren inzwischen mit Affenschaukel Nr.1 nach Hause und hoffen, dass der Ringer bald kommt, er hat es jetzt so eingerichtet, dass wir den neueren Van behalten dürfen. Aber bitte mit einer neuen Batterie!

    Wir sind totmüde, es dauert nochmals eineinhalb Stunden, bis der Verleiher endlich kommt. Wir päppeln ihn erstmal ein wenig mit Kaffee auf und als er weg ist, genehmigen wir uns einen strammen Gin Tonic.

    Eigentlich wollten wir heute Abend zum Chinesen, aber nee, danke, wir sind echt geschafft. Irgendwie scheint Mars quer zu unserem Haus zu stehen. Es gibt nichts, was nicht kaputt geht, was wir hier anfassen. Mal gucken, was morgen kaputt geht.

    Nachtrag:
    Heute Nacht gab es komische Geräusche, es hörte sich an, als ob die Titanic an der Hauswand langschrammt und zerschellt. Natürlich haben wir uns nachts nicht aus dem Haus getraut. Am Morgen unter der Dusche sehe ich, was diese Geräusche von sich gab: Die Satellitenschüssel stand wohl direkt in der Windschneise. Fast hätte ich die Polizei gerufen!

  • Yes I do - Eine Hochzeit in Las Vegas

    The Lion Sleeps TonightDas Geheimnis einer guten Ehe: zusammen viel Spaß haben!

    Las Vegas, 9.1.1999: Die Fontänen schossen fast bis zu uns hinauf. Das Wasser tanzte zu „Hey, Big Spender“ und wir genossen unsere Eggs Benedict zum Frühstück direkt hinter den riesigen Fenstern in unserem Zimmer ganz oben im Hotel Bellagio. Wie es sich für einen ordentlichen Las Vegas-Trip gehört, hatte ich am Vorabend einen einarmigen Banditen ausgeräumt. Glück im Spiel, Pech in der Liebe?

    Wir hatten am Vortag unsere Heiratslizenz beantragt, was in etwa so spannend war, als ob man sich eine Monatskarte für die örtlichen Verkehrsbetriebe kauft. Eine halbe Stunde hatten wir in einem schmucklosen, grauen Raum in der Schlange gewartet, bis wir dran waren, zusammen mit Afro-Amerikanern, Hawaiianern, Asiaten und vielen, vielen Weißen, die aus der ganzen Welt zu kommen schienen. Als wir endlich dran waren, hat Schatzi ein paar Scheine hingelegt und zack hatten wir unseren Stempel auf dem Formular, das wir hinten in dem Raum im Stehen an einer abgewetzten Resopalplatte ausgefüllt hatten. Ja, es kostet Geld, hier zu heiraten. Genauso viel wie eine Monatskarte. Nur hier gibt es dafür lebenslänglich. "Next!"

    Danach haben wir Wedding Chapels angeguckt, ich wollte jede einzelne Kapelle von innen sehen. Schatzi war mit viel Geduld dabei, auch wenn es ihm eher egal schien, wo er mir das Ja-Wort geben würde. Ihm taten die Füße weh, damals schon. Da gab es Chapels ganz in Weiß, welche, die mit Elivs Devotionalien dekoriert waren, sogar eine Drive-Thru-Chapel haben wir besichtigt. Und danach zu McDonalds...
    Wir haben ganz am Ende des Strips, gegenüber vom Hotel Mandalay Bay, also direkt vor dem Flughafen "unsere" Kirche gefunden: Little Church of the West.

    "Die Kirche ist einer typischen Holzkirche im Wilden Westen nachempfunden", erklärte uns die Pfarrerin, eine attraktive Frau mit ondulierten blonden Haaren. Hier hatten schon Judy Garland, Telly Savalas, Richard Gere und Cindy Crawford geheiratet. Und jetzt wir. Ich war total aufgeregt.

    Zunächst machten wir uns auf die Suche nach Ringen und Hochzeitskarten. Beides kriegten wir nicht im Hochzeitsmekka der Welt. Im Ernst, ich habe wirklich überlegt, ob ich mich nicht mit einer Blitzdruckerei dort selbständig machen sollte. Also musste ein Fax reichen. Auch Ringe, die uns beiden passten, waren in fünf Tagen (!) nicht zu bekommen. Das macht bei uns zu Hause ein Juwelier in einer Stunde.

    Am Morgen unserer Hochzeit kamen unsere Freunde Micha und Kerstin aus Berlin nach Las Vegas. Eigentlich wollten wir ja heimlich heiraten. Das wurde aber nichts, nachdem Micha und Kerstin uns in Cape Coral, wo wir Weihnachten verbrachten hatten, besucht haben und uns eröffneten, dass sie danach Las Vegas gebucht hatten. Na, dann eben mit Trauzeugen, auch schön.

    Um zwanzig vor fünf war es endlich soweit. Schatzi und ich traten vor den Traualtar. Ein farbiger Organist intonierte den Hochzeitsmarsch, die Kapelle war mit Unmengen von Kerzen und künstlichen Blumen geschmückt und mit dem synthetischen Duft von weißen Lilien geschwängert, die farblich mit dem Hosenanzug der Pfarrerin harmonierten.

    "Yes I do", hauchte ich, während der Pfarrerin die Tränen runterliefen. Von Showbiz verstehen die was! Ja, ich würde ihn lieben und ehren, in guten wie in schlechten Tagen, bis dass der Tod uns scheidet. Ich nehme mal an, dass ich sowas Ähnliches der Pfarrerin nachgesprochen habe. Meine Gedanken waren bei meinen Eltern, bei meiner Mutter, die mit Alzheimer in einem Berliner Krankenhaus lag und bei meinem Vater, der noch nie einen Mann an meiner Seite akzeptiert hatte und auch diesen bis kurz vor seinem Tod ignorieren würde. Die Pfarrerin erlaubte dem Bräutigam die Braut zu küssen, während Micha hinter dem Altar mit der Kamera rumsprang und einen Kerzenleuchter umstieß. Kerstin schluchzte hörbar auf der Kirchenbank.

    Nach der 20-Minuten-Zeremonie, bzw. nachdem wir diese vor Ort cash bezahlt hatten ("Wir akzeptieren auch Kreditkarten") wurden wir von unseren Trauzeugen mit Friedenstauben aus Plastik und Konfetti beworfen. Kerstin fing den Brautstrauß. Die beiden haben ein Jahr später geheiratet, und zwei Jahre später hat Micha seinen Trauring im Golf von Mexiko versenkt. Schatzi hat als Trauzeuge beim Versenken assistiert.

    Da in Vegas wie jedes Jahr im Januar gerade eine Computermesse war, gab es keine Strechlimousinen mehr zu mieten, so dass wir mit einer schnöden Limousine Vorlieb nehmen mussten. Kerstin und Micha hatten mit Hilfe der Valid Parking-Crew vom Bellagio das Auto vorgerüstet, so dass wir nach der Hochzeit laut hupend und mit klappernden Dosen und einem "Just Married"-Schild über den Strip gedüst sind. Im Stratosphere haben wir dann
    hoch über Las Vegas unser Hochzeitsessen eingenommen - wir waren so müde, dass wir fast umgefallen wären.

    Am nächsten Morgen haben wir die Papiere bei der deutschen Konsulin Frau Sommer abgegeben und sind zum Flughafen gefahren, um noch ein paar Tage in Cape Coral zu flittern. Und oh Erstaunen, die Maschinen hatten stundenlang Verspätung. Schneekatastrophen von New York bis Texas. Unsere Freunde vom weather chanel tun jedes Jahr so, als ob es das erste und einzige Mal sei, dass soooo viel Schnee gefallen ist. Wir saßen also nicht nur einige Stunden in Vegas fest, sondern auch noch sieben Stunden in Houston beim Umsteigen. Als wir endlich total entnervt in Cape Coral ankamen, empfing uns ein eiskaltes, dafür aber sehr schön von Kerstin und Micha dekoriertes Haus. Die Clementinen und die Hibiskusbüsche waren erforen und das, was sie hier Heizung nennen, schaffte es gerade mal auf 17 Grad. Nachdem wir mit Fieber nach Hause geflogen sind, haben Schatzi und ich einige Wochen im Bett verbracht. Nee, wir haben nicht die Flitterwochen nachgeholt - uns hatte ein böser Virus erwischt, der uns beide vier Wochen außer Gefecht gesetzt hat.

    Danach haben wir dann unsere Heirat auf dem Standesamt in Zehlendorf beglaubigen lassen. Und am 4. Juli haben wir mit all unseren Freunden ein riesiges Hochzeitsfest in unserem Garten gefeiert, mit 200 Gästen, Band, amerikanischem Bufett, Barbeque, amerikanischer Nationalhymne und Feuerwerk um Mitternacht.
    4. Juli, Anschnitt der Hochzeitstorte in Form eines Spielautomaten4. Juli: Anschnitt der Hochzeitstorte.  Micha hat uns eine Torte in Form eines Spielautomaten backen lassen.

    Seitdem vergessen wir seit 15 Jahren fast jedes Jahr unseren Hochzeitstag am 9. Januar. Aber jedes Jahr am amerikanischen Nationalfeiertag, dem 4. Juli, feiern wir und freuen uns, dass wir nicht nur eine außergewöhnliche Hochzeit hatten, sondern auch, dass wir eine außergewöhnlich glückliche Ehe führen. 15 Jahre, wie schnell sie doch vergehen, wenn man sich liebt.

    Und natürlich findet die Hochzeit in Las Vegas auch Eingang in einen Roman von Nika Lubitsch: „Das 2. Gesicht“. Ganz bald auf amazon.

  • Fuck Off: Neues aus dem Land der unbegrenzten Umständlichkeit

    Jetzt sind wir schon über einen Monat in Florida und kommen immer noch nicht aus dem Staunen raus. Stichwort: Roastbeef. Wir lieben Roastbeef. Also reihen wir uns täglich ein in die sozialistische Wartegemeinschaft vor dem Aufschnittstand von Publix. Es ist ein wenig so wie in Berlin beim Kraftverkehrsamt. Man muss zunächst eine Nummer ziehen. 53. Mist, die Uhr über der Theke zeigt 43. Man schaut sich um, vor einem sitzt eine ca. 90jährige mit ihrer Tochter. Ja, sie sitzt, nämlich im elektrischen Einkaufswagen für handicaped clients, Menne lierfert sich liebend gern mit anderen handicaped clients ein Rennen, wer zuerst mit dem Wagen beim V8-Regal ist. Sollte man bei uns in Zehlendorf bei Reichelt auch anschaffen, ebenso die wunderbaren Einkaufswagen mit bunten Comicfiguren, in deren Oberseite man gleich zwei quengelnde Kleinkinder festschnallen kann. Famose Idee! Ansonsten sieht man weit und breit keinen anstehenden Kunden. Also mal schnell noch nach dem abgepackten Käse geschaut, das hier kann dauern. Denn die 90jährige weiß sehr genau was sie will: 1/2 lbs vom Turkey, 1 lbs vom Ham, nein, nicht den Pressschinken, richtigen Schinken, Honey!

    Hinter der Theke bedient eine Dame, die altersmäßig irgendwo zwischen Mutter und Tochter liegt, also Generation "Wir um siebzig". Nun muss man wissen, dass das mit dem Aufschnitt in den USA ein wenig anders läuft als bei uns. Hier locken nicht appetitlich aufgeschnittene Mortadellascheibchen den hungrigen Kunden, sondern in der Theke stehen in Plastik eingeschweißte ganze Schinken und Hühnerbrüste. Das ist in etwas so appetitanregend wie die Abbildung von einem benützten Kondom. Die Verkäuferin muss das schwere Stück also jeweils aus der Theke heraushieven, auspacken, die Schneidemaschine reinigen und erst dann geht es los. Ein Scheibchen wird abgeschnitten und dem staunenden Kunden auf einem Stück Pergamentpapier über die Theke gereicht. Man wird genötigt, das Stück zu essen, um dann sagen zu können: Okay, genau das will ich. Schließlich will man ja nicht, dass der Kunde das Geschnittene wieder umtauscht, unter dem Motto: schmeckt doch nicht. Das bedeutet also, dass 1/2 lbs vom Turkey und 1 lbs vom Ham ungefähr fünfzehn Minuten dauern, denn die Maschine muss zwischen jeder Sorte gereinigt, der Turkey wieder umständlich eingepackt und in der Theke verstaut werden.

    Dass es mit diesem System nicht vorangehen kann, ist klar. Nicht klar ist, warum hinter der Theke weitere drei Damen der Generation "Wir um 70" herumwuseln, deren Funktion erschließt sich dem hilflos Wartenden nicht. Aber dann: 44! ruft die eine. Nichts. 45! Wieder nichts. 46! Keiner meldet sich, kein Wunder, 44, 45 und 46 haben wahrscheinlich nach 20 Minuten Warten bereits die Flucht angetreten. 47! Inzwischen verstorben. Dann gibt die genervte Wurstverkäuferin auf. Next! ruft sie. Man rennt grinsend hin, ich bin dran! Endlich gibt es Roastbeef, ja, genauso, dünn geschnitten und bitte ein ganzes Pfund. Hält sich im Kühlschrank als ob es aus Plastik sei. Hinter uns wächst die Schlange, die Damen treten von einem Bein auf das andere, verdammter Marmorboden!

    Warten, warten, warten. Seitdem wir hier sind, warten wir. Zum Beispiel auf den Mann, der bitte endlich, endlich den Gasgrill auf der Terrasse repariert. Das Ersatzteil für 600 Dollar Vorschuss müsste seit Wochen bei ihm sein. Man stelle sich vor, es Florida und der Grill ist kaputt! Der Backofen ist seit Weihnachten kaputt. FO, nein, es heißt nicht Function off, es heißt: FUCK OFF! Die Steuerung für die beiden Backöfen ist kaputt, das Ersatzteil kostet 800 Dollar und braucht ein paar Wochen, bis es nach Cape Coral geliefert wird. Was dazu führte, dass wir zu Silvester ganz unamerikanisch tatsächlich ein Fondue gemacht haben.

    Der Trockner funktioniert immer noch nicht, allerdings ist das Ersatzteil bereits seit zwei Wochen in Fort Myers und der Kundendienst verspricht seit 26. Dezember täglich vorbeizukommen.

    Pünktlich zum 1. Weihnachtsfeiertag ist die Toilette im Erdgeschoss verstopft. Der Plumber ist nicht zu erreichen, wir stellen uns vor, wie es wäre, wenn das Ding nun überlaufen würde und das gesamte Haus... lieber nicht weiter denken, sonst vergeht einem auch noch der Appetit auf das Fondue. Gestern kam dann endlich der Plumber, nachdem er drei Tage lang versprochen hatte, heute noch vorbeizukommen. Er ging mit seinem langen Stab von draußen in den Abwasserkanal und fischte Papier hinaus. Zuviel Papier sagte er. Und schon hat man ein schlechtes Gewissen, dass man vielleicht doch zu viel.... Sauber machen müssen Sie die Toilette selbst, sagt er, ich bin Plumber und keine Reinigungskraft. Ja. Klar.

    Endlich habe ich meinen Schatz dazu gekriegt, einen Termin beim Podologen zu machen. Warum haben Männer eigentlich immer so eine Scheu, Arzt-, Friseur- oder Fußpflegetermine selber zu machen? Nachdem in der Wäscherei neben unserer Wäsche seine Telefonnummer, Adresse, Sozialversicherungsnummer und Familienstand hinterlassen hatte, fuhr er also gestern den örtlichen Podologen an. Als er zurückkam teilte er mir mit, dass ich Glück hätte, er bräuchte nicht die Bescheinigung des Krematoriums, wann meine Eltern eingeäschert worden sind. Ich schaute Schatzi an, als ob er gerade von irgendeinem noch unbekannten Flugobjekt gebissen worden sei, aber dann knallte er einen Hefter auf den Tisch. 14 Seiten, in Worten vierzehn (!) Seiten Fragebogen, die er bitte auszufüllen habe. Termin heute, 12.50 Uhr. Nee, nicht beim Podologen, Fußpflege kommt später. Bevor man sich hier die Fußnägel maniküren lassen darf, muss man erstmal einen Doktor aufsuchen. 115 Dollar nimmt der Physisian dafür, dass er Mennes Füße einmal anschaut und eine Prescription macht: Fußnägel schneiden, Hornhaut entfernen. Aber vor den Doktor sind 14 Seiten Formulare vorgeschaltet, die wir heute beim Frühstück ausgefüllt haben. Mit dem Erfolg, dass wir Tränen lachend über dem Rüherei lagen.

    Es sind Fragen zu beantworten wie z.B. Sind sie ohnmächtig? Menne war stark in Versuchung anzukreuzen: Ja. Leider war nicht genügend Platz, um zu schreiben: nachdem ich das ausgefüllt habe. Der Fußpfleger will jede noch so kleine Vorerkrankung wissen. Ob man Alkohol trinkt. Was schreibe ich denn da, fragt Menne. Ich sage: die Wahrheit. Täglich. Denn wenn du schreibst: gelegentlich, weiß jeder Arzt und jeder Fußpfleger, dass du strammer Alkoholiker bist. Wozu zum Teufel muss ein Fußpfleger wissen, ob du schwerhörig bist oder ein Augenleiden hast. Was interessiert es eine Maniküre, ob du beim Ausfüllen des Fragebogens Kopfschmerzen hattest oder grüne Männchen siehst.

    Aber einen Vorteil hatte dieser Fragebogen wenigstens: Mein Mann weiß jetzt, dass es sich tatsächlich um das Jahr 2014 handelt und wie man die amerikanischen Daten schreibt, nämlich erst den Monat, dann den Tag und zum Schluss das Jahr. Und ich habe jede einzelne Krankheit, die mich im Laufe meines Lebens noch ereilen kann, nunmehr auf englisch übersetzt. Von Venenleiden über Schlaganfall bis Krampfadern und Prostatakrebs. Haben Sie Geschmack? Ehrlich, stand da. Gout? Menne wollte schon schreiben, ja, einen guten. "Schatzi, die meinen Hautgout! Wir reden schließlich von deinen Füßen!" Aber vorsichtshalber habe ich nochmal das Lexikon bemüht. Gout hat mit Hautgout nichts zu tun, es handelt sich schlicht und ergreifend um Gicht. Was für ein Frühstück. Selten so gelacht.

    Geschmolzener Topfdeckel Wir hatten uns einen kleinen Topf zum Eierkochen gekauft. Beim ersten harten Ei schmolz bereits der Deckel auf dem Gasherd.

  • Himmlische Heerscharen

    Horch, Santa is comin' to town! Während bei uns in Deutschland eher getragen gebimmelt wird, wie z.B. mit Süßer die Glocken nie klingen, so ist Weihnachten in den USA mehr eine rockige Angelegenheit. Die Glocken hier klingen nicht süß, sondern haben Rhythmus: jingle bells, jingle bells, jingle all the way. Und das kann man getrost wörtlich nehmnen.

    Wer nicht an den Weihnachtsmann glaubt, der sollte mal nach Florida fahren. Wir hören ihn hier jeden Abend kommen. Unter Aufbietung sämtlicher himmlischer Heerscharen wird sein Kommen angekündigt. Das beginnt bereits vor dem Supermarkt. Dort steht ein Mitglied der Heilsarmee und schwingt lustlos das Glöckchen. Wer es enthusiastischer will, muss nur in das nächste Einkaufszentrum fahren, da steht an jeder Ecke ein Weihnachtsmann mit Glöckchen. Ein Besuch zum Beispiel in der Edison Mall bietet sich aus diesem Grund in der Vorweihnachtszeit einfach nicht an. Danach sinkt man entnervt auf der heimischen Terrasse darnieder und freut sich auf ein paar ruhige Minuten. Aber auch hier wird Santa Claus angekündigt, hundertausendfach, millionenfach, immer im gleichen Rhythmus. Jingle bells, jingle bells....
    Nickerchen
    Nein, es ist nicht die zentrale Beschallungsanlage, die haben wir bereits am zweiten Tag mundtot gemacht. Wer sich die himmlischen Heerscharen als Gefolgschaft von Erzengel Gabriel mit weißen Gewändern, lockigem Haar und Flügeln vorgestellt hat, der wird hier eines Besseren belehrt. Die himmlischen Heerscharen sitzen im Gras, in den Hecken und Sträuchern. Man sieht sie nicht, Gott sei Dank. Denn so hübsch wie auf unseren Weihnachtspostkarten sind die himmlischen Heerscharen nicht. Genaugenommen sind Grillen sogar ziemlich hässlich. Aber dafür laut. Die Männchen geben diese Bimmel-Geräusch von sich auf der Suche nach dem nächsten Sexualpartner. Bei Grillen gilt: Wer zweimal mit demselben pennt, gehört schon zum Establishment. Grillenmädels markieren ihre Lover, damit sie nicht aus Versehen zweimal mit dem gleichen Kerl Sex haben.  

    Trotzdem sind uns die Grillen lieber als die absolut unweihnachtlichen Noseems, die gemeinen Sandmücken. Eigentlich gibt es diese Wadenbeißer nur im Sommer, aber da es dieses Jahr in Florida im Dezember zu warm war, haben wohl einige Millionen dieser Viecher auf Sommer spekuliert und sind geschlüpft. Leider schlüpfen diese Viecher auch durch die Cages, die über die Pools zum Schutz vor Moskitos gebaut sind. Die Dinger sind etwa so groß wie ein geschrotetes Pfefferkorn, aber bissig wie Nachbars Lumpi. Mir machen die Dinger außer dem schmerzhaften Biss nichts aus, aber mein Süßer sieht untenherum aus, wie ein Siebenjähriger mit Masern. Er scheint auf die Noseems-Bisse allergisch zu reagieren, die roten Quaddeln an seinen Beinen sind jedenfall zehnmal größer als so eine gemeine Sandmücke und ebenso verbreitet, sprich Schatzi ist an den Beinen flächendeckend gequaddelt. (Er hat mir die Scheidung in Aussicht gestellt, sollte ich ein Bild seiner Beine veröffentlichen.) Don von der Pest Controll hat bestätigt, dass es sich um Noseems-Bisse handelt. Und die zieren den Gebissenen rund 14 Tage. Florida im Sommer ist also nicht gerade für die Flitterwochen zu empfehlen.

    Das einzige, was gegen Noseems laut Don von der Pest Controll hilft, ist das Einreiben mit Avon Badeöl  "Skin-so-soft". Okay, man riecht danach wie ein Mädchen, aber besser als gequaddelte Beine. Allerdings hat uns das Avon Badeöl bis heute nicht erreicht. Natürlich haben wir als gestandene Amazonier sofort einen amerikanischen amzon-account eröffnet, und es hat uns sogar ein Home-Trainer-Fahrrad erreicht, allerdings ist das amerikanische Ausliefersystem eher gewöhnungsbedürftig. UPS fährt vor (selbst mit Premium-Account dauert es hier zwei bis drei Tage), schmeißt das bestellte Zeug vor die Haustür, hupt und fährt weiter. Jeder der vorbei kommt, könnte das Paket greifen und weggehen. Bei Skin-so-soft wäre der Dieb allerdings am Geruch zu erkennen.

    Natürlich hoffen wir, dass das Noseems-Phänomen bald vorbei ist. Spätestens zu Heiligabend soll es nämlich kalt werden. Am Heiligen Abend haben wir also in etwa die gleiche Temperatur wie tagsüber in Berlin: 14 Grad. Es wird also nichts mit einem Hummer am Pool, egal, Hummer schmeckt auch drinnen. Leider funktioniert der Kamin nicht. "Der hat noch nie funktioniert" bemerkte unser gebeutelter Makler Siegfried Fuchs lakonisch. "Ich glaube, der ist gar nicht am Gas angeschlossen". Worauf Schatzi ebenso lakonisch bemerkte: "Sind Sie sicher, dass die Amerikaner es geschafft haben, auf den Mond zu fliegen?"

    Am Christmas Day soll es ebenfalls nur 21 Grad werden. Der einzige Tag, an dem hier die Geschäfte geschlossen sind. Wahrscheinlich ist auf dem Caloosahatchi dann ein Verkehr wie zur Rush Our auf der Friedrichstraße. Halb Florida ist mit dem Boot unterwegs. Die andere Hälfte sitzt vor dem Fernseher und sieht genau die gleichen Weihnachtsfilme wie wir zu Hause in Deutschland. Alle Jahre wieder...

    In diesem Sinne: Merry Christmas! Santa is comin' to town!

  • Die spinnen doch, die Amis!

    Was ist der Unterschied zwischen einer 40jährigen, einer 50jährigen und einer 60jährigen? Seit heute früh kenne ich ihn: Mit Vierzig habe ich Stunden bei Walgreens zugebracht, um mir neues Make-up zu kaufen. Mit Fünfzig war ich stundenlang damit beschäftigt, mir die neuesten Anti-Falten-Cremes anzuschauen. Jetzt, mit Sechzig, verbringe ich Stunden zwischen den Walgreens-Regalen auf der Suche nach der wirksamsten Arthritis-Creme. Im übrigen mit der gleichen Begeisterung wie vor 20 Jahren.

    Ich bin endlich angekommen in Cape Coral. Heute früh sprang ich aus dem Bett, na ja, ehrlich gesagt, ich rutschte aus dem Bett (das ist nämlich so ein Prinzessin-auf-der-Erbse-Ding, für das man eine Leiter braucht, um reinzukommen) und dachte: 1. Walgreens, 2. Sunny Side-up mit Bacon, 3. Home Depot. 

    Auf dem Weg zu Walgreens muss ich an einer amerikanischen Guck-Kreuzung halten. Das sind die Dinger, bei denen derjenige, der zuerst kommt, auch zuerst fährt. Mir gegenüber steht also ein Fahrzeug das links blinkt. Aber der Kerl fährt nicht. Als er dann fährt, biegt er rechts ab. Ich saß im Auto und habe lauthals geschimpft. Eine Ecke weiter fiel mir dann auf, dass ich nicht nur in Englisch gepöpelt hatte, sondern auch in Englisch gedacht hatte.

    Welcome home! Jetzt bin ich schon drei Wochen hier, normalerweise fahren wir danach immer nach Hause. Und ich darf jetzt noch über fünf Monate hier bleiben. Ich war so idiotisch glücklich heute morgen in unserem Mietchevy, dass ich vor Freude geheult habe. Und nein, es lag nicht an meinem schmerzenden Ellbogen. Nachdem ich bei Walgreens rauskam, habe ich mich erstmal in ein falsches Auto gesetzt. Himmel, die sehen hier alle gleich aus! Und es ließ sich tatsächlich mit meiner Fernbedienung öffnen.

    Das bringt mich zurück zur Elektrik, ein etwas sensibles Thema in unserem ansonsten tollen Haus, das wir bewohnen dürfen. Gestern waren zwei Elektriker da. Prüfen, ob der Trockner einen elektrischen Defekt hat und den Strom auf der Terrasse reparieren. Die Elektriker haben sechs (6 !) Stunden gebraucht, um herauszubekommen, wo der GFI-Stecker für die Terrassenküche ist. Er befindet sich im Ankleidezimmer eines Gästezimmers im 1. Stock, auf der gegenüberliegenden Seite des Hauses. Die spinnen doch, diese Amis, oder? Ein GFI für die Terrasse hatten wir ja bereits in der Waschküche gefunden, einen im Gästeklo neben dem Kino. Nun also im Obergeschoss. Danach machten sich die Elektriker auf die Suche nach den Schaltern für die Außenbleuchtung. Das Haus ist bis auf eine kleine Lampe im Eingang abends stockduster. Wir hatten selbst alles ausprobiert, der Schalter war nicht zu finden. Sie fanden einen Schalter in der linken Garage, in der einige Möbel lagern, der passen könnte. Nachdem sie eine Stunde gesucht hatten, kam der Elektriker-Gehilfe auf die Idee, dass eventuell die Glühbirnen kaputt sein könnten. Sie waren es, alle sieben Stück!

    Zur Feier des Tages wollte ich meinem Schatz ordentliche Spaghetti kochen, also mit einer richtigen Sauce und nicht mit amerikanischer Pampe, die aussieht wie Ejakulat und ehrlich gesagt, auch so schmeckt. Also habe ich Schatzi gebeten, mir Speck im Stück mitzubringen. Schatzi kam zurück mit geschnittenem Bacon, also genau das, was ich so ganz und gar nicht für Carbonara brauchte. Also ab ins Auto und selbst zu Publix. Nachdem ich selbst das Regal mit den Frühstückssachen abgesucht hatte, war Schatzi rehabilitiert. Er war doch nicht blind. Also ein halbes Pfund Roastbeef gekauft (nach dem wir hier süchtig sind) und die Frau hinter der Theke nach ungeschnittenem Speck gefragt. Hat sie noch nie gehört, aber sie ist hilfreich und geht mit mir mit suchen. Also zum Regal mit den Frühstückssachen und dann gibt es natürlich noch ein paar geheime Regale, wo ebenfalls Eier-Zubehör lagert. Aber auch dort - nur Bacon-Scheiben. Also hat sie den Oberfleischer gefragt, der gerade dabei war, seine Regale zu bestücken. "Ungeschnittenen Bacon gibt es nicht", sagte er. "Aber Sie können gesalzenes Schweinefleisch nehmen". Er zeigt mir, wo ein Klumpen mit Speck hängt. Okay, also ungeschnittener Bacon heißt hier Salted Pork. Mir soll es recht sein, ich muss in jedem Falle Abbitte bei Schatzi leisten.

    Und dann stehe ich am Küchentresen und schnipsle Speck. Natürlich wandert ein Stückchen davon in meinen gierigen Mund. Iiiiiiiihhhhhh! Der Speck ist ja süß! Die haben sogar den Speck gezuckert. Dabei steht gesalzen drauf.

    Ich bin verzweifelt. Alles ist hier gezuckert, sogar die Ritz Cracker. Also nehme ich fifty-fifty Speck und Bacon, damit wenigstens ein wenig Salz in die Carbonara kommt. Ich koste mal ein Stückchen. Pfui Deibel! Der Bacon ist auch gezuckert!

    Die spinnen doch, die Amis.

    Ich liebe sie trotzdem!

    SAM_0207
    P.S. Die Carbonara hat übrigens göttlich geschmeckt.

  • Die Ferien des Monsieur Hulot?

    Nein, sie sind es nicht, Die Ferien des Monsieur Hulot. Aber Jacques Tati hätte seine Freude an uns, wir sind sozusagen eine Neuauflage von Monsieur Hulot in Cape Coral, frei nach dem wunderbaren Film "Mon Oncle".

    Die gute Meldung zuerst: Wir haben es geschafft, die Discobeleuchtung im Pool auf einfach nur blau zu stellen. Dafür muss man an dem Poolbeleuchtungsschalter nur ungefähr zehn mal hin und her klicken, gleichzeitig das Licht unter dem Dach anmachen und voilà! Allerdings funktioniert jetzt der Wasserfall nicht mehr, dafür blubbert der Whirlpool so doll, dass er die Terrasse überflutet.

    Die schlechte Meldung: Der Trockner ging zwar wieder, aber seitdem drei Kilo klitschnasse Wäsche drin liegen sagt er keinen Ton mehr. Dafür sagt irgendetwas im 1. Stock regelmäßig "pieps". Es kommt aus einem der Gästeschlafzimmer aus einem runden Einlass in der Decke und blinkt grün. Wir schwören, wir waren nicht oben und haben dort auch nichts verstellt, denn wir haben im Moment leider keine Gäste!

    Dafür haben sich heute nacht die Backöfen verabschiedet. Sie piepsen und zeigen "FO", was wir nach dem Betätigen sämtlicher Knöpfe, über die die Backöfen verfügen (ja, es gibt zwei in diesem Haushalt!) nur als function off interpretieren können. Selbstverständlich haben wir heute Nacht einen Napfkuchen gebacken und eine Gans gegrillt!

    Menne kommt nicht mehr in seinen yahoo-account, was daran liegt, dass sich sein Notebook über Nacht auf Flugmodus eingestellt hat. Ich komme nicht mehr in mein Bankkonto, was daran liegt, dass meine Bank Schwierigkeiten mit den Pincodes hat und alle zurücksetzen muss. "Bitte haben Sie ein paar Tage Geduld." Dafür hat sich bei mir Windows 8.1. von selbst installiert und alle meine Einstellungen zerschossen, so dass ich einige Stunden mit der Rekonstruktion verbracht habe.

    Dafür haben wir jetzt einen niegelnagelneuen Drucker. Und er funktioniert! Jawoll. Allerdings erst in der Version zwei, die erste Version habe ich gestern bei Walmart umtauschen müssen. Man denkt ja, man sei zu doof, Papier zu laden, aber die netten Damen am Customer Service haben mir versichert, es seien gestern schon mehrere Kunden da gewesen, die die gleichen Schwierigkeiten mit dem hp Drucker hatten, den es gerade im Sondernangebot gab.

    Besonders filmreif war die Nummer, wie ich vorgestern zum Walmart fahren wollte. Mein Mann hatte das Dach vom Chevy aufgelassen, das ich zumachen wollte. Dabei muss ich irgendwie das Licht im Wagen angestellt haben. Allerdings ließ sich das Licht nicht mehr ausschalten. Also aussteigen, alle Türen nochmal schließen. Nichts. Dann alle Knöpfe drücken, die sich in der Nähe des Innenlichts befinden. Plötzlich eine Stimme aus dem Lautsprecher: "This is a security call. If you need help please say yes." Ich brülle also etwas Unflätiges in den Lautsprecher. "If you don't need help, say good bye." Also rufe ich meinen Mann. Der hat von Technik noch weniger Ahnung als ich und drückt wie jeder Mann einfach wahllos auf alle Knöpfe. Deshalb drückt er auch auf eine Leiste, die nicht aussieht wie ein Knopf und siehe da, das Licht erlischt.

    Gestern früh wollte ich zum Home Depot bevor ich den Drucker beim Walmart umtauschte und dachte mir, bevor ich mich zwischen Skyline Boulevard und Del Prado verfahre, nehme ich lieber das TomTom.

    Früher hatte man ja Zigarettenanzünder, die man sah. Aber wo zum Teufel steckt man jetzt das TomTom rein. Gut 20 Minuten später hat mich das TomTom dann einmal um den Pudding geleitet, der Eingang war unter einer Ablagein der Mittelkonsole, die man zurückschieben musste. Darunter befindet sich ein weiteres Ablagefach und da drin ist ein schwarzer Knopf. Wenn man den von unten mit dem Fingernagel nochnimmt, erscheint der Eingang für das TomTom. Dank des TomToms wäre ich fast in North Fort Myers gelandet, wenn ich nicht immer rechts gefahren wäre, wenn das TomTom links gesagt hat.

    Ich will meine IBM Schreibmaschine, meinen Fitat 500 und meine Constructa-Washmaschine wiederhaben! Und einen Faltplan.

    Das Geisterhaus:
    Geisterhaus

  • Game over

    Wer in die Gegend von Cape Coral kommt, kommt an ihm nicht vorbei: Thomas Alva Edison, der nicht nur die Glühbirne erfunden hat, sondern zum Beispiel auch ganz New York elektrifiziert hat. Jedes Jahr zur Winterszeit schlug Edison sein Quartier in seiner Semiole Lodge am McGregor Boulevard in Fort Myers auf. Also um die Ecke. Die Floridianer sind stolz auf T.A., jedes Jahr feiern sie im Februar ihr wunderbares Edison Festival of Lights, das man wirklich nicht versäumen darf.

    Aber nicht nur die Wahnsinns-Edison Parade ist einen Besuch wert, wir freuen uns als nächstes auf die Electric Light Bootsparade am 15. Dezember. In vielen Kanälen werden jetzt abends die Boote mit Lichterketten geschmückt, man sieht von unserer Terrasse aus, wie die Bootseigner ihre Installationen überprüfen. Die Hausbesitzer rüsten derweil auch auf, jeden Tag kommen neue bunte Lichterinstallationen an den Häusern dazu. Am Wochenende ist hier dann Party angesagt, wenn ganz Cape Coral auf den Beinen ist, Häuser guckt, und rund um die Salzwasserkanäle tausende von Hohoho-Rufen erschallen und jedes festlich erleuchtete Boot von den Menschen bejubelt wird. Wer das Glück hat, an so einem Kanal zu wohnen, der veranstaltet natürlich eigene Partys auf dem Bootsdeck, vor einigen Jahren haben wir bei so einer Party unser erstes Weihnachten in Cape Coral gefeiert. In diesem Jahr werden wir uns mit Klappstühlen, Würstchen und kalten Getränken auf ein freies Grundstück am Ende unserer Straße verziehen, denn dort müssen alle Boote vorbei.

    Aber bis dahin haben wir unsere eigene Light Show – Thomas Alva Edison sei Dank. In unserem gemieteten Haus befinden sich gefühlte 300 Schalter. Wir haben immer noch nicht alle Schalter den jeweiligen Lichtern oder elektrischen Installationen zugeordnet. Gott sei Dank gibt es Ina, unsere gute Fee und Helferin in der deutschen Not. Die weiß wenigstens, wie man mit einem integrierten Staubsaubersystem umgeht (das sind in den Fußleisten angebrachte Steckdosen, in die ein Schlauch gesteckt wird und der Staub wird dann zentral in der Garage gesammelt. Da muss Dyson noch ein bisschen nachsitzen!)

    Will man abends am Pool gemütlich sitzen, dann gibt es zwar sieben verschiedene Schalter, die sieben andere ungemütliche Lichter anschalten. Die einen sind mit den Ventilatoren verbunden, die anderen mit der Poolbeleuchtung. Die Poolbeleuchtung ist allerdings auf Discolight geschaltet, das wahrscheinlich mit irgendeiner uns noch verborgen gebliebenen Karaokeanlage synchronisiert ist, auf jeden Fall wechseln die Farben Stroboskop-mäßig wie in einer Vorstadtdisco der 80er Jahre. Fehlt nur noch die Glitzerkugel mit Laserbeschuss. Wochenlang habe ich mich darauf gefreut, die Terrasse floridianisch mit Weihnachtslichtern zu schmücken, allerdings gibt hier draußen keinen Stromanschluss. Zumindest keinen, der funktioniert. Bis heute früh. Da kam der Makler mit einem Menschen, der den Grill in der Terrassenküche reparieren sollte (die Anzünder sind kaputt). Und deshalb weiß ich seit heute, was ein GFI-Schalter ist. Das ist ein ganz normaler Lichtschalter, der in der Mitte noch eine Taste hat. Leuchtet die Taste rot, ist die Stromzufuhr unterbrochen. Der GFI-Schalter für eine Steckdose auf der Terrasse befand sich in der Waschküche vor der Garage, also ungefähr 100 Meter entfernt.

     Dafür haben wir heute noch ein verborgenes Badezimmer hinter der Terrassenküche gefunden. Mit Klo und Dusche. Allerdings funktionieren dort auch nicht die Steckdosen, den GFI-Schalter dafür suchen wir noch.

    Wenn ich nachts aus dem „Prinzessin auf der Erbse“-Bett aufstehe, was nicht ganz einfach ist, denn ich kann nur mittels Leiter ein und aussteigen, so hoch ist die Matratze, dann geht in der Ecke ein rotes Licht an. Dafür blinkt über dem Prinzessinnen-Bett regelmäßig eine grüne Lampe. Das ist der Temperaturfühler, der der Klimaanalage sagt, ob sie heizen, kühlen oder den Mund halten soll. Daneben sind dann die Austritte der Musikanlage, die in jedes Zimmer Stereosound  sendet. Diese wird zentral über die Anlage im Kinosaal gesteuert, hier läuft The Best of Christmas in Endlosschleife. Hat gedauert, bis wir die gefunden haben, Rudy, the red nose rendeer kann mich jetzt mal!

    Um den Backofen anzuschmeißen mussten wir ebenfalls auf Ina warten, denn die Knöpfe, die man drücken kann, haben sich uns nicht von allein erschlossen. Dafür ist Ina am Trockner gescheitert, jetzt geht er wieder. Siegfried Fuchs sei Dank. Der hat einmal die Sicherung ein und ausgeschaltet, jetzt tut der Apparat es wieder. Mein Mann hat gestern ein paar Stunden versucht, die gezeichnete Gebrauchsanweisung für unseren neuen Drucker zu verstehen, er musste daran scheitern, der Arme, er ist nämlich farbenblind.

    Da gab es doch mal so einen wundervollen Roman: Game over – ein Haus killt seinen Architekten.

  • Und die Welt lächelt zurück

    Heute ist mein 60. Geburtstag. Für die meisten Frauen ist das eine Horrorvision. Es sind nicht wenige, die bereits mit 50 glauben, dass jetzt Schluss sei mit Lustig. 60, das ist alt, grau, uninteressant. Da kommt nichts mehr, außer Krankheit, Armut und Sorgen.

         Weit gefehlt. 60 ist toll. Ich habe mich schon über meinen 50. Geburtstag gefreut, auch wenn es ein trauriger war. Ein paar Tage vorher war meine Mutter gestorben, ein paar Wochen vorher habe ich meine Firma zu Grabe getragen. Trotzdem war ich davon überzeugt, dass es der Beginn der besten Zeit meines Lebens werden würde. Ich habe immer geglaubt, dass meine große Zeit erst mit 50 kommen würde. Dabei hatte ich schon ziemlich große Zeiten erlebt. Vor allem zwischen 35 und 50, da zeigte sich mir das Leben von seiner Schokoladenseite.

         Was dann kam, war aber leider nicht meine große Zeit, sondern große Scheiße. Eine Zeit, in der ich gelernt habe, dass da was dran ist mit den sieben Brücken. Ja, es waren sieben magere Jahre. Jahre voller Sorgen, mit einem kranken, uralten Vater, mit einem kranken Mann, mit einer neuen Firma, die erst mal auf die Beine gebracht werden musste. Dass aber auch die schlechten Zeiten für etwas gut sein können, habe ich in dieser Zeit gelernt. Ich habe gelernt dankbar zu sein und bin demütig geworden, gegenüber den Herausforderungen des Lebens.

         Und dann muss da oben wohl einer gesessen haben, der sich gedacht hat, so jetzt reichts, die Kleene hat jetzt genug gebüßt für alle Sünden ihres Lebens. Und dann hat er den Hahn aufgedreht und seitdem regnet es Glück. Pures, unverfälschtes Glück. Mehr Glück als ich je in meinem ganzen Leben gehabt habe.

         Das größte Glück: Ich habe einen Mann, der mit mir durch Dick und Dünn gegangen ist und auch in den schweren Zeiten haben wir zueinander gehalten und es uns jeden Tag so schön wie möglich gemacht. Und mit diesem Mann feiere ich heute ganz allein meinen 60. Geburtstag.

         Und auch das gehört zum Glücksregen: Ich darf meinen 60. Geburtstag in einer Lebenssituation feiern, von der ich seit meiner Jugend geträumt habe.

         Ich sitze am Pool in unserem geliebten Cape Coral in Florida, es weht ein leichter Wind, wir haben 26 Grad und die Sonne scheint. Wir werden hier ein halbes Jahr bleiben, zum ersten Mal sind wir in der komfortablen Situation, dass wir überall auf der Welt arbeiten können, Hauptsache es gibt einen W-LAN-Anschluss.

         Ich sitze vor meinem Computer und in diesen Computer hacke ich meine Bücher. "Kudamm 216", der 2. Band muss Ende Januar zur Lektorin, "Alligator Valley", unser Cape Coral-Roman wartet darauf, endlich reif gemacht zu werden für eine Veröffentlichung und ja, einen richtigen Thriller will ich hier auch noch schreiben.

         Davon habe ich geträumt. Von einem Leben halb in Deutschland, halb in Florida, und davon, dass ich vom Romanschreiben leben kann. Was für ein Geschenk, dass sich im Alter die Lebensträume erfüllen.

         60 Jahre und kein bisschen leise. Ich schreie es hinaus in die Welt: Leute, 60 ist toll! Ich fühle mich nicht alt sondern großartig.

         Früher habe ich Fotos von mir schamvoll vernichtet, heute freue ich mich, Fotos von mir zu sehen. Ich schaue in den Spiegel und mag mich, früher habe ich gedacht, ach, die Haare, so dünn, ach, die Beine, zu kurz, ach ein Pickel, ach, ach, ach. Und heute: Yes, Baby, sage ich morgens zu meinem Spiegelbild und werfe ihm ein Küsschen zu. Ich muss keine langweiligen Hosenanzüge mehr tragen und mich in Tarnfarben kleiden, um ja auch ernst genommen zu werden, zwischen all den Herren Mausgrau.

         Ich darf Knallrot tragen und Lavendelblau, ich darf in Neogrün leuchten und wenn ich meine Nägel petrolblau lackieren will, dann tue ich es. Ich darf die Waage ignorieren, weil es nämlich niemanden auch nur eine Sekunde interessiert, ob ich drei Kilo zu viel drauf habe oder dreizehn. Das wird weggelächelt. Wenn es sein muss in  Cinemascope-Format weggelächelt.

         Wobei es ja gut ist, dass ich mich früher so hässlich fand. Das hilft nämlich ganz enorm bei der Entwicklung von Charme. Ich laufe fröhlich durch die Welt und lächle jeden an, der mir entgegen kommt. Viele lächeln zurück. Sieht man ja so selten, ältere Frauen mit guter Laune. Die meisten meiner Kolleginnen aus der Altersgruppe 50 plus gucken aus der Wäsche, als ob sie einen schwarzen Socken mitgekocht hätten.

         Früher habe ich Verkäuferinnen angemotzt, wenn sie mal wieder zu langsam waren oder unkonzentriert. Heute spreche ich sie mit ihrem Namen an und stelle auch mal fest, wenn eine von ihnen eine neue Frisur hat. Neulich hat mich das Team von der Bäckerei meines Vertrauens zur nettesten Kundin gekürt. Wenn ich mich im Supermarkt in die Schlange stelle, dann lächeln mich die Kassiererinnen schon von weitem an.

         In den letzten dreieinhalb Jahren gibt es nur ein Wort, das mein Leben zutreffend beschreibt: PERFEKT.

    So ist das mit 60. Die Welt lächelt zurück.

  • Besuch bei Freunden - Warum ich immer eine Serie schreiben wollte

    Auf diesen Tag habe ich viele Jahre gewartet: Meine Krimi-Serie "Kudamm 216" geht an den Start. Jetzt endlich hat auch Berlin ein unverwechselbares Detektiv-Team. Aber warum muss es gleich eine Serie sein?
    Als alter Krimijunkie habe ich die Welt mit Kriminalromanen bereist. New York lernte ich kennen durch Rex Stout mit seinem Team um Nero Wolfe. Archie Goodwin hat mir Long Island und die Hamptons gezeigt und wenn ich mal wieder Sehnsucht nach Big Apple hatte, dann bin ich in die 35th Street gefahren und habe mir von Fritz ein Sterne-Menü kochen lassen. Auf dem Papier, natürlich.
    Als ich das erste Mal in Los Angeles war, nahm ich mir ein Taxi und besuchte all die Orte, die mir Raymond Chandler durch Philip Marlowe näher gebracht hatte. Der Taxifahrer glaubte, ich wolle Dope kaufen.
    Letztes Jahr war ich in Boston. Ich mochte Boston nicht. Oder besser gesagt: Ich habe nicht das Boston gefunden, das mir Robert B. Parker mit seinen "Spenser"-Romanen näher gebracht hat.
    Ich habe das Sherlock Holmes Haus in der Londoner Baker Street auf den Spuren von Sir Arthur Conan Doyle besucht, bin in Paris zum Quai des Orfèvres gepilgert auf der Suche nach Georges Simenons Kommissar Maigret.
    Das englische Landleben habe ich mit Agatha Christie kennengelernt und ich habe ihre wunderbare Mrs. Marple in der Paddington Station in London gesucht. Stockholm? Das war jahrelang für mich die Crew rund um Kommissar Martin Beck von dem anbetungswürdigen Autorengespann Sjöwall/Wahlöö.
    So etwas wollte ich auch schreiben. Schon immer, also spätestens, seitdem ich das erste Mal in der 35. Straße zu Gast war.
    Diese Serienkrimis haben eins meiner Grundbedürfnisse erfüllt: Ich konnte, wann immer ich wollte, alte Freunde besuchen. Weekendtrips für den Preis eines Taschenbuchs. Und so waren es oft gar nicht die Plots, die mich dazu veranlassten, den neuesten Rext Stout oder Georges Simenon zu kaufen. Es war das Ambiente. Die Wohlfühlzone, von der aus man die Verbrechen aufklärte. Und es waren die Menschen, mit ihren Spleens, Familiengeschichten und Eigenheiten, die mich immer wieder zurückkehren ließen. Deshalb habe ich viele Jahre davon geträumt, Berlin zum Schauplatz eines Serienkrimis zu machen. Mein Berlin.
    Born in the American Sector: Ich bin eine geborene West-Berlinerin. Und mit allem ausgestattet, was so eine geborene Berlinerin ausmacht: Kodderschnauze genauso groß wie das Herz, Lokalpatriotismus und Frontstadtmentalität. Mein Berlin findet nicht am Prenzlauer Berg statt und nicht in Berlin Mitte. Mein Berlin liegt im Westen der Stadt, Kudamm nicht Friedrichstraße. Viele Jahre habe ich am Kurfürstendamm gewohnt und gearbeitet.
    Das Haus 216 hat dabei für mich eine ganz besondere Bedeutung. Denn dort habe ich mir mein Jurastudium bei einem Anwalt verdient. Als Tipse. Damals noch mit 10 Durchschlägen auf einer mechanischen IBM und mit Radieren statt Tipp-Ex. Mein heutiger Ehemann hat zur gleichen Zeit im gleichen Haus gearbeitet, wir haben uns damals nicht kennengelernt. Im Haus saß jahrzehntelang mein Gynäkologe, eine liebe Freundin von mir ist dort aufgewachsen. Kudamm 216 ist für mich aber auch das Synonym für die schönste Ecke am Kurfürstendamm: Direkt gegenüber vom Kempinski gelegen, vor der Tür die Haltestelle des Stadtrundfahrtbusses. Noch mehr West-Berlin geht nicht. Ideale Voraussetzungen also für die Heimat meiner Ermittlercrew. In dieses Haus wollte ich alle meine Leser einladen.
    Was noch fehlte, waren die Menschen, die meinen Kudamm 216 bevölkern sollten. Da ich einen klassischen Private-Eye schreiben wollte, musste eine Figur her, die per se mit Verbrechen zu tun hat. Ein professionelles Detektivbüro fand ich langweilig. Also habe ich die Krimischriftstellerin Alice von Kalendenberg geschaffen. Sie ist nicht nur die zentrale Figur am Kudamm, sondern für mich auch eine Verneigung vor meiner verstorbenen Freundin Regine. Sie sieht aus wie Regine, sie hat die gleiche Krankheit, an der meine Freundin gestorben ist, sie hat die gleiche Diktion und die gleichen seelischen Abgründe. Wie meine Freundin Regine hat Alice ihre Ex-Männer immer noch an der Angel: Konstantin von Kaldenberg – Exmann Nr. 1, von dem selbst Alice nicht so genau weiß, womit er sein Geld verdient. "Was auch besser so ist!" Und dann ist da der berühmte Ex-Mann aus der Welt der Musik, bei Alice heißt er Bernhard Goldsmith – genannt "Bernie", weltberühmter Dirigent und trotz Scheidung Alices große Liebe.
    Wie meine Freundin Regine schart Alice von Kaldenberg außergewöhnliche Menschen um sicher herum und wird für diese zur lebenslangen Mentorin.
    Von ihrer neuen Mitarbeiterin Judith Schilling bekommt Alice den Spitznamen Lady Kaa, nach der Schlange mit dem hypnotischen Blick aus Rudyard Kiplings "Dschungelbuch". Judith kommt als arbeitslose Journalistin aus der Generation Praktikum zu Alice. Sie ist die Berliner Kodderschnauze, das "Schätzchen" aus dem Osten der Stadt, die mit ihrer unverstellten Weltsicht das großbürgerliche Ambiente und die "gehobenen Kreise", in denen natürlich immer die interessantesten Verbrechen geschehen, aus der Sicht des Normalmenschen kommentiert. Sie ist sozusagen die Anti-Alice.
    Hüseyin Aydin, begnadeter Maler mit türkischem Migrationshintergrund ist Alices "ich such‘ mir einen Studenten, der mir alles macht". Zusammen mit der hochbegabten polnischen Wirtschaftsingenieurin Oliwia Pawlak repräsentiert "Hüsy" die gesellschaftliche Realität im Berlin von heute. Komplettiert wird das Team von Alices Jugendfreundin Elke, die als Witwe eines Sternekochs Privatinsolvenz anmelden musste und von der Lektorin Maria König, alleinerziehende Mutter von zwei Kindern und Dr. porn genannt, weil sie über Erotik in der englischen Literatur promoviert hat.
    Im Übrigen hat nicht nur Alice von Kaldenberg ein reales Vorbild. Auch alle anderen Protagonisten vom Kudamm 216 haben einen Paten aus Fleisch und Blut in meinem Freundes- und Bekanntenkreis. Ich liebe jeden einzelnen von ihnen.
    Heute habe ich mein geliebtes Personal losgelassen. Der erste Band Erbsünde ist jetzt vorbestellbar bei amazon. Erbsünde wird am 15. Oktober erscheinen. Bis dahin kann das E-book zum Einführungs-Preis von 99 Cent vorbestellt werden.

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  • Und Gott schielte, als sie die Welt erschuf

    Gemeinhin stellt man sich das Leben eines Autors ziemlich gemütlich vor. Nach einem ausgiebigen, späten Frühstück setzt er sich vor den Computer und füllt Seite für Seite mit dem, was er sich ausgedacht hat. Der Autor erschafft eigene Welten, darf den ganzen Tag "Lieber Gott" spielen.

    Dass "Lieber Gott" ziemlich anstrengend ist, weiß man erst, wenn man es mal selbst versucht. Oh doch, man füllt ganz locker Seite für Seite, mit dem was man sich ausgedacht hat. Allerdings hat die "Liebe Gott-Nummer" einen Haken. Es reicht nämlich nicht, eine gute Geschichte zu haben, interessante Menschen zu erschaffen, in fremde Welten einzutauchen. Und es reicht verdammt noch mal nicht aus, Seite um Seite zu füllen. Ich weiß wovon ich rede, ich habe gerade 200 Seiten lang "Lieber Gott" gespielt und bin meiner Geschichte nicht einen Millimeter näher gekommen. .

    Wovon der Dichter schweigt: Nein, ich sitze nicht nur locker auf dem Hocker, sondern tigere wie eine Bekloppte durch die Wohnung, auf der Suche nach einer Ladung Wäsche für die Waschmaschine, nach schmutzigen Tassen für den Geschirrspüler, nach Blumen, die gezupft und begossen werden müssen. Ich renne wie blind durch den Supermarkt, kaufe ein, was mir vor die Linse kommt und bin mit meinen Gedanken in meinem "Paradies". Allerdings nach dem Sündenfall. Adams Apfel ziert jetzt das Smartphone.

    Diese Phase des sich Quälens mit einer Geschichte habe ich wahrscheinlich bei jedem Buch. Das Baby muss unter Schmerzen geboren werden. Aber diesmal quäle ich mich schon viel zu lange - eigentlich sollte das Buch bereits fertig sein. Doch diesmal ist alles anders. Denn ich schreibe nicht einfach ein Buch. "Kudamm 216" soll eine Serie werden, die meine Leser nicht mehr loslassen soll, ich will, dass sie regelmäßig zu Besuch kommen, sich dort bald wie zu Hause fühlen. Ich habe die Latte für mich selbst also ganz schön hoch gehängt.

    So eine Serie muss funktionieren. Immer. Mit jeder Geschichte, die ich mir in ein, zwei oder drei Jahren ausdenken werde. Ich muss mit diesem Personal für einige Jahre leben, ich muss meine Menschen, die ich erschaffe, einfach lieb haben, sonst hält man das als Autor nicht aus.

    Ein Lektor schrieb mir einmal folgenden, inhaltsschweren Satz: "Schrift kann man so oder so stellen." Recht hat er, man kann auch so oder noch ganz anders. Es ist alles eine Frage der Perspektive!

    Wer erzählt die Geschichte und wie. Das ist die zentrale Frage. Ich habe für jeden meiner Protagonisten (und nicht nur von dem Serienpersonal) eine ausführliche Biografie, es gibt Timetables für was passierte wann und wo, es gibt einen Szenenplan, es gibt einen gezeichneten dramaturgischen Aufbau, es gibt einen zusammengeschmorten Plot auf vier Seiten, es gibt sogar ein Schaubild, wer mit wem und weshalb. Sol Stein wäre sowas von stolz auf mich. Und trotzdem kriege ich die Geschichte nicht in den Griff, sie glibbert mir wie Eiklar immer wieder aus der Hand.

    Was also ist das Problem? Gott schielte, als sie die Welt erschuf!

    Ich bin ein Ich-Schreiber. Ich liebe es, meinen Protagonisten meine eigene Stimme zu geben. Innenansichten zu zeigen. Ich liebe durchaus auch einen leicht narrativen Ton, ja, ich weiß, das ist ziemlich altmodisch, aber meine Leser scheinen diesen Ton mehrheitlich auch zu mögen. Dieser Ton ist der richtige für einen Private-Eye-Krimi, die großen Private-Eyes sind im übrigen alle in diesem leicht lakonischen Ton geschrieben, den ich selbst so sehr mag.

    Also habe ich Judith, arbeitssuchende Journalistin mit Ambitionen auf den Pulitzer-Preis zu meiner Stimme gemacht. Sie kann mit ihrer wunderbaren Berliner Schnauze über alles und jeden vom Leder ziehen. Dass das Nachteile für die Serie hat, war mir von Anfang an bewusst. Denn natürlich kann man in der Ich-Perspektive immer nur das zeigen, was die Protagonistin gerade erlebt, hört, erfährt etc. Das geht auf Kosten der Spannung.

    Na gut, dachte ich, man kann ja die 3. Person-Perspektive dazu nehmen, haben andere auch schon gemacht, auch ich habe das in "Der 7. Tag" getan. Wofür hat man seine kleinen Tricks aus der schriftstellerischen Zauberkiste.

    Bereits beim Schreiben der Biografien habe ich gemerkt: Da ist eine Person, die mich besonders interessiert. Sie ist abgründig, hinterhältig, boshaft, pervers. Bereits das Schreiben ihrer Biografie hat Spaß gemacht. Das war mein Ton. Also habe ich ein paar Kapitel aus der Ich-Perspektive dieser Person geschrieben. Wunderbar, das flutscht, ich bin drin in der Geschichte. Nur wie zum Teufel, soll ich das ins Buch einbauen? Die Frau reflektiert Dinge, die sie freiwillig niemandem erzählen würde. NIEMALS! Und niemand kann ihr auf die Schliche kommen, wenn sie es nicht erzählt.

    Zwei Ich-Perspektiven? Man sollte seine Leser nicht überfordern! Und die Kollegen von Judith, mein zauberhaftes Personal vom Kudamm 216? Alles in der 3. Person. Na klar. Oder auktorial? Ich lese selbst nicht gerne Bücher von allwissenden Autoren, also lassen wir das.

    Und so quäle ich mich von Tag zu Tag von Seite zu Seite, ich schreibe weiter nach dem ursprünglichen Plan, denn ich habe ja keine Schreibblockade. Das, was ich schreibe ist auch gut, ja, es liest sich schön. Aber die Spannung wird der Roman aus Informationen beziehen, die der Leser bekommt, die die Protagonisten vom Kudamm 216 noch nicht haben, d.h. meine Leser müssen immer ein ganz klein wenig mehr wissen als Judith & Co. Eine ziemlich komplizierte Konstruktion, aber so sind Krimis nun mal aufgebaut.

    Nachts liege ich wach und probiere im Kopf unterschiedliche Zaubertricks aus. Das geht seit Wochen so. Ich esse zu viel, ich trinke zu viel, meine Wohnung ist zwangsgestört aufgeräumt, ich facebooke zu viel - kurzum, ich bin verzweifelt. Und dann kommt er, wie er immer wieder kommt, jener magische Moment, in dem man endlich die Lösung für alle Probleme sieht. Eine einfache Lösung, so einfach, dass man monatelang nicht daran gedacht hat.

    Heute früh wachte ich auf und dachte: Wieso quälst du dich so, mach es dir doch einfach. Wen interessiert die Innenansicht von Judith, die Leser werden Judith auch lieben, wenn sie in der 3. Person die Leser an ihrer Weltsicht teilhaben lässt. Aber Judith hat noch keine großen Geheimnisse, die sie vor der Welt unbedingt verbergen muss. Sie ist viel zu jung, um wirklich abgründig zu sein, viel zu lieb, um interessant zu sein. Sie ist eine mit normalen Problemen, eine, mit der sich die Leser identifizieren können.

    Erzähl die geheime Geschichte von einem der Betroffenen eines Verbrechens aus seiner Perspektive. Vorzugsweise aus der Sicht von jemandem, der außergewöhnlich, kriminell, hinterhältig, bösartig aber dadurch eben auch faszinierend ist. Und so eine Person braucht jeder Krimi, damit mache ich mir die Serie nicht kaputt, sondern ermögliche sie. Das nächste mal wird einfach ein anderer Protagonist aus der Ich-Perspektive erzählen. Das muss nicht der Täter sein. Und der Protagonist darf sogar nach Herzenslust sich selbst belügen.

    Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht, scheint wohl mein Lebensmotto zu sein. So jetzt aber:
    Kudamm 216, ich komme!

  • Ich hatte einen Traum – ein Jahr Nika Lubitsch

    Peter Sarstedt sang "Where Do You Go To My Loveley", meine Eltern hatten in jenem Sommer in Juan-les-Pins das Haus einer alten Schriftstellerin gemietet. Ich liebte dieses Haus mit seinen überquellenden Bücherregalen und dem schattigen Atriumhof.

    Dort las ich Françoise Sagans "Bonjour tristesse", hörte aus meinem Kassettenrecorder: When you go on your summer vacation, you go to Juan-les Pins… ich war 16 und träumte mich in die Zukunft.

    In so einem Haus wollte ich leben, mit einer Katze und "a friend of Sacha Diestel" Ich sah mich an einem alten Schreibtisch sitzen und auf einer "Gabriele" Bücher schreiben. Schriftstellerin wollte ich werden.

    Mit 17 schrieb ich meinen ersten Roman. Mit 26 schrieb ich meinen zweiten Roman, langsam wurde mir klar, dass ich weder über die Qualitäten einer Françoise Sagan noch über die einer Patricia Highsmith verfügte. Die Mädels lachten mir aus meinem Bücherregal höhnisch zu: "Ätsch, wir können was, was du nicht kannst." Böse Herausforderung!

    "Your name is heard in high places…" – da neben dem Schreiben auch das Leben finanziert werden musste, wurde ich PR-Managerin. Die Jahre vergingen, ich feierte Triumphe und musste Niederlagen einstecken, meinem Traum war ich nicht ein Stück näher gekommen. Also fing ich an, Ratgeber zu schreiben. Und siehe da, sie fanden Verlage. Ich schrieb "Der 7. Tag". Aber im Gegensatz zu meinen Sachbüchern wollte auch Roman Nr. 3 kein Verlag haben.

    Nachdem mein Verlag pleite gegangen, mein Agent mit meiner Kohle durchgebrannt war und mein Leben ein Buch schrieb, das garantiert niemand lesen wollte, hatte ich mich innerlich vom Schreiben verabschiedet. Bis zu jenem Sommerabend im Juli 2012.

    Kindle-Werbespots liefen im Fernsehen. Zu Weihnachten hatte ich sie auf meinen Kindle geladen: Ratgeber von Matthias Matting, von Ruprecht Frieling und von Wolfgang Tischer. Da stand doch, dass man seine eigenen Bücher hochladen kann. Schnell nachgelesen. So also geht das. In habe meine Kurzgeschichten zusammengeführt, vom letzten Miami-Urlaub ein Titelbild gefunden und den Namen NIKA LUBITSCH darüber geschrieben. Als ich am 12. Juli 2012 "Strandglut" hochgeladen habe, ahnte ich nicht, dass das der Beginn meines zweiten Lebens sein würde.

    Ich habe immer noch keine Villa in Südfrankreich, die brauche ich nicht mehr. Aber wenn ich an meinem Bücherregal vorbei gehe, dann zwinkere ich Françoise Sagan und Patricia Highsmith zu. Denn neben ihren Büchern stehen "Der 7. Tag" und "Das 5. Gebot" und funkeln sexy in Weiß und Rot.

    Und das ist die Bilanz von einem Jahr Nika Lubitsch: Über 200.000 verkaufte Bücher, Lizenzen in der ganzen Welt, Oliver Berben hat sich die Verfilmungsrechte für "Der 7. Tag" gesichert und Bertelsmann wird im Herbst eine Clubausgabe herausbringen. Ich habe einen eigenen Verlag und im mvg-Verlag einen wunderbaren Vertriebspartner. "The 7th Day" wird in den nächsten Wochen in den USA richtig an den Start gebracht.

    Aber das Beste ist: Ich habe tolle Leser, die mir schreiben, mich motivieren und aufbauen. Und ich habe interessante Menschen kennengelernt, die Neuland betreten haben und Selfpublisher wurden. Aber auch Menschen, die neue Geschäftsmodelle ausprobieren, die sich durch diese Art des Verlegens ergeben. Pioniere auf einem Gebiet, dem ganz sicher die Zukunft gehört. Ich fühle mich wohl unter diesen Menschen. Zuhause. Endlich angekommen.

    Ich hatte einen Traum: Ich wollte Bücher schreiben.

  • Ach, Mutti!

    Zu Muttertag blüht der Flieder. Und der Goldregen. Und die Pfingsrosen. Die Maiglöckchen, natürlich. Ein Strauß Maiglöckchen gehörte dazu, wenn Muttertag war. Du legtest Wert auf Muttertag. Ich fand Muttertag albern. Bei mir war immer Muttertag.
    Natürlich habe ich heute einen Strauß Maiglöckchen auf Dein Grab gelegt. Es sind Deine Lieblingsblumen. Nur es ist nicht Dein Grab. Mein Vater hat darauf bestanden, dass Du anonym verscharrt wirst. Weil ich mich ja eh nicht um Dein Grab kümmern werde. Sollte ich mich mit ihm streiten, damals bei Grieneisen?

    Dein Name steht auf seinem Grabstein. Komisch, Du bist mir so nah, wenn ich auf den Friedhof fahre. Durch unsere alte Gegend. Weißt Du, dass sie in unserer Straße die Platanen beschnitten haben? Wie Lastkräne im Hafen ragen sie in den Himmel. Berlin-Dahlem, zu Hause. Breitenbachplatz, wie viele Male haben wir ihn gemeinsam umrundet? Ich schlucke die Tränen runter, denke an Dich, wie Du warst, damals, als wir hierher zogen. Ich muss mich zwingen daran zu denken. Zu schwer lastet die Erinnerung an dieses muffige Pflegeheim auf mir, in dem Du die letzten Jahre vegetiert hast. Ich muss mich zwingen, an meine lustige, charmante Mutti zu denken, immer wieder sehe ich die schreiende Alte vor mir, die mit Tassen nach mir wirft. Alzheimer. Verdammt, konntest Du nicht Krebs bekommen oder einen Schlaganfall, einen Herzinfarkt. Oder wenigstens einen Oberschenkelhalsbruch, so wie andere anständige Mütter. Du hast Dinge getan, die ich Dir jahrelang nicht verzeihen konnte. Obwohl ich wusste, dass Du krank warst. Zehn Jahre ist es her, dass Du gestorben bist. Zehn Jahre und ich habe dieses Bild immer noch nicht aus meinem Gedächtnis löschen können.

    Ich fahre um den Breitenbachplatz herum hinein in den Südwestkorso. Berlin-Friedenau. Gepflegte Bürgerhäuser, die wie Trutzburgen die Straßen säumen. Hier bist Du geboren. Ich auch. Der Friedhof liegt gleich gegenüber des Hauses, in dem Deine Eltern wohnten. Auch wir haben dort gewohnt, bis ich vier Jahre alt war. Auf dem Friedhof liegt auch Marlene Dietrich. Ich verliere Dich immer, wenn ich auf diesen Friedhof komme. In den Straßen und Plätzen unseres Lebens finde ich Dich, aber nicht hier, auf diesem Friedhof. Ich sitze in meinem Auto und meine Augen schwimmen in Tränen. Und dann gehe ich auf den Friedhof und sehe nur, welches Unkraut ich zupfen, wo ich den Grabstein säubern muss. Du bist nicht hier auf diesem Friedhof und nicht in diesem Grab. Eine andere Frau ist mir hier nah. Meine Omi. Omi Hof. Omi Hof hieß so, weil ich nur über den Hof musste, hoch in den 1. Stock zu Omi, die eigentlich meine Großtante war.  

     

    Mit Omi bin ich im Sommer jeden Tag auf den Friedhof gegangen, die Gräber unserer Angehörigen gießen. "Komm, Puddelchen", hat sie gesagt. Ich liebte diesen Friedhof, mit seinen uralten Bäumen, die so wunderbaren Schatten spenden, die Ruhe, die hier herrscht, das Vogelgezwitscher. Warum hat niemand dafür gesorgt, dass Omi hier begraben wurden? Ich habe Dich nie zu ihrem Grab begleitet, als sie starb, warst Du im Urlaub. Mein Vater befand es nicht für nötig, nach Hause zu kommen zur Beerdigung. Omi war immer für Dich da, die ersten vier Jahre meines Lebens habe ich bei Omi verbracht, damit Du arbeiten gehen konntest.

     

     Und so habe ich die Maiglöckchen auf Dein Grab gepackt, das Unkraut gezupt und den Grabstein gesäubert. Dein Name steht unter dem meines Vaters. Du hast mir so viel Liebe gegeben und ich habe versucht, sie Dir zurückzugeben. Nur Geborgenheit, die habe ich von Dir nicht bekommen. Nicht ein einziges Mal hast Du mich vor meinem Vater beschützt. Nicht einmal hast Du gesagt: 'Hör auf, das Kind mit Deinen Launen zu quälen'. Oder 'bleib dem Bett deiner Tochter fern'.

     

    Aber heute ist ja Muttertag.

    E-Book5.gebotmoniMutti als Covergirl.

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

  • Oliver's Twist

    Wenn ich einen Sohn hätte, würde er wahrscheinlich Oliver heißen. Ich liebe diesen Namen. Es sind die Olivers dieser Welt, die inzwischen überall am Drücker sitzen. Auch in der Medienbranche. Und so kam ich wie die Jungfrau Maria quasi über Nacht zu mehreren Olivers in meinem Leben. Absolut unbefleckte Empfängnis, versprochen.

    Sie sind so toll!
     

    Es war der 13. November 2012. Alles begann mit einer harmlosen Mail. Sie trug die Überschrift: Sie sind so toll!
    Welche Frau will das nicht morgens hören und dann auch gern mehrmals wiederholt und bitteschön täglich.

    Die Mail war von einem Oliver. Der hatte die Frechheit, mir zu erzählen, dass er seinen Kindle mit meinem E-book "Der 7. Tag" eingeweiht und dabei in der Sonne im Park Retiro in Madrid gelegen habe. Draußen war November, der erste Schnee lag in der Luft. Weiter unten wurde klar: Oliver war ein Kollege. Einer, der selbst ein e-book geschrieben hatte: "Ich bin dann mal gelähmt. Vom Ironman zum Pflegefall und zurück". Noch weiter unten fragte er ganz dezent, ob denn die Filmrechte bereits vergeben seien.

    Der 8. Tag

    Die nächste Mail am 13. November war überschrieben mit "Der 8. Tag" und kam ebenfalls von einem Oliver. Dieser Oliver hieß nicht nur Kuhn, sondern war auch echt kühn. Er ist der verlegerische Geschäftsführer vom mvg-Verlag. Sechs Wochen zuvor hatte ich sein Angebot für Taschenbuchrechte vom 7. Tag abgelehnt. Nun wollte er mich in Berlin treffen. In einer Burgerbude. Meine Neugierde siegte und ich sagte zu.

    Während sich mit dem Kollegen Oliver in Madrid ein reger Mailverkehr entwickelte, wickelte ich ein dickes NEIN in Goldpapier ein und legte es in meiner Handtasche für das Treffen in der Burgerbude bereit.

    Am 20. November war es dann soweit. Nika setzte sich in ihren Smart und juckelte nach Kreuzberg. Auf der Autobahn kam ein Anruf von Oliver, die angesagte Burgerbude sei wirklich eine Burgerbude und er würde sich jetzt in das Café gegenüber verziehen. Ja, dachte ich, ist auch besser ein NEIN zu präsentieren, wenn man sitzt. Mithin kam ich zu spät.  

    Mit dem tu ich's

    Aber oh Schreck, da saß gar kein verschlafener Verlagsgeschäftsführer, sondern ein echt fitter Kollege (z.B. "Alles was ein Mann wissen muss. Vademecum für alle Lebenslagen", Knaur Verlag).

    Wir tranken Cappuccino und ich dachte, okay, komm, zeig mal was du drauf hast. Und Oliver hatte es drauf. In knapp zwei Stunden hatte er mich einmal umgedreht. Ich befingerte das in Goldpapier gewickelte Päckchen in meiner Handtasche und entschied, es drin zu lassen. Denn Oliver machte mir ein Angebot, das ich nicht ablehnen konnte. Und drehte den Spieß einfach um. Wenn ich echt fit sei, dann schaffen wir eine Veröffentlichung noch zum Weihnachtsgeschäft, sagte er. Liebe Leute, es war der 20. November! Ich glaubte, meinen Ohren nicht zu trauen. Weihnachtsgeschäft? 2012? Und sowas war Geschäftsführer eines Verlages? Hallo? Mein ehemaliger Verlagsleiter hatte gerade ein Buch für 2014 mit mir angedacht. Und dieser Oliver wollte "Der 7. Tag" innerhalb von Tagen in den Handel bringen. Ich war baff.

    Wie paralysiert fuhr ich nach Hause in die untergehende Sonne. Kurz vor der Stadtautobahnausfahrt Steglitz war ich sicher: Mit dem tu ich's. Was dann folgte, waren absolute Chaostage. Am 8. Dezember war "Der 7. Tag" nicht nur in der Verlagsvorschau, sondern gedruckt und im Handel erhältlich. Oliver Kuhn und seine Mannschaft - also ehrlich gesagt, es ist eigentlich eine Frauschaft - hatten Wunder vollbracht. Bis heute bin ich froh, dass ich meine Handtasche zugelassen hatte.

    Der Junge legt sich ins Zeug

     

    Während dieser Chaostage mailte ich immer noch mit Kollege Oliver in Madrid. Wie gesagt, ich liebe Olivers, aber vor allem liebe ich Olivers mit Chuzpe. Der Oliver in Madrid war als Executive Producer für die ausländischen Niederlassungen einer bekannten Medien-Produktionsfirma  tätig. Daher kannte er Arsch und Frieda, wie man in Niedersachsen so schön sagt. Und Oli in Madrid fand, dass der 7. Tag nicht nur unbedingt verfilmt werden müsse, sondern war überzeugt, dass er mir dabei helfen könne - so unter Kollegen. Es war wahrscheinlich diese Chuzpe, die meinem Bauch sagte: Dem Jungen kannst du vertrauen, der legt sich ins Zeug.

    Im Dezember kam Oliver mich in Berlin besuchen. Ich glaube nicht, dass er damit gerechnet hat, dass ich noch schneller und noch mehr reden kann als er. Er kam kaum dazu, uns seinen Schlachtplan, den er aufgestellt hatte, vorzustellen. Er war richtig süß, wir haben ihn mit Buletten gefüttert.

    Zwischendrin rief mehrmals ein Oliver an. Aber nicht der aus München, sondern Oliver Sallet aus Berlin. Da hatte sich glatt noch ein Oliver in meine Tage geschlängelt, dieser Oliver war bei der Deutschen Welle und wollte einen Beitrag über Nika Lubitsch machen. Und so fing 2013 dann mit einem Tatort im Hause Lubitsch an (siehe weiter unten: Krimi oder Historical, ein Tag mit der Deutschen Welle).

    In den ersten Januartagen kam dann von Oliver Brendel, der inzwischen wieder in München war, ein ausgearbeiteter Schlachtplan, wen er wann und wie ansprechen wollte. Tu's einfach, habe ich gesagt. Und Oliver tat's.

    Was soll ich sagen? Oliver schleppte den Jackpot ran. Und so trat dann ein weiterer Oliver in mein Leben. Oliver Berben hat sich die Filmrechte am 7. Tag gesichert.

    Vitamin O muss man haben!

     

     

     

     

     

     

     

     

  • Hitverdächtig

    Seitdem ich schreiben kann, habe ich davon geträumt, Schriftstellerin zu werden. Wovon ich nie geträumt habe, war eine CD zu veröffentlichen. Dieses Geschäft habe ich früher beruflich getrieben, sprich ich war Promotionsmanagerin in einer Schallplattenfirma und in Europas größtem Musikverlag: also auf der anderen Seite des Schreibtisches. Und dann kommt so ein Verlag daher und sagt: Wollen Sie nicht eine CD machen?

    Ja, ja, ja. Ich bin ein neugieriger Mensch. So neugierig, dass es manchmal wehtut. Nicht bei meinen Nachbarn oder Freunden oder so. Aber neugierig auf das Leben an sich, im Allgemeinen und im Besonderen. Ich liebe es, Neues auszuprobieren. Also das Wagnis CD. Wir machen die selber, lautete die Parole, die von mvg ausgegeben wurde. Also sucht Nika sich ein Studio und liest vor. (Siehe auch: Tränen statt Prada!) Aber das Master ist ja nur die halbe Miete.

    Ich habe also das Master produzieren lassen und bin abgedüst Richtung Florida. Zum Schreiben. Ich höre die Mockingbirds jetzt noch höhnisch lachen! Nicht eine einzige Zeile habe ich in vier Wochen produziert. Weil...

    Ja, weil ich zum Beispiel eine CD produzieren wollte und mvg mir einen Veröffentlichungstermin nannte: 11. April. Also hieß es ranklotzen. studio_wort hat mir die Daten zum Abhören gemailt. Ist schon toll, da sitzt man auf der anderen Seite der Welt und kriegt per e-Mail seine eigene Stimme ins Ferienhaus.

    Wobei das mit den E-Mails erstmal gar nicht so einfach war. Ich hatte mitgenommen: ein Ultrabook und ein tablet. Beide neu und mit Windows 8 ausgestattet. Zur Sicherheit (Gott sei Dank) mein altes Notebook mit Windows 7. Mit Windows 8 kann man keinen e-Mail-Account auf Webseiten-E-Mail-Adressen anmelden. Dieses Manko habe ich auf dem Ultrabook mit Thunderbird ausgetrickst, allerdings kann man Thunderbird nicht auf das Microsoft Surface laden, weil es dafür keine App gibt.

    Was tun die uns eigentlich damit an, diese Softwareheroes! Wieso zum Teufel muss ich alle zwei Jahre ein vollkommen neues System lernen. Ich bin echt sauer auf dieses Windows 8. Verfluchte Technik!

    Aber oh Freude, ich hatte ja mein gutes, altes, niedlich kleines Notebook dabei, falls alles schief gehen sollte. Das habe ich also im Ferienhaus an das WLAN angeschlossen und auch an den Drucker.

    So konnte ich also meine eigene Stimme hören. Ich habe mich mit Ultrabook und dem Taschenbuch auf die Terrasse verzogen und die Nachbarn erfreut. Man muss schließlich das ganze Dingen einmal durchhören, um abzuchecken, ob alles drin ist, ob alle Doppler raus sind, ob nicht ganze Textpassagen dem Schnippler zum Opfer gefallen sind. studio_wort war echt gut, es gab nur einen Doppler in vier CDs.

    Gleichzeitig hat Hanspeter Ludwig im fernen Wetzlar die CD-Hülle entworfen. mvg hatte Probepackungen geschickt, ich konnte mir aussuchen, welche ich haben wollte. Das Problem: Wir wussten vorher nicht, geht alles auf vier CDs oder brauchen wir fünf. Für fünf brauchen wir eine andere Verpackung. Wir hingen also so lange in der Luft, bis ich das Dingen korrekturgehört hatte. Dann konnten die Berliner Studioleute sagen, wieviele Minuten ich eingelesen hatte.

    Hanspeter schickte mir also ein Layout. Per Mail. Am Drucker war nunmehr mein Winzling angeschlossen, da der Drucker nur über USB zu bedienen war. Also habe ich mit dem Winzling das Layout ausgedruckt. Auf Format US letter. Das geht natürlich nicht wirklich, denn Hanspeter hatte das nicht auf amerikanisches Format ausgelegt. Und ich hatte auf keinem meiner mitgenommenen Computer irgendein Grafikprogramm mit dem ich es hätte schneiden können.

    Nun muss man wissen, dass Nika Lubitsch vieles hat, aber bestimmt kein räumliches Vorstellungsvermögen. Niente. Nada. Überhaupt keins. Ich habe also den US letter genommen (der immer unten ein Stück abschnitt) und versucht, irgendwie zu falten, damit ich kapiere, was der gute Hanspeter mir da rübergemailt hat. Hilflosigkeit machte sich breit. Männe kam mit einer großen Schere, wir versuchten es auch umgekehrt auszudrucken und dann zusammenzukleben - ich konnte mir immer noch nicht vorstellen, wie es aussehen sollte.

    Irgendwann habe ich resigniert und gedacht: Der wird das schon richtig machen. Also habe ich mich auf die Felder beschränkt, die er mir mit Blindtext aufgefüllt hat, um nunmehr meinen Text reinzusetzen. Auf dem Computer ging das ganz gut. Aber oh weh, das mit dem Korrekturlesen war eigentlich gar nicht hinzubekommen. Denn, siehe oben, US letter im Ausdruck. Irgendwas fehlt immer, entweder oben oder unten.

    Ich habe es dann so verkleinert, dass es auch auf US Letter ging und eine Lupe zu Hilfe genommen. (Erstaunlich, wass mein Mann alles so mitnimmt, wenn wir verreisen. Und ich wundere mich, warum die Koffer so schwer sind!).

    Mvg hatte mir die Regularien geschickt, was alles unbedingt rauf muss auf so ein Cover. Und all diese Regularien las ich nun erst am Computer und dann mit einer Lupe Korrektur. Als ich das Dingen freigegeben habe, habe ich echt gebetet. Und darauf gehofft, dass Melanie Wolter von mvg schon schreien wird, wenn irgendwas schräg ist.

    Heute kam sie nun. Die CD. Mit zitternden Händen habe ich das Paket geöffnet. Die Celluphanfolie nicht abgekriegt. Männe zu Hilfe gerufen. Der kriegte die Celluphanfolie auch nicht ab. Also eine Schere genommen. Und dann ....

    Ach, ist das schön. Soll ich es nochmal lesen oder lieber lassen, fragte ich mich. Ich las es nochmal. Kein Tippfehler! Nicht ein einziger! Jubel!

    Und es sieht toll aus. Wahnsinn. Hanspeter Ludwig, Du bist ein Genie! Danke!

    mvg hatte dann auch noch eine tolle Meldung für mich: Universal übernimmt es mit in ihren Vertrieb. D. h. es gibt mich bald auch bei Mediamarkt und Saturn. Die Entscheidung war davon abhängig gemacht worden, wie die CDs aussehen und sich anhhören.

    Hörbuch 7.Tag 001Hörbuch 7.Tag 002Hörbuch 7.Tag 003Hörbuch 7.Tag 004

    Hey, sie fanden es gut!

     

  • Auf 180 - ein Tag im Cape Coral Hospital

    Bestseller machen krank. Mich jedenfalls. Seitdem ich ständig nachgucken muss, ob ich immer noch in den Top 10 von amazon bin, ist mein Blutdruck in schwindelerregende Höhen geschnellt. Dabei hatte ich mein ganzes Leben lang einen so niedrigen Blutdruck, dass mir beim Schuheanziehen schwarz vor Augen wurde. Ging ich also neulich zu meiner Ärztin und klagte ihr mein Leid: Ich bin wohl die einzige Patientin, die jemals zu ihr gekommen ist, weil es ihr zu gut geht. Nun denn, sie hat mich mit Beta-Blockern und ACE-Hemmern ausgestattet und das auch gleich in der Großpackung, weil ich schließlich vier Wochen Arbeitsaufenthalt in Florida vor mir hatte.

    Der Arbeitsaufenthalt ist in Schufterei ausgeartet. Ehrlich. Und mein Blutdruck - jenseits von gut und böse. So stellte ich gestern fest, dass meine Betablocker nur noch vier Tage reichen würden, dabei habe ich erst Dienstag nach Ostern wieder eine Chance meine Ärztin zu sehen. Was tun? Ab ins Cape Coral Hospital. Die sollen mir ein Rezept ausstellen.

    Das kleine Krankenhaus am Rande der Stadt. So hatte ich es in Erinnerung, hier habe ich vor 14 Jahren mal einen Freund in die Emergency eingeliefert. Das war damals schon eine elende Warterei. Deshalb habe ich dem Cape Coral Hospital auch eine zentrale Rolle in unserem Thriller "Alligator Valley" zugeschrieben, der in Southwest Florida spielt.

    Ich war also vorgewarnt, was Krankenhaus-Notaufnahme bedeutet, auch hatte ich mal eine USA-Begegnung mit einem Krankenhaus in Fort Lauderdale, da ging alles zack,zack, sobald Du die Chance bekommst, Deine Kreditkarte zu zücken.

    Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich habe heute so ziemlich all Eure E-Books quergelesen, während ich versuchte, ein einfaches Rezept für ein blutdrucksenkendes Mittel zu ergattern.

    Zuerst die Anmeldung. Man zeigt seinen Ausweis, erklärt, dass das Datum in Deutschland andersherum geschrieben wird, sagt, was man will. Die Dame an der Reception ist nett und tippt stundenlang irgendwelche Daten in den Computer. Stellt Fragen nach Allergien, Tetanusimpfung, Grippeschutzimpfung etc. Ich will doch nur Betablocker! Nach zehn Minuten Interview kriege ich ein Bändsel mit meinen Daten und meinem Namen um das Handgelenk gebunden, damit sie wissen, wem sie bei plötzlich eintretendem klinischen Tod die Rechnung schicken können. Damit werde ich ins Wartezimmer geschickt. Hier läuft neben der eiskalten Klimaanlage Weatherchanel, draußen ist es so feucht, dass man bei der kleinsten Bewegung nass wird.

    Nachdem ich im Wartezimmer Jo Bergers "Das liegt am Wetter" zu 100 Prozent gelesen habe, war "Im Anlitz des Herrn" von Béla Bolten dran. Dabei wurde ich allerdings gestört, denn jetzt endlich durfte ich in einem Behandlungszimmer auf einer Art elektrischem Stuhl Platz nehmen. Eine nette junge Ärztin stellte mir die gleichen Fragen wie die Dame in der Anmeldung und tippte angelegentlich in ihren Computer. Dann hat sie mich verkabelt und Blutdruck und Fieber gemessen. Leute, ich habe einen ganz normalen Blutdruck, wenn ich morgens einen Betablocker einwerfe! Gebt mir ein Rezept. Bitte. Nach zwanzige Minuten auf dem elektrischen Stuhl und der Nennung aller Medikamente, die ich im Laufe meines fast 60jährigen Lebens zu mir genommen habe, wurde ich weiter geschickt mit den Worten: "Warten Sie noch einen Moment, Sie werden aufgerufen." Ich dachte Warten auf das Zücken der Kreditkarte und Entgegennahme des Rezepts. Ich lese also "Im Anlitz des Herrn" weiter und weiter und weiter. Nach einer Stunde werde ich aufgerufen. Ich muss mich mit dem Rücken zu einem Computer an einen Schreibtisch setzen und werde erneut befragt. Ausweis nochmal rausholen, erklären, warum ich in meiner Anmeldung eine Postleitzahl geschrieben habe und nicht Berlin-Zehlendorf, erklären was eine Postleitzahl ist, erklären, warum mein Geburtsdatum trotzdem stimmt, erklären, warum ich hier bin und überhaupt. Wer im Notfall benachrichtigt werden soll. Die Adresse und Telefonnummer von meinemn Aufenthaltsort. Die Dame tippt und tippt und tippt. Dann druckt sie aus: acht Seiten. Auf deutsch. Ich werde darüber belehrt, was meine Rechte sind in Florida, was ich im Krankenhaus erwarten kann, eine Datenschutzvereinbarung, eine Freitstellung bei eventuellen gesundheitlichen Schäden etc. Hey, ich wollte weder sterben noch operiert werden, mein Blutdruck normalisiert sich gleich von ganz alleine! Gib mir ein Rezept. Bitte!

    Danach werde ich wieder in das Wartezimmer geschickt. Jetzt soll es schnell gehen. Sagt die Dame, die sich Provider nennt. Ich lese also Béla Boltens "Im Anlitz des Herrn" genüsslich weiter, während neben mir Menschen mit frisch gebrochenen Armen und Füßen vor Schmerzen stöhnen. Neben mir sitzt ein junger Mann im Rollstuhl der eine 15 cm Schnittwunde unter dem Fuß hat. Ich sehe, wie der Fuß immer röter wird. Der Mann muss dringend versorgt werden, allerdings ist er zwei Stunden nach mir gekommen.

    Nachdem ich im Anlitz des Herrn bereits bei 100 % angekommen bin, nehme ich mir den Kollegen Matthias Matting vor. "Bèisha - Getötet." Aber ich schaffe nur 6 %, denn jetzt endlich humpelt ein ca. 80jähriger Mann herein und ruft mich auf. Ich denke, das kann doch nicht der Arzt sein. Er führt mich in ein Krankenzimmer und bittet mich, auf der Liege Platz zu nehmen. "Weshalb sind Sie denn hier, was haben Sie für Beschwerden.?" Ich sage mein Sprüchlein erneut auf, jetzt geht es mir schon flott von den Lippen und ich jongliere mit Fachausdrücken  wie ein alter Profi. Der Arzt füllt ein Formular aus, liest nochmals, fragt nach Tetanusimpfung, Grippeschutzinmpfung, Allergien....." "Mann, ich will nur ein Rezept!" Nachdem ich alles nochmal aufgesagt habe, bittet er mich zu warten. Ich warte. Und warte. Ungemütlich auf der Liege, man kann nicht so gut im Kindle lesen. Bèisha ist eh schon tot, also lese ich angelegentlich die Warnhinweise, die in Englisch und Spanisch angebracht sind.

    Nach einer halben Stunde habe ich Rückenschmerzen. Aber Abhilfe naht in Form eines jungen, sehr attraktiven Mannes zweifelhafter ethnischer Provinienz. Er stellt sich mir vor als Physician. Nee, nicht der Masseur, das ist der Doktor. So weit reichen meine Englischkenntnisse gerade noch. Das ich das noch erleben darf!

    Er stellt mir die gleichen Fragen wie die vier anderen vor ihm.  Und schreibt auf einen Klemmblock irgendwas mit der Hand. Ein Rezept?? Leider müsse er mich jetzt allein lassen, ich solle doch noch ein bisschen warten auf dieser ungemütlichen Liege. Ach Doktorchen, wolln se nich noch ne bisschen bleiben, vielleicht sogar auf der Liege?

    Er hat es offensichtlich eilig, wegzukommen. Schnucki, ich tu' dir doch nichts, ich tu doch nur so. Nach weiteren zwanzig Minuten auf der Liege humpelt der Opa wieder rein. Der würde freiwillig mit mir die Liege teilen, möchte ich wetten. Und er hat etwas in der Hand. Eine Prescription. YES!

    Er erklärt mir, wie oft und wann ich die Betablocker einnehmen soll. Ich hatte gehofft, er fragt nach meiner Kreditkarte, denn ich will jetzt unbedingt wieder zu Bèisha, allerdings in einer angenehmeren Positiion. Statt dessen bittet er mich, zu warten. Ich lerne inzwischen die Warnhinweise auswendig, jedenfalls die in Englisch. Nach weiteren 20 Minuten kommt die Providerin in den Raum und bringt mir die Rechnung.

    198 Dollar und 99 C

    Ich stopfe ihr die Kreditkarte in den Hals und dann nichts wie weg hier. Bèisha wartet. Zuhause. Ich kann übrigens alle drei Bücher wärmstens empfehlen.

    Geschieht dem Cape Coral Hospital ganz recht, dass es wegen seines schlechten Services einen Aufstand im Alligator Valley auslöst. Wartet, wartet nur ein Weilchen. Major Lelouche wird Euch schon noch die Flötentöne beibringen. Wobei mir gerade die Ähnlichkeit zwischen Lelouche und dem Pysician auffällt.....

  • Floridaboy und andere Träume: Welcome to Paradise

    Es war in jenem Sommer, in dem der Schäferhund Rolf und ich endlich Frieden schlossen. Rolf gehörte meiner Tante und die war, wenn man Tanten in Klassen einteilen könnte Premium. Wer hatte schon eine Tante mit einem Schäferhund, zwei Affen und einem Bootshaus in "Klein Venedig" am Stößensee? Den Schäferhund und das Bootshaus hatte sie von ihrem verstorbenen Mann geerbt, die Affen kamen von ihrem Lover, einem Flugkapitän, der kein Flugkapitän, sondern ein Heiratsschwindler war. Aber das wusste Tantchen in diesem Sommer noch nicht und auch nicht, dass sie im Jahr darauf kein Bootshaus und keinen Lover mehr haben würde. Aber in diesem Sommer war ihre Welt noch in Ordnung und auch ich schwebte auf Wolke sieben. Meine Eltern hatten mich in den großen Ferien bei Tantchen in Berlin abgegeben,  drei Wochen Freiheit und Abenteuer. Ohne Eltern, mit zwei Affen, einem Schäferhund und sehr vielen netten Bootsbesitzern, die mich gern mitnahmen bei ihren Fahrten durch die Berliner Wasserwelt. Einer dieser Bootsbesitzer arbeitete in einer Schokoladenfabrik und so kam ich zu Schokolade im Zehnerpack. Und mit dieser Schokolade bestach ich Rolf. Meinen Erzfeind, denn Rolf war eifersüchtig auf mich, er hatte mich einmal sogar gebissen. Aber Rolf hatte eine beherrschende Leidenschaft und die hieß: Schokolade. Die wurde ihm in homöopathischen Dosen verabreicht, weil Rolf davon Blähungen kriegte. Aber wenn Schokolade im Schrank war, dann setzte sich Rolf davor und heulte so lange wie ein verliebter Wolf, bis Tantchen Erbarmen hatte. Natürlich bettelte er auch mich an, als er meinen Zehnerpack erschnüffelte und ich gab ihm Schokolade. Alle zehn Tafeln hat er mir abgeluchst, danach hat er meine Hand geleckt und seine Schnauze in meinen Schoß gelegt.
    Aber eigentlich erzähle ich diese Geschichte nicht wegen Rolfi, sondern wegen Floridaboy und anderen Träumen. Floridaboy hieß eine Orangenlimonade - wahrscheinlich von Schultheiss - die Tantchen in ihrer illegalen Kneipe im Bootshaus verkaufte. So wie Rolf Schokolade liebte, liebte ich Floridaboy. Aber auch Lulu, eine der beiden Meerkatzen, liebte Floridaboy. Was dazu führte, dass wir uns immer gegenseitig die Flaschen klauten. Sobald ich eine Flasche von meiner Tante bekam, hüpfte Lulu auf einen Schrank und beobachtete mich so lange, bis ich die Flasche irgendwo abstellte, dann sprang er vom Schrank, griff sich die Flasche und sprang laut lachend auf den Schrank zurück. Mit der Nummer hätten wir im Zirkus auftreten können. Natürlich jagte ich den Affen quer durch Tantchens Holzhäuschen (heute würde man das Gingerbreadstyle nennen - sehr floridianisch).
    Schlafen durfte ich in einer Kammer hinter dem Haus. In dieser Kammer lernte ich Jerry Cotton kennen, Tantchen hatte etliche Exemplare in ihrer illegalen Kneipe ausliegen. Es waren meine ersten Krimis, ich war in jenem Sommer zehn Jahre alt und all das ist 50 Jahre her. Es war herrlich, ich konnte die ganze Nacht lesen, ohne dass irgendwer es mitkriegte. Bis auf jenen unglücklichen Tag, an dem ich Rolfi zehn Tafeln Schokolade verfüttert hatte. Mitten in der Nacht öffnete meine Tante die Tür und schmiss - jawohl, sie schmiss! - Rolfi hinein. "Zur Starfe schläft er bei Dir" rief sie und knallte die Tür zu. Rolfi schaute mich mit seinen treuen Augen schuldbewusst an, legte den Kopf zur Seite und furzte wie ein Bierkutscher.
    Das waren meine ersten Begegnungen mit Florida, mit Krimis und mit Haustieren. Es war der schönste Sommer meiner Kindheit, was mir davon blieb, waren die Erinnerung, die Liebe zu Krimis und ein warmes Gefühl, wenn ich das Wort Florida nur hörte.
    Vier Jahre später flog ich zum ersten Mal mit meinem Vater und zwölf verklemmten Ingenieuren nach Florida - sie hatten mich auf diese Reise quer durch die USA mitgenommen, weil keiner von ihnen genug Englisch konnte, um auch nur unterwegs einen Burger zu kaufen. Wir waren einen Tag in Miami, alle wollten schnell weg, auf die Bahamas, weil Miami soooo schrecklich war.
    Mein Herz schlug für San Francisco, für Los Angeles, für Kalifornien. Na klar, es war die Zeit von Flower Power und es war die Zeit in der ich Margret Millar und Ross McDonald für mich entdeckt hatte.
    Es sollte 25 Jahre dauern, bis ich wieder nach Florida kam. Zum Erholen, drei Tage zwischen New York und New Orleans. Es war Liebe auf den ersten Blick. Ich kam wieder. Immer wieder. Und dann lernte ich auch noch meinen Floridaboy kennen. Er war zwei Wochen bevor ich mit einer Freundin nach Florida reiste, selbst in Florida gewesen und gab mir auf meine Reise von jeder Stadt Landkarten mit und Promotionsflyer von guten Geschäften und Restaurants. So sorgte er dafür, dass ich fern von Berlin entdeckte, dass das der richtige Mann für mich war. Klar, dass uns unser erster gemeinsamer Urlaub nach Florida führte. Bei dem wir uns dann fast getrennt hätten. Eigentlich konnten wir uns nie einigen. Er liebte Fort Lauderdale, ich bin bekennender Miami-Fan. Vor 20 Jahren fanden wir dann einen Kompromiss. Wir fuhren zum ersten Mal nach Southwest Florida und mieteten ein Haus mit Pool, mit Auto und Boot in Cape Coral. Als wir mit unserem roten Cabrio zum ersten Mal über die Brücke über den Caloosahatchi fuhren und das Schild "Welcome to Paradise" in Sichtweite kam, ließ sich meine Seele direkt neben einem Pelikan auf der Brücke nieder. Als wir nach drei Wochen abfuhren, fragte ich meine Seele, ob sie mitkommen wolle. Meine Seele schüttelte den Kopf und blieb.
    Ich wäre auch am liebsten geblieben. Aber wir hatten und haben immer solche Berufe gehabt, die unsere ständige Anwesenheit in Deutschland verlangten. Einmal haben wir sogar einen Roman geschrieben, der in Florida spielt, nur um unsere Sehnsucht zu stillen. Wir werden diesen gemeinsam geschriebenen Roman in diesem Jahr veröffentlichen, auch deshalb sind wir hier.

    Außer einer ziemlich durchgeknallten Tante hatte ich noch einen außergewöhnlichen Vater. Der sich mit 63 Jahren pensionieren ließ und sich sofort selbständig machte. Er hat bis er 78 war gearbeitet und weltweit seine Erfindungen verkauft. Die führten ihn in die tollsten Länder dieser Welt. Er arbeitete monatelang in Amerika und Mexiko, in Japan und Korea, in Brasilien und Indien. Er richtete Werke ein, konzipierte für seine Kunden Produktionsstraßen. So blieb er immer ein halbes Jahr vor Ort, bis alles so lief, wie es laufen sollte. Am häufigsten lebte er in Palm Springs, da war sein erster Kunde, der ihn sozusagen rumreichte. Nach Acapulco, Hawaii und Sao Paulo.
     
    Ich war immer stolz auf meinen Alten. Er hatte mir vorgemacht, dass man auch im Alter noch etwas auf die Beine stellen kann. Aber auch ein bisschen neidisch. Denn ich hatte nun mal keinen Beruf, mit dem man egal wo auf der Welt arbeiten kann. Wie oft habe ich davon geträumt, in Cape Coral arbeiten zu können.

    Und dann wurde das Internet erfunden und amazon. Träume können wahr werden. Jetzt sitze ich hier mit Blick auf den Pool und auf die Kanäle und versuche einen Krimi zu schreiben. Ich habe noch nicht eine einzige Zeile produziert. Weil jeden Tag etwas dazwischen kam. Da muss der Satz für das Taschenbuch Korrektur gelesen werden, da wird mit Anwälten wegen Verträgen korrespondiert, da muss das Hörbuch zur Freigabe abgehört werden. Das CD-Cover muss getextet, die Titelei muss zusammengestellt werden, da sind Interviewwünsche zu beantworten und die Übersetzerin hat Fragen und der Verlag auch. Das Schriftstellerleben in Cape Coral ist genauso arbeitsintensiv wie zu Hause. Dabei dachte ich, dass ich hier mal ein paar Tage ganz in Ruhe würde schreiben können. Von dem Gedanken muss ich mich wohl verabschieden. Ruhe ist erst auf dem Friedhof.

     

    Florida13 062Mein Blick vom Schreibtisch auf den Pool und die Kanäle.

  • Tränen statt Prada

    Mehrere Journalisten haben mich bereits gefragt, was ich mir denn Schönes von dem vielen Geld gekauft hätte, das ich mit "Der 7. Tag" verdient habe. Ich musste sie enttäuschen, ich bin nicht der Typ, der, wenn er ein paar Mark verdient, die sofort in eine neue Pradatasche oder einen Brillie investiert. Abgesehen davon, dass ich noch das Finanzamt glücklich machen muss, habe ich ein bisschen was als Spielgeld abgezweigt. Und das habe ich nun drei Tage lang ins studio_wort getragen. Ich habe zwar keine Ahnung, ob jemals irgendjemand ein Hörbuch von "Der 7. Tag" kaufen wird, da ich selbst nie Hörbücher höre, aber ich produziere jetzt eines. Wenn es schon keiner kauft - mir hat es jedenfalls Spaß gemacht. Ist ja schon eine Weile her, dass ich im Studio gesessen habe.

    Nika im Studio

    Mein erster Tag im Studio von RTL in Luxemburg. Ich sollte am Vorabend anreisen, Luxair von Frankfurt bis Luxemburg. Aber Luxemburg lag unter einer geschlossenen Nebeldecke, was dazu führte, dass klein Nika zusammen mit 20 Ölscheichs in Metz landen musste. Dort warteten wir gemeinsam in einer zugigen Halle (es war ein ebenso kalter Februar wie jetzt gerade) auf einen Bus, der uns nach Luxemburg bringen sollte. Der kam auch Stunden später, die Ölscheichs und ich waren kurz vorm Verhungern, denn in Metz gab es nichts zu essen. Als er ungeheizte Bus uns endlich in Luxemburg auf dem Flughafen absetzte, war es zwei Uhr morgens.

     

    Der Flughafen war geschlossen, es gab keine Taxen mehr und Funktelefonone gab es damals auch noch nicht. Als dann endlich einer der Scheichs ein Taxi über Telefonzelle ergatterte, konnten wenigstens ein paar Kollegen über Funk gerufen werden, was dauerte, weil die Taxifahrer nachts um zwei in Luxemburg im allgemeinen schlafen. 

    Ich wurde von dem Fahrer von einem der Scheichs direkt zum Sender gefahren, wo man mich bereits auf die Verlustliste gesetzt hatte. Aber immerhin kam ich früh genug, um gleich die Morgensendung mitzproduzieren zu dürfen. Man setzte mich in die "Frittenbude", (eine Art Aquarium , in dem Korrespondentenbeiträge geschnitten wurde), wo man mir innerhalb von drei Minuten beibrachte, wie man das macht. Das hätte auch wirklich Spaß gemacht, hätte da nicht erstmal ein mittelschweres Erdbeben für gewaltige Verwirrung gesorgt. Geistesgegenwärtig sprang ich unter den Schneidetisch.

    Was zu essen? Fehlanzeige. Es war Wochenende und am Wochenende hatte die Kantine von RTL geschlossen. Natürlich konnte ich nicht nach der Morgensendung ins Hotel gehen, der Chefredakteur wollte mich sprechen und bis dahin durfte ich noch ein bisschen Nachrichten schreiben. Eigentlich ist es ein Wunder, dass der Chefredakteur das überlebt hat, denn als ich endlich einen Termin mit ihm hatte, war ich so hungrig, dass ich ihn am liebsten mit Haut und Haaren verspeist hätte. Der Chefredakteur lächelte mich über meine gesammelten Nachrichten an, die ich ihm vorlegen musste, drückte sie mir in die Hand und sagte: "Na, dann zeige ich Ihnen jetzt mal das Studio." 

    Ich ahnte nicht Böses. Er bat mich, vor dem Mikrofon Platz zu nehmen. "Wenn das rote Licht aufleuchtet, sind Sie auf Sendung." Wir haben noch eine Minute, dann lesen Sie die Nachrichten. Sie können sich schon mal die Kopfhörer aufsetzten. Nach jeder Nachricht spielt die Technik einen kurzen Jingle ein, nicht erschrecken", sprachs und verließ das Studio. Ach du heilige Scheiße. Mein Magen knurrte lauter als die Musik, die aus dem Kopfhöhrer kam und ich stellte mir vor, dass mir gleich über fünf Millionen Menschen zuhören würden. Fünf Millionen, ja, das waren damals die Zuhörerzahlen von RTL Luxemburg in Deutschland.  

    Und dann ging plötzlich das rote Licht an. Ich guckte hoch, durch die Scheibe zur Technik und noch heute bewundere ich mich dafür, dass ich nicht laut schreiend raus gelaufen bin. Im Technikraum hatte sich alles versammelt, was man damals noch zur besten Sendezeit am Samstagabend auf den zwei Kanälen im Fernsehen als Moderatoren bewundern konnte. Das Privatfernsehen war noch nicht erfunden, jedenfalls nicht in Deutschlasnd.

    Ich fing an zu lesen. Beim ersten Wort kriegte ich einen solchen Schreck, dass ich mich fast verschluckt hätte. Aber da ich seit ungefähr 20 Stunden weder etwas gegessen noch getrunken hatte, konnte ich mich nicht verschlucken. Mir hatte nämlich keiner gesagt, dass man sich aus dem Kopfhörer selbst hört. Allerdings mit einer Zehntelsekunde Verzögerung. Die erste Nachricht war gesprochen, Zack, Jingle. Rotes Licht wieder an. Und so ging das gefühlte zweieinhalb Stunden lang, wieso gab es eigentlich so viele Nachrichten, die können doch nicht sooo lange dauern.

    Endlich war ich fertig. Das rote Licht erlosch. Nebenan sah ich, dass die Männer klatschten. Hören konnte ich sie nicht. Bis auf eine Stimme aus dem Lautsprecher, die mich aufforderte, doch mal nach nebenan zu kommen. Gut gebrüllt, Löwe. Ich konnte nichtmal aufstehen. Irgendeine mitleidige Seele kam dann ins Studio und brachte mir einen Cognac. Den habe ich runtergestürzt und danach war ich besoffen genug, um das Nachfolgende zu ertragen.

    Ich wankte in den Technikraum, nahm auf einem Büßerstühlchen Platz. Sie spielten das Ganze nochmal ab. Und dann unterhielten sich all diese Starmoderatoren über meine Stimme. Das ist in etwa so, als ob man nackt vor einer Klasse von Malern steht, die sich über die Form deiner Brüste oder deines Hinterns unterhalten. Ich war kurz vorm Kollabieren. Himmel, ich war gekommen, um als Redakteurin für eine Morgensendung zu arbeiten. An diesem Mittag wurde entschieden: sie braucht keine Sprachausbildung, das Mädchen kann sprechen.

    Das ist fast 30 Jahre her. Und seit Samstag habe ich nun dreimal wieder  im Studio gesessen und "Der 7. Tag" gesprochen. Währenddessen hat Hanspeter Ludwig das Digipack entworfen, in das die CDs hineingelegt werden sollen.
    Es ist schon komisch, sein eigenes Buch zu lesen. Ich fand es spannend, eigentlich war ich jeden Tag traurig, dass ich aufhören musste zu lesen, weil es gerade so spannend war. Ja, ich mag ihn, den 7. Tag.

    Ein paar Mal allerdings hatte ich Schwierigkeiten. Es gibt ja ein paar Szenen, die sind wirklich traurig oder auch rührend und ich weiß ja, wie traurig sie dann enden. Ich habe es nicht geschafft, diese Szenen zu lesen, ohne dabei zu heulen. Und mit Mikrofon hörst du jede kleine Verunsicherung in der Stimme. Die Szene, in der Bille mit Gabi in ihrer Praxis - untenrum ohne - vor Freude tanzt, habe ich glaube ich dreimal gesprochen, bis ich es ohne Tränen hinbekam.

    Gestern hat es mich dann total umgeworfen. Ich hatte vergessen, dass ich die Sterbeszene von Billes Mutter nachträglich um meine eigenen Erfahrungen bereichert hatte. Da sitzt du nun im Studio und sprichst die letzten Minuten deines eigenen Vaters und deine eigenen Gedanken dabei. Ich bin heulend über dem Kindle zusammengebrochen.

    Und dann die prophetischen Teile. Ich hatte zum Beispiel total ausgeblendet, dass wir über ein Grundstücksgeschäft in Mahlow reden. Und die Nähe zum Flughafen Schönefeld. Der ja 2009 eröffnet werden soll..... Es gab also nicht nur etwas zum Heulen, da habe ich dann wirklich schallend gelacht.

    Na ja, vielleicht kaufen ja doch ein paar Menschen "Der 7. Tag" als Hörbuch. Und vielleicht ist es gar nicht so schlimm, wenn man an bestimmten Stellen merkt, dass die Autorin mit ihrer Protagonistin mitlebt. Aber was mache ich mit dem 5. Gebot? Das kann ich unmöglich selbst lesen, da fange ich ja schon an zu heulen, wenn ich an bestimmte Stellen nur denke!

     

     

  • Die acht Säulen der Angst

    So, jetzt ist es da:  "Das 5. Gebot" und Nika Lubitsch biegt soeben in die Zielgerade des Wahnsinns ein. Jeder, der schon einmal ein kreatives Werk an den Mann bzw. die Frau gebracht hat, kennt sie, die acht Säulen der Angst.

     

     

     

    Säule 1: Der Plan
    Wenn ich groß bin, werde ich Schriftstellerin. Ehrlich, das habe ich in mein Tagebuch geschrieben, kaum konnte ich mit einem Geha-Füller linierte Seiten vollklecksen. Ja, ja, ja, ich wollte Bücher schreiben. Geschichten erzählen, so wie mein Daddy. Der konnte wunderbare Geschichten erzählen. Bis zu einem bestimmten Alter habe ich die ihm sogar geglaubt. Als ich Böll, Grass und Mann durch hatte, kamen die ersten Krimis in Deutschland in Mode. 180 Seiten (ja, liebe Leute, das war das klassische Krimiformat), rororo und bereits bei meinem ersten Ross Macdonald wusste ich: Sowas will ich schreiben. Der Plan war also gemacht.
     "Weißt du Schatz", sagt meine Mama,  "das mit den Büchern ist genauso wie in der Werbung. Alles beginnt damit, dass man zu einer Präsentation eingeladen wird. Man hat noch keine Idee worum es geht, man hat keine Ahnung von der Materie, aber man weiß eins ganz genau: Diesen Pitch will ich gewinnen. Säule 1."

     

     

     

    Säule 2: Das große Warten
    Am Anfang ist die Hoffnung: Man wartet darauf, dass man irgendwann von der Muse geküsst wird und dann alles wie von selbst geht. Allein die Muse ist anderweitig beschäftigt und man kann genausogut auf Godot warten wie auf den rettenden Einfall. Der will sich einfach nicht einstellen, allein schon deshalb nicht, weil einen aus dem Bücherregal hunderte von großen, genialen, wunderbaren Autoren angucken und leise lachen: Mit uns willste dich anlegen, Mädelchen? 
    "Genauso ist es auch in der Werbung."  Mama mal wieder. "Du hast ja noch sechs Wochen bis zur Präsentation. Und alles, was dir einfällt, ist das, was garantiert die Konkurrenzagenturen machen werden. Allein bei den Namen deiner Konkurrenten rutscht dir das Herz rechts aus dem Slip. Säule 2. Bisher alles noch normal."

     

     

     

    Säule 3: Die Uhr tickt
    Ups,  Du bist schon 21 und immer noch nicht von Hitchcock verfilmt worden. Patricia Highsmith lacht höhnisch aus dem Bücherregal. Jetzt aber schell hinsetzten und konzentriert nachdenken. Am besten ein Konzept schreiben.
     "Genau", knall dich vor den Bildschirm und hau die Strategie in den Kasten. Analysiere den Kunden, die Zielgruppen, das Produkt. Und daraus entwirfst du dann eine Strategie. Dafür brauchst du nicht den Ansatz von einer Idee, sondern einfach nur konzeptionelles Denken und ordentliche Marktdaten. Schreib viel, der Kunde wird es sowieso nicht lesen. Aber du programmierst dein Gehirn. Mach dazu noch ein paar schicke Schaubildchen, vierfarbig mit nach oben verlaufenden gezackten Linien, Kuben oder Tortendiagrammen."
    Aha, also Säule 3, ist  wie in der Werbung: Drei Wochen  vor der Präsentation und noch immer keine Idee. Jetzt werden alle bemüht, derer man habhaft werden kann. Ehegesponst, Freunde, Zeitungen, google. Man recherchiert, sammelt Fakten, diskutiert und sondiert.
    "Verschenkte Zeit", sagt Mama, " Brainstorming mag zwar eine tolle Methode sein, das Betriebsklima nachhaltig zu vergiften, aber eine brauchbare Idee ist dabei noch nie rausgekommen." Also zurück an den Computer und arbeiten.

     

     

     

    Säule 4: Der Geistesblitz
    Du stehst morgens unter der Dusche, pfeifst dir ein Liedchen und plötzlich, so zwischen Shampoonieren und Frottieren ist er da. Der Kuss der Muse. Du schreist ganz laut: Ja, ja, ja, das ist sie, die Idee. Du weißt es, du bist begeistert, du hopst nackt durch die Wohnung, eine unheimliche Schaumspur hinterlassend, weil du es laut verkünden musst: Schatz,  ich habe es. Die Idee.
     "Klar hast du endlich eine Idee. Und weißt du warum,. weil du bei Säule 4 angelangt bist und dir die Säulen 1-3 dir bereits auf den Kopf gefallen sind. Man kann es auch Arbeit nennen. Kreativität ist nichts anderes als zu 95 % Fleiß. So nimmt man die 5-Prozent-Hürde zur Genialität." 
    Mama, darf ich nicht auch mal was entdecken, was Du noch nicht erlebt hast?

     

     

     

    Säule 5: Zeitdruck
    Da Säulen 1-4 mehr Zeit in Anspruch genommen haben, als du eigentlich hast, also bei mir so an die 40 Jahre, hast du es jetzt ganz eilige, deine Idee umzusetzen. Alle müssen gebrieft werden, damit das Baby pünktlich fertig wird. Grafik, Technik, Texte, Lektorat und Korrektorat, jetzt wird alles unter Hochdruck hergestellt. Und weil die Idee sooo genial ist, geht alles wie von selbst. "Na ja, fast. du legst ein paar Nachtschichten ein, schindest die Mitarbeiter, beutest dich selbst aus, kannst nicht mehr schlafen, isst nur noch ungesundes Zeug und bist komplett focussiert auf das Ergebnis. Und dann stellst du fest, dass dein Konzept mit der Strategie zwar absolut richtig war, aber leider so überhaupt nicht zu deiner Idee passt. Also schreibst du die Strategie nochmal um, deutest die Zielgruppen anders, jetzt geht es darum, die geniale Idee zu verkaufen, wer denkt da noch ans Konzept."
     Mamas Geheimnisse aus der Welt der Riesenwaschkraft!

     

     

     

    Säule 6: Der Test
    Oh, wie Du Dein Baby liebst. Bevor Du Dich damit ans Licht der Öffentlichkeit traust, machst Du erstmal den Hausfrauentest. Den Namen habe ich von Mama, so wird das in der Werbung genannt, wenn man die Sekretärin im Vorbeigehen fragt: Sach ma, wie findeste denn die Anzeige. (Wem die Anzeige nicht gefällt, wird mit Überstunden und Wochenendarbeit bestraft, also gefällt die Anzeige im allgemeinen den Sekretärinnen). Anders ist es natürlich bei Büchern. Da will man ehrliche Begeisterung bei den Testlesern. Jetzt heißt es: polieren.

     

     

     

    Säule 7: Die Zielgerade
    Nachdem der Drucker noch in der Nacht vor der Entscheidung den Geist aufgegeben hat, der Locher sich verklemmt hat und im allerschimmsten Fall der Computer einen Totalblackout hatte, ist es endlich soweit: Das Baby kann der staunenden Öffentlichkeit präsentiert werden. Dies ist der Moment, in dem Dir alles egal ist, Hauptsache die Technik funktioniert. "Ich hatte Präsentationen", sagt Mama, "da fiel beim Kunden der Beamer aus. Macht besonders Spaß, wenn du dann noch auf Französisch präsentieren musst."

     

     

     

    Säule 8: The Day After
    Nun ist es also raus. Das Baby ist vorgestellt worden. Du bist immer noch ganz enthusiastisch, hast echt ein gutes Gefühl. Am Morgen danach stehst du auf und denkst: Scheibenkleister. Das war nix. Das wird nix. Was habe ich bloß für einen Mist produziert. Das kann ja keiner gut finden. Oh Mist, Mist, Mist. Du bist sowas von deprimiert, dass du am liebsten sofort wieder zurückschlüpfen möchtest ins Bett. All die Arbeit, all die Mühe, umsonst, umsonst, umsonst.

     

     

     

    "Ja, meine Kleine, so muss es sein. Wenn ich mich so gefühlt habe, dann hat innerhalb von zwei Stunden das Telefon oder das Fax geklingelt. And the winner is...." SNAFU - Situation normal - all fucked off.

     

     

     

    Danke Mama. Dann habe ich ja noch Hoffnung.

     

    Übrigens, hier ist er: der Link zum Baby: Das 5. Gebot Titelrichtig

     

    http://www.amazon.de/Das-5-Gebot-ebook/dp/B00B65A2ZG/ref=sr_1_5?s=books&ie=UTF8&qid=1359197603&sr=1-5

  • Die Fresse poliert - 33 Testleser und 10 Fingernägel

    Wer jemals auch nur fünf Zeilen in seinem Leben veröffentlicht hat, weiß, wovon ich spreche: Autoren haben ein seltsames Verhältnis zu ihren geistigen Ergüssen. Bevor man jemandem zeigt, was man geschrieben hat, dreht und windet man sich wie ein Mobile bei Windstärke 9. Während jemand dann den Text liest, würde man am liebsten im Erdboden versinken vor Scham, wie Django mit den Särgen in der Ferne verschwinden oder es machen wie unsere Katze: wenn ich mich unter einem Handtuch verstecke, sieht mich keiner. Noch schlimmer ist es, wenn man gerade einen Bestseller gelandet hat und nun bitteschön ein Nachfolger geliefert werden soll. Deshalb also meine Aktion Testleser. Über Facebook habe ich Testleser gesucht und es meldeten sich 33 Leser, davon neun Männer. Diese habe am Donnerstag das bereits lektorierte Manuskript von "Das 5. Gebot" per pdf erhalten und sollten bis Sonntag dieses lesen und einen Testbogen ausfüllen.

    Wie gut, dass niemand die Bissspuren in meiner Schreibtischkante sieht. Mama ist da auch nicht hilfreich. Die sagt nämlich: "Stell dich nicht so an, jahrzehntelang hat dich jeder verdammte Sparkassendirektor oder Schweinezüchter umgeschrieben." Ach Mama, Du warst die erste, die rausflog. Aber dazu später.

    Das 5. Gebot TitelrichtigDas neue Cover

    Männer lesen anders - Frauen auch 
     

    Warum also eine Aktion Testleser, wenn man sich vor Angst die Fingernägel abknabbert. Ganz einfach: Das 5. Gebot ist ein viel komplizierter Roman als "Der 7. Tag". Nochmal lasse ich mir nicht sagen, dass man bereits am Anfang weiß, wer der Mörder ist. Der Roman spielt im Grunde auf zwei verschiedenen Ebenen und die Grundfrage ist, wieviel muss bzw. darf man wann verraten, um die Spannung zu halten, die Neugierde zu wecken, dabei darf aber das Verständnis nicht auf der Strecke bleiben.

    Hinzu kommt, dass ich den Roman in zwei Teilen geschrieben habe. Der erste Teil wurde bereits 2006 geschrieben, ich habe damals über den Plot mit meiner heutigen Lektorin gesprochen, die früher auch für meinen Ex-Agenten tätig war. Den zweiten Teil habe ich in den letzten drei Monaten geschrieben, nachdem Regine Weisbrod den ersten Teil bereits lektoriert hatte. Da sie genau wusste, worauf der Roman hinauslief, konnte sie zwar die Unebenheiten glätten, an der Sprache feilen, Längen aufzeigen, aber sie wusste beim Lesen, wie der Roman endet. Vor allem kannte sie meinen kleinen, gemeinen Kunstgriff, mit dem ich den Leser auf eine falsche Fährte führen will. Deshalb also zur Sicherheit die Aktion Testleser.

    Was habe ich doch für ein Glück. Solche Leser, wie meine Testleser, wünsche ich jedem Autor. Besser geht nicht! Dreiunddreißig Menschen haben sich mit einem pdf rumgeschlagen, um in der Zeit zu bleiben, haben sich Gedanken gemacht, zum Teil Korrektur gelesen. Ich habe 33 detailliert Berichte bekommen und bin absolut sprachlos, wie genau und sachkundig die Testbögen ausgefüllt wurden. 33 Menschen haben sich voll und ganz auf "Das 5. Gebot" eingelassen.
    Das Ergebnis ist hochinteressant. Zeigt es doch: Männer lesen anders, Frauen auch.

    Zunächst mal zur Statistik: 2/3 der Männer fanden den Roman superspannend, bei den Frauen waren es nur 5 Leserinnen, die superspannend angekreuzt haben, das entspricht 20 % der Leserinnen, also 1/5. Zwei Frauen fanden den Roman nicht so spannend, 16 Frauen und 3 Männer fanden das Manuskript spannend. Also schon mal ein guter Schnitt.

    Auf die Frage nach den Protagonisten, ob man sie mag oder nicht und welchen Protagonisten am liebsten, ergibt sich ein eindeutiges Bild: Alle Männer fanden die männlichen Protagonisten am sympathischsten, wobei 90 % der Männer den Mann wählten, an dem mein eigenes Herz am meisten hängt. Das war eine Überraschung! Denn nur eine einzige Frau wählte meinen Herzensmann zum liebsten Protagonisten.

    Einige Frauen hatten Probleme mit meiner Protagonistin Vicky. Okay, ich gebe zu, ich habe mir schon Leo erschaffen, damit meine flapsige Art zu reden und zu denken irgendwo eine Heimat bekommt. Aber auch bei Vicky schimmert meine ironische Ader durch. Und schon kriege ich Prügel. Sie würde viel zu kalt den Tod ihrer Mutter hinnehmen. Wie kommen die Mädels denn darauf? Vicky heult sich doch die Augen aus vor Kummer. Wie kann Vicky beim Fund einer Leiche noch eine Ameisenprozession auf ihren Schuhen sehen? Okay, ich gebe zu, das ist nicht Vicky, das bin ich. Die Vostellung, was man denkt und fühlt, wenn ein geliebter Mensch stirbt, habe ich aus eigenem Erleben und nicht nur aus sturzbetroffenen Serienkrimis. Als mein Vater starb habe ich sogar meine Gedanken und Gefühle aufgeschrieben. Für mich ist es erstaunlich, was man alles so denkt in so einem Moment, man dissoziiert, man steht vielleicht sogar neben sich und beobachtet sich selbst. Aber es gibt keine dummen Leser, nur dumme Autoren. Deshalb habe ich aus den betroffenen Szenen alles auch nur ansatzweise Flapsige rausgestrichen.

    Verstanden haben den Roman alle. Sagten meine Testleser. Beim Auswerten der Testbögen kam allerdings heraus, dass alle Männer den Roman verstanden haben, allerdings vier Frauen gar nicht und einige andere nur zum Teil. Oh ha! Nun gibt es keine dummen Leser sondern nur dumme Autoren. Hier also gab es Verbesserungsbedarf.

    Mehrere Leserinnen monierten, dass man am Anfang nicht so schnell in den Roman hereinkäme. Also auch hier: Arbeit, Lubitsch!

    Mama: Ich hab Dich gestrichen!

    Drei Frauen reagierten geradezu allergisch darauf, dass meine Protagonistin ihre Mutter in Gedanken Mami oder Mama nennt. Da könnte ich jetzt stundenlang argumentieren, dass ich mit meinen 60 Jahren meine Mutter in Gedanken immer noch Mutti nenne und mein 70jähriger Mann seine Mutter Mama, aber warum sollen meine Leser grüne Pickel kriegen, wenn es ein Programm in word gibt, das heißt suchen und ersetzen. Also heißt Mami jetzt Mom oder meine Mutter und gut ist. Und nein, liebe Testleser, Leo wird auch weiterhin Vicky mit Häseken anreden. Die englischen Übersetzer können daraus gerne Bunny booh oder sonstewas machen, mein Leo sagt Häseken!

    Was ich supertoll fand: Meinen Testlesern sind Namensverwechselungen aufgefallen, Druckfehler, Unlogisches. Ich kann nur sagen: Danke, danke, danke, Leute, Ihr habt eine Katastrophe verhindert!

    Mehrere Testleser haben mich darauf aufmerksam gemacht, dass zwei Ereignisse im Buch nicht aufgeklärt worden sind. Na, wenn es weiter nichts ist - das war schnell eingefügt.

    Ich habe also meine Sprache bei den traurigen Szenen geglättet, habe ein Kapitel hinzugefügt, das buchstäblich die Zusammenhänge erklärt, von denen ich geglaubt habe, sie würden sich dem Leser erschließen, ich habe die Schreibfehler und Bezeichnungsfehler geändert und dann habe ich die gesamte Struktur des Romans einmal durcheinandergewirbelt und die ersten kurzen Szenen auf das ganze Buch verteilt, damit meine Leser am Anfang erstmal Zeit haben, sich in eine Ebene der Geschichte einzulesen.

    Die meisten Krimileser sind Frauen. Frauen lesen offenbar anders als Männer. Ich habe mich gefragt, warum haben einige Frauen das Buch wirklich nicht verstanden. Die einzige Erklärung, die ich dafür habe: Es gibt einige sehr kurze Kapitel über bereits gestorbene Frauen, die alle in der gleichen Diktion geschrieben sind. Mein Eindruck war, dass diejenigen, die nicht verstanden haben, die Kapitel nur überfolgen oder nicht bis zum Schluss gelesen haben, weil sie geglaubt haben, dass sie die Information, die in diesen kurzen Kapitel mitgeteilt wird, bereits kennen. Dass ein Reizwort reicht, um sich ein Bild zu machen. Vielleicht war es auch eine unterschwellige Angst, sich mit dem Bösen auseinanderzusetzen.

    Mama hebt gerade die Hand. "Das ist genauso wie bei einem Anzeigentest". Mama mal wieder, die war früher mal in der Werbung. "Wenn du was über Männer und Frauen lernen willst, geh mal zu einem Anzeigentest", sagt sie. "Die Anzeigentester holen zunächst eine Gruppe von 10 Frauen zusammen, die jeweils eine Zeitschrift in die Hand gedrückt bekommen. Die müssen dann in der Zeitschrift blättern und danach sagen, an welche Anzeigen sie sich erinnern. Dann wird die zu testende Anzeige herausgenommen und es werden Fragen gestellt. Nach der Assoziation, nach der Glaubwürdigkeit etc. Danach kommen 10 Männer an die Reihe mit den gleichen Fragen. Und am Abend dann: Gemischtes Doppel. Ich war mal im Monitorraum, also sozusagen live dabei, als eine Anzeige von mir für die deutsche Landwirtschaft getestet wurde. Auf dem Bild war eine bildhübsche Kuh auf einer noch hübscheren Wiese zu sehen. Und dann ging es los. Woran dachten die Frauen zuerst: Wo sind die Kälber?  Woran dachten die Männer zuerst. An Käse. An Steak. Dann das Gemischte Doppel. Alle dachten zuerst an einen Sonntagsausflug mit der Familie. Eine Frau sagte: Die Kuh guckt einer Familie auf Fahrrädern hinterher. Niemand - wirklich niemand in dieser Gruppe hat an Kälber gedacht und niemand an Essen. Bigotte Bande!
    Was aber wirklich interessant war, war die Empfehlung der Psychologin nach dem Anzeigentest. Sie empfahl, das Bild der bildhübschen Kuh auszutauschen, weil diese irritiert gucke, ihre Ruhe sei von Radfahrern gestört worden. Ich habe das Bild übrigens nie ausgetauscht und später mit der Anzeige einen Marketingpreis gewonnen."

    Ja, ja, Mama erzählt aus dem Krieg. Das kann man nicht vergleichen. Denn ich müsste mit dem Klammerbeutel gepudert sein, wie meine Mama immer sagte, wenn ich die Anmerkungen meiner Testleser nicht absolut ernst nehmen würde. Ihr habt meine "Fresse poliert", mir gezeigt, wo es hakt und mir trotzdem Mut gemacht. Das war so viel mehr, als ich jemals erwartet habe.

    Ein ganz herzliches Dankeschön an alle, für Eure Mühe. Selbstverständlich bekommt jeder, der mitgemacht hat, das Buch, wenn es denn gedruckt wird, als Geschenk von mir mit persönlicher Widmung.

     

     

  • Krimi oder Historical ? Ein Tag mit der Deutschen Welle

    Nika verzweifelt gesucht ? kurz vor Weihnachten bekam ich innerhalb von drei Stunden von allen Seiten Suchmeldungen. Typisch Journalisten, wenn man nicht direkt vor dem Rechner und neben dem Telefon sitzt, dann werden gleich schwere Suchgeschütze aufgefahren: Kollegen werden angebeamt, alle verfügbaren Mailboxen gefüttert und so ein Anrufbeantworter hat ja auch noch Platz. Die Deutsche Welle wollte also ein Interview. Wenn es weiter nichts ist?

     

    Nun kennt man die Deutsche Welle ja nur aus dem Urlaub. Sie ist so etwas wie der staatliche Gruß der Daheimgebliebenen. Ob Domrep oder Florida, Deutsche Welle TV bringt ein Stück Heimat ins Hotel oder Ferienhaus. Pech nur, wenn man im Gegensatz zur Putzfrau zu Weihnachten und Silvester zu Hause geblieben ist. Die Kollegen wollen natürlich bei mir zu Hause drehen und zu Hause zwei Wochen ohne Putzfrau ist vielleicht was für Big Brother aber nichts für die Deutsche Welle. Also erst einmal aufräumen, Weihnachtsdeko entfernen, saugen, wischen, Staub feudeln. Wie ich es hasse!

     

    Der Dreh ist am ersten Wochentag des Jahres angesetzt und mithin ist die Wohnung nicht nur Weihnachtsdeko frei, sondern auch Silvesterreste clean. Ich bin auch clean, obwohl ich am Neujahrstag nicht nur putzen musste, sondern vor allem mit einem dicken, fetten, langschwänzigen Kater im Clinch lag. Die Aloholrudimente sehen nicht wirklich attraktiv aus unter den Augen, auch wenn meine Vorbedingung war: Nur von der Seite, sonst gar nicht. Aber soll ich Silvester mit Mineralwasser verbringen, nur weil das Fernsehen kommt? Nö.

     

    Was mich wirklich irritiert hat war die Zeitansage. So zwischen zehn und achtzehn Uhr. Acht Stunden? Für ein Interview? Vier Minuten dreißig! Ich bin bestimmt eloquent, aber die Zuschauer viereinhalb Minuten dusselig quatschen? Würde sogar mir schwer fallen.

    Was mir der nette Redakteur (der mich bat, seien Namen nicht zu nennen ? warum eigentlich, er war nicht nur nett, sondern auch echt gründlich, konzentriert und höchst professionell) verschwiegen hatte: Eigentlich wollte das Team einen kleinen Tatort drehen!

     

    Vorab wurde abgesprochen, was sie drehen wollten. Ob ich einen Kindle habe. Yes, Sir, mehrere. Welches Schweinderl hätten Sie denn gern? Und wo? Nachdem klar war, dass es jetzt ?Der 7. Tag? auch als Taschenbuch im Handel zu kaufen gibt, wollte man unbedingt in einem Buchladen drehen. Mein Vorschlag: der Buchladen, der im Buch auch genannt wird ? Bille kauft dort das Standardwerk der Schwangerenliteratur ? und den ich auch im Stern-Artikel erwähne. Der Redakteur hat Bedenken, der Laden ist bestimmt klein. Wir sollten in ein großes Kulturkaufhaus. Da doppelt genäht besser hält, bereiten wir ? unabhängig voneinander - den Dreh im Buchladen vor.

     

    Noch vor Weihnachten suchen Menne und ich meinen Buchhändler ?Divan? an der Krummen Lanke auf. Dort herrscht Hochbetrieb, klar, ein paar Tage vor Heiligabend. Zuerst will uns die Dame, die immer noch nicht meinen Namen kennt, obwohl ich viele Jahre dort regelmäßig mit Kreditkarte eingekauft habe, an die Hauptfiliale verweisen. Dann besinnt sie sich anders und verfrachtet uns in den Nebenraum, wo wir darauf warten, dass die Geschäftsführerin sich zu uns bemüht. Ich würde am liebsten weglaufen, mir ist das peinlich, ich fühle mich wie ein Bittsteller. Endlich kommt die Filialleiterin, ich erkläre ihr freundlich, worum es geht und ob wir bei ihr drehen dürften, ob sie selbst auch etwas zum Thema e-books sagen würde. Ich halte ihr die Verlagsvorschau von mvg unter die Nase, daneben das Buch, erwähne, dass ihr Laden darin vorkommt. Sie sagt nach reiflicher Überlegung, ja, das könnten wir schon machen. Ich lasse ihr die Verlagsvorschau da, damit sie auch Bücher bestellen kann, zur Sicherheit bitte ich den Verlag, doch mal 10 Promo-Exemplare rüberzuschicken. Man weiß ja nie?

     

    Der nette Redakteur hat weniger Glück mit dem Kulturkaufhaus seiner Wahl. Dort führe man mein Buch nicht, aber wir könnten zum Dreh ja eins mitbringen, das würden andere Sender auch so machen, verlautete es per E-Mail aus der PR-Abteilung. Also bei Mama hat die Dame jedenfalls nicht gelernt!

     

    Und dann wird es endlich 2013, es klingelt und die Crew von der deutschen Welle steht vor der Tür. Sie sind nett, nicht nur der Redakteur, sondern auch der Kameramann und der Tonmann. Ich meine: richtig nett. Wir besprechen kurz, was alles gedreht werden soll, die Buchhandlung müssen wir zum Schluss drehen. Die Geschäftsführerin der Buchhandlung hat einen Trauerfall und erst am Nachmittag ist das Geschäft wieder mit zwei Mitarbeiterinnen besetzt. Also Buchhandlung später.

     

    Zum Aufwärmen muss ich erst einmal tippen. Jawohl, tippen. Und zwar in meinem fertigen Manuskript, die Kamera ist auch auf meinen Bildschirm gerichtet. Ich tippe also wie ein Weltmeister, der Kameramann dreht, vergisst mir aber zu sagen, wann er aufhört zu drehen, so dass ich da vor meinem Computer sitze und kompletten Schwachsinn in mein Manuskript tippe. Ich weiß nicht, wie lange ich getippt habe, aber es waren bestimmt dreißig Normseiten, bis der Kameramann endlich zufrieden war.

    Deutsche Welle 006

    Die nächste Einstellung ist leicht, ich soll einfach im Sessel sitzen und im Kindle lesen. Man glaubt gar nicht, wie schwer es ist, etwas ganz normal aussehen zu lassen, wenn man weiß, dass die Kamera auf einen gerichtet ist. Ich übe also kameratauglich Kindle zu lesen. Wie liest man unaffektiert? Kann man überhaupt unaffektiert sein, wenn man von so einem schwarzen Monster verfolgt wird?

     

    Die nächste Einstellung ist allerdings schwierig. Ich meine, ich habe ein großes Wohnzimmer mit einer riesigen Couch und die Wände voll mit Büchern. Der Kameramann verzieht sich in den Nebenraum und filmt durch die Tür. Typisch Fernsehen, der Raum ist mal wieder einen Meter zu kurz!  Der Redakteur sitzt auf dem Fensterbrett und ich hocke mit einer Pobacke auf der äußersten Ecke der Couch. HALT! Das Licht hinten stimmt noch nicht, wir müssen noch ein bisschen was auf die Spitzen geben. Der Hintergrund soll nur diffus sein. Umgekehrt wär' mir lieber!

    Während des Interviews versuche ich, die Balance zu halten und nicht mit der zweiten Pobacke von meiner riesigen Couch zu rutschen. Außerdem fängt es während des Interviews an zu riechen. Liegt es an den Pizzen, die mein Schatz für das Crew-Catering in den Ofen geschoben hat? Ich versuche, mich auf die Fragen zu konzentrieren. Es riecht wirklich verbrannt! Der Tonmann fummelt mir zwischendurch am Busen rum, weil meine Kette am Mikro klappert. Dabei habe ich mir schon Leichtplastik umgewürgt, damit es einen Farbkontrast gibt ohne zu klappern. Der Tonmann hört zu diesem Zeitpunkt bereits auf Schatzi. Das schätze ich und Männer die vor mir knien sowieso!

     

    Nachdem wir uns zu fünft zwei Pizzen geteilt haben (mehr gingen nicht in den Ofen, sagt Menne) müssen wir uns beeilen. Vorher gesteht aber der Kameramann, dass die Abblendfolie auf meiner englischen Börsenlampe geschmolzen ist. Wenn?s weiter nichts ist! Wir wollen noch im Garten drehen, es ist der Garten der Thalheims, in der Nachbarvilla, die ebenfalls auf dem Grundstück steht, habe ich vor dreizehn Jahren ?Der 7. Tag? geschrieben. Aber draußen wird es bereits dunkel, also schnell ab in die Botanik. Ich sehe im Monitor, dass der Kameramann wirklich ein Künstler ist. Der quetscht aus dieser Bilder-armen Geschichte an einem dunkelgrauen Januartag das Letzte raus.

     

    Inzwischen ruft Menne in der Buchhandlung an und fragt, wie lange man denn noch auf habe. Bis 19.00 Uhr ist die beruhigende Antwort.

    Was er noch nicht wusste zu diesem Zeitpunkt: Das Schlimmste stand uns noch bevor. Denn bis jetzt hatten wir ein Interview und ein paar harmlose Bewegungen. Die Crew hatte sich aber etwas Besonderes überlegt. Eigentlich wollten sie gar kein Interview drehen, sondern einen Tatort. Jedenfalls einen kleinen. Stichwort: Küchenmesser. Das Licht in der Küche erlischt. Die Autorin schlüpft in High Heels. Und ACTION!

     

    Ich laufe im Flur, nicht sichtbar für die Kamera mit lauten Schritten, gehe durch die Küchentür, öffne eine Schublade und ziehe ein scharfes Fleischmesser heraus, mit dem ich nach rechts abgehe. Man sieht nur meine Füße und hoffentlich das Messer. Wenn ich es richtig halte. Nein, und das Messer muss nochmal poliert werden. Das richtig Halten üben wir ungefähr zwanzig Mal, der Kameramann sagt etwas anderes als der Redakteur, dem Tonmann ist es egal? Klack, klack, klack, Schublade auf, Messer raus, Arm verdrehen, Messer mit der Klinge ganz ?natürlich? in die Kamera halten und aus dem Bild laufen. Natürlich gänzlich unaffektiert. Wenn das Dingen keinen Grimme-Preis bekommt, nehme ich mir einen Strick!

    Bei dieser Einstellung hat der Redakteur eine Bildidee. Jetzt ist der Tonmann dran, besser bekannt als ?Schatzi?, er muss mit dem Messer durch den Flur huschen, der Kameramann filmt nur seinen langen Schatten. Sieht zunächst ein bisschen zweideutig aus, aber an der Messerhaltung wird akribisch gearbeitet, bis man im Monitor nicht mehr einen schlechten Porno sondern einen Tatort erahnt.  

    Es ist halb sieben, als wir endlich in der Buchhandlung sind. Die Damen empfangen uns mit der Bemerkung, dass sie in zehn Minuten draußen abbauen und Krach machen müssten, damit sie heute nochmal nach Hause kommen. Gott sei Dank, vorn auf dem Tresen liegen fünf Exemplare ?Der 7. Tag?. Sie haben 20 bestellt, hatte mir mvg mitgeteilt, also genug Nachschub. Die eine Bibliothekarin steht mit beleidigtem Gesicht hinter dem Tresen. Die andere gibt ein Interview. E-Books? Nö, das interessiere sie nicht. Sie habe kein E-Book, sie lese keine E-Books, das sei für sie kein Thema. Konkurrenz? Nö, für sie nicht, sie hätten ein Stammpublikum, das ihre Beratung schätzen würde. Ob sie denn glaube, dass Selfpublisher über E-Books eine Chance hätten, einen Verlag zu finden. Eins zu einer Million, sagt sie.

     

    Dann fangen sie an, einzupacken. Der Tonmann hilft den Damen, der Kameramann filmt das Buch, an verschiedenen Stellen. Eine Kundin kommt rein, macht eine wegwerfende Handbewegung, die sagen soll, oh, bitte mich nicht. Sie verjagt den Kameramann von einer Ecke, denn dort sieht sie einen Stapel Briefpapier liegen, den will sie sich genauer angucken. Sie fragt nicht, wofür man da dreht, weshalb da ein Mann mit einer Kamera steht. Sie fühlt sich nur gestört. Ist so ein Verhalten normal? Ich hätte sofort gefragt: Und? Wofür ist das? Aber vielleicht bin ich nicht normal.

    Viertel vor Sieben sind wir fertig in dem Laden, auch draußen ist alles abgebaut. Der Kameramann will noch durch die Schaufenster filmen, wie ich mich mit der Bibliothekarin unterhalte. Wir schließen also die Tür, ich mache Small Talk am Tresen. ?Sie haben immer mehr Nebenprodukte im Angebot?, sagte ich und zeige auf Bleistifte und Frühstücksbrettchen auf dem Tresen. ?Ja?, sagt die Buchhändlerin, ?wissen Sie, an Büchern verdienen wir nichts.? ?Wieso?, frage ich erstaunt, immerhin gibt es die Buchhandlung seit Jahrzehnten und immerhin verdient diese Buchhandlung am Verkauf meines Buches mehr als ich. ?Wegen der Mehrwertsteuer?, sagt die Buchhändlerin. Wie gut, dass die Kamera hinter mir stand, ich muss wohl ein ziemlich beklopptes Gesicht gemacht haben. ?Sie wissen ja, dass Bücher ein geschütztes Kulturgut sind und deshalb nur 7 % Mehrwertsteuer darauf liegen. Deshalb verdienen wir daran nichts.?

    Es ist sieben Uhr, als wir den Laden verlassen. Das war wie ein Ausflug in die alte Welt. Einer, der mich zum Schluss sogar noch sprachlos gemacht hat. Was bei mir wirklich was heißen will!

    Man kann den Beitrag im internet sehen. Er läuft heute zwischen 17.30 Uhr und 18.00 Uhr auf Deutsche Welle TV im Magazin euromaxxx live, später ist er in der Mediathek abrufbar. Mal gucken, von wem und aus welchen Ecken der Welt ich Post bekomme. Darauf freue ich mich besonders.

     

     

  • Und täglich kommt der Weihnachtsmann

    Vor vier Monaten - es war Samstag, der 25. August -  kam er zum ersten Mal in diesem Jahr zu mir: Der Weihnachtsmann. Er hatte das schönste Weihnachtsgeschenk meines Lebens im Sack, Platz 1 der amazon-Bestsellerliste und das eine Woche nach der Einführungs-Gratis-Aktion von Der 7. Tag.  Ich habe geheult, geschrien, bin durch die Wohnung getobt, habe gelacht und wieder geheult. Freude, Freude, Freude! Eine Woche später überholte mich Shades of Grey, Band 2, aber es war egal, ich war einmal ganz oben gewesen, das reichte mir. 35 Jahre hatte ich darauf gewartet, 35 Jahre nachdem ich meinen ersten Kriminalroman geschrieben hatte, durfte ich endlich Erfolg haben. Aber auch Platz 2 war toll.

    Das zweite Mal erwischte mich der Weihnachtsmann im Hafen von Halifax. Der 7. Tag hatte wieder Platz 1 erobert. Sechs Wochen lang konnte das E-Book dort oben bleiben, sechs unfassbar lange, wundervolle Wochen.  Pünktlich zur Veröffentlichung von Band 3 der grauen Schatten war der schöne Traum vorbei.

    Aber der Weihnachtsmann war fleißig und so bescherte er mir am 13. November wieder Platz 1. Niemals hätte ich vor sieben Wochen geglaubt, dass ich dort noch an Heiligabend stehen würde.

    Danke, danke, danke, an den Weihnachtsmann, an all die Christkinder, die den 7. Tag gelesen haben, an alle, die sich das E-Book heruntergeladen haben.

    Wie ist es, wenn sich der große Lebenstraum erfüllt? Na, wie Weihnachten, wie denn sonst. Wie Weihnachten, Ostern, Geburtstag und Lottogewinn zusammen. Es ist so unfassbar, so unwirklich, so unwahrscheinlich, so unbegreiflich, dass mir glatt die uns ausgehen, um dieses Gefühl zu beschreiben. Man glaubt es einfach nicht, es ist so, als ob das jemand anderem passiert, nicht einem selbst. Was bin ich froh, dass ich Der 7. Tag unter Pseudonym veröffentlicht habe. So habe ich immer ein wenig Abstand dazu, es passiert eben der Nika. Auch ganz böse 1-Sterne Rezensionen kann man als Nika besser verkraften. Es kommt nicht ganz so nah.

    Wer nie ein Buch geschrieben hat, wird kaum ermessen können, wie stark ein Autor emotional an seinem Werk hängt. Es ist nicht das Produkt, das da bewertet wird, das bist du. So manch einer ist damit in der Psychiatrie gelandet.

    Und wie feiert nun eine Weihnachten, die seit vier Monaten Weihnachten hat? Ganz anders als in "normalen" Jahren. Weihnachten, das ist bei uns normalerweise zunächst mal eine Dekoschlacht. Ende November setze ich das ganze Haus unter Weihnachtsbeleuchtung, nicht kleckern, klotzen ist angesagt. Dazu hatte ich in diesem Jahr seltsamer Weise keine Lust. Und auch keine Zeit, denn Ende November musste ich mal schnell einen Verlag gründen, das Taschenbuch drucken lassen und mich um das neue Buch kümmern. Also keine Weihnachtsbeleuchtung. Ich habe für die Minimallösung einen Leuchtbaum gekauft und in den Oleandertopf gerammt.

    Während ich in normalen Jahren auf jedem Schrank Tannengirlanden mit Weihnachtsdeko habe und auf jedem Tisch mindestens ein selbstdekoriertes Adventsgesteck, bin ich in diesem Jahr zu meinem Blumenhändler gegangen und habe einen bescheidenen Adventskranz und ein Tischgesteck gekauft. Gestern haben wir zum ersten Mal bei angezündeten Adventskranzkerzen gemütlich Kaffee getrunken und Weihnachtsmusik gehört. Wir hatten bis jetzt keine ruhige Adventsminute gehabt.

    In normalen Jahren holen wir zwei Tage vor Heiligabend einen Baum vom Händler und dann muss mein Süßer in den Keller, fünf große Weihnachtsbaumkisten raufholen. Ich kenne nur einen einzigen Menschen, der mehr Weihnachtskitsch hat als ich, der fährt allerdings schon im Sommer zu Käthe Wohlfahrt. Einmal wäre ich von einem Weihnachtsbaum fast erschlagen worden, der auf mich fiel, als ich mit dem Schmücken fertig war und nur noch schnell unten drunter gefegt habe. Ja, ich liebe Weihnachtskugeln und ich habe für jede Stimmungslage ein Komplettset. Sprich alles zwischen Cremeweiß und Apfelrot, zwischen Tannengrün und Gold, zwischen Silber und Kupfer. Aber dieses Jahr hatte ich dazu keine Lust. Ich bin zu unserem Blumenhändler gegangen, habe einen Weihnachtsbaum im Topf gekauft und mir diesen geschmückt liefern lassen. Die Minimallösung.

    In normalen Jahren, da stehe ich Ende November in der Küche und backe Plätzchen. Und dann malen mein Mann und ich stundenlang liebevoll jedes einzelne Plätzchen an: die Katzen kriegen Barthaare aus Schokolade, die Weihnachtsmänner rote Johannisbeergelee-Mützen und die Schneemänner kriegen Liebesperlen als Knöpfe auf den Leib. In diesem Jahr bin ich nicht zum Backen gekommen, aber eine liebe Leserin hat mir selbstgebackene Kekse geschickt.

    In normalen Jahren habe ich im Dezember ständig die Bude voll. Es gibt die obligatorische Weihnachtgsparty für die Nachbarn, Anfang Dezember das große Geburtstagsessen mit Freunden, vor Weihnachten und zwischen den Jahren fast täglich Dinner-Besuch. Ich liebe es, meine Freunde zu bekochen. Dieses Jahr laden wir ins Restaurant ein. Ich habe keinen Nerv zum Kochen.

    In normalen Jahren, da planen wir bereits Mitte Dezember, was wir wann zu Weihnachten essen. Wir machen Kaninchenterrine, beizen Lachs, entern die Metro und kaufen ein, soviel das Auto an Stauraum bietet. In diesem Jahr waren wir noch nicht mal in der Metro.

    In normalen Jahren, da sind wir den halben Dezember damit beschäftigt, Weihnachtgsgeschenke zu kaufen. In diesem Jahr haben wir beschlossen: Wir schenken uns dieses Jahr nichts.

    In normalen Jahren sind wir Heiligabend vormittags bei Rogacki, Berlins bestem Fischhändler, und holen die bestellten Hummer, Austern und Braten ab. In diesem Jahr gibt es Tafelspitz, der bereits fertig gekocht auf der Terrasse steht.

    Schließlich ist dieses Jahr kein normales Jahr. Oder ist es normal, dass seit vier Monaten täglich der Weihnachtsmann kommt? Das kann man einfach nicht mehr toppen, weder mit Deko, noch mit Partys, noch mit gutem Essen oder Geschenken.

    2012 war ein Geschenk.

  • Die Teilungserklärung

    Es war am letzten Dienstag, da hat es mich erwischt. Draußen lag Schnee und ich fahre bei Schnee nicht Auto. Lacht ruhig, mir sind drei Autos hintereinander bei Schnee zu Klump gefahren worden, was Autofahren bei Schnee betrifft, bin ich hysterisch wie ein alterner Promi-Friseur. Also musste Menne mich fahren. Ich hatte keine Lust auf diesen Kundentermin. Nicht wegen des Schnees, sondern weil zuhause auf meinem Computer "Das 5. Gebot" darauf wartete, dringend fertig gestellt zu werden. Sprich, ich war nervös wie ein Rennpferd vor dem Start und dann hatte ich einen Kunden, der ein wenig kompliziert war. Er brauchte eine geschlagene Stunde um die 2-Raum-Wohnung zu besichtigen, telefonierte mit seiner Bank, mit seiner Freundin, mit seinem Anwalt, knallte mir diverse eiligst beschriebene Zettel in die Hand und bat darum, die Wohnung noch vor Neujahr zu beziehen und bitte knall, zack, bum, sofort einen Notartermin zu machen, alles zur Bank zu schicken, die würden in 2 Tagen die Finanzierung bereit stellen.  Er würde mir heute noch alles zumailen, aber es sei kompliziert, weil die Käuferin sitze in der Schweiz, also musste man noch eine Apostille fertigen, er würde ihr aber heute alles rübermailen und sich morgen früh entscheiden, aber er würde das Notariat nur als vollmachtloser Vertreter machen, jedoch später in der Wohnung wohnen.

    Nun sagt mir die Erfahrung, dass Kunden, die so eine Welle machen, selten kaufen. Contenance, Lubitsch. Als ich endlich wieder zu meinem Mann ins inzwischen eiskalte Auto stieg, fühlte ich mich, wie ein durchgerammeltes Kaninchen. Warum mein Mann nicht den Termin gemacht hat? Alles über dem 3. Stock ohne Fahrstuhl ist meins! "Dein Verlag hat angerufen, die PR-Abteilung will einen Termin mit Dir. Willst Du gleich zurückrufen?" Nicht doch.

    Schnell nach Hause, ich muss arbeiten. Nun muss man wissen, dass wir unter dem Motto arbeiten: Unser Service ist unsere Stärke. Auf dem Weg nach Hause spürte ich zum ersten Mal so ein merkwürdiges Ziehen im Unterbauch. Und dann brach es aus mir heraus. Ich sagte: Weißt Du, ich glaube, ich mache gerade eine Metamorphose durch. Bis jetzt hatte ich immer ein schlechtes Gewissen gegenüber unserem Job, wenn ich geschrieben habe. Plötzlich habe ich ein schlechtes Gewissen, wenn ich meinen Job mache."

    Es war heraus. Oh, wie befreiend. Tief in mir spürte ich, dass ich gerade den Rubicon überschritten hatte. Denn was zum Teufel ist nun eigentlich mein Job. Ich habe vor drei Wochen einen Verlag gegründet, dessen Veröffentlichtungen von mvg vertrieben werden. Ist das nun mein neuer Job? Ober Bücher schreiben? Oder Teilungserklärungen durch die Weltgeschichte senden?

    Zuhause checke ich die Mails. Ich werde bereits gesucht. Journalisten sind ja sowas von ungeduldig. Ich habe sowohl auf diesem blog als auch auf facebook und in meiner Mailbox eine Bitte um Rückruf von der Deutschen Welle. Das ist eine Stunde her. Und dann habe ich eine Mail von dem schnuckeligen Sternredakteur, den sein Kollege um Amtshilfe gebeten hat, weil er mich nicht erreicht. Leute, ich war doch nur zwei Stunden außer Haus!

    Ich rufe also bei der Deutschen Welle an. Der Redakteur ist gerade nicht da.

    Mein Mann meint, ich solle jetzt mal mvg anrufen, die warten auf meinen Rückruf. Nee, sage ich, erstmal muss ich alles zur Bank schicken für den Kunden für die Finanzierung, dann muss ich ein FAQ für den Notar machen, muss schnell raus, heute noch. Ich habe keinen aktuellen Grundbuchauszug, verdammt. Der Verkäufer muss den schicken und eine Ausweiskopie. Also erstmal telefonieren.

    Der Redakteur ruft zurück. Sie wollen einen Bericht machen. So zwischen Weihnachten und Silvester. Ob ich denn zu Hause sei. Bin ich.

    Stunden später - ich kriege inzwischen anders lautende Adressen, einen plötzlich auftretenden Mitkäufer, zurückkommende Teilungserklärungen, weil der Freund von der Bank im Urlaub ist. Ich rufe dann auch mal die netten Damen von der Presseabteilung an. Die rufen in einer halben Stunde zurück. Passt grad nicht. Schön, dann schicke ich jetzt dem plötzlich auftretenden Mitkäufer und allen anderen das geänderte FAQ, die Teilungserklärung, den Energieausweis, die Ausweiskopien, das Exposé, die Protokolle und die Wirtschaftspläne. Das hat natürlich so viele MB, dass die web.de accounts unserer Kunden den Kopf schütteln. Also alles teilen, und jedem mickrige 5 MB auf einmal verschicken. Da rufen die Damen von der Presseabteilung an. Sie wollen ein Interview machen. Jetzt.

    Die Damen von der Presseabteilung sind sehr nett und wir lachen viel. Zwischendurch ruft dann nochmal der Deutsche Welle-Mensch an. Hat noch Kleinigkeiten zu besprechen. Der Käufer ruft auch noch dreimal an, mein Mann nimmt seine Änderungswünsche auf.

    Es ist acht Uhr abends, als ich endlich alles fertig habe. Oder? Scheiße, ich habe die Teilungserklärung noch nicht versandt. Wegen der MB. Also nochmal Teilungserklärung an alle. Jetzt aber. Ab in den artgerechten Käfig für Ehefrauen, sprich in die Küche. Wir waren morgens nach dem Termin noch schnell beim Türken (sowas gibt es in Zehlendorf nämlich nicht) und haben Kalbsgulasch und Lammkeule zu moderaten Tempelhof-Preisen eingefahren. Und die wollen jetzt zubereitet werden, nicht die Preise, sondern der Gulasch und die Keule.

    Da ruft der Kunde an (es war sein ungefähr 20. Anruf an diesem Tag). Jetzt will er den Preis neu verhandeln. Er fragt nach 2.500 € Nachlass, ich rufe den Verkäufer an, der murrt, sagt aber okay. Auf zum Currygulasch!

    Ich habe rasende Kopfschmerzen und ein Ziehen im Unterbauch.

    Am nächsten Morgen. Ich finde eine Mail des Käufers, in der er mir mitteilt, dass er nicht bereit sei, zu kaufen, wenn der Verkäufer nicht nochmals 2.500 € nachlässt.

    Jetzt reichts! Macht's Euch doch selbst!

    Ich schreibe ihm eine freundliche Mail, dass der Verkäufer auf eine Geschäftsbeziehung mit dem Käufer verzichtet.

    Es ist Mittwoch, ich habe noch keine Zeile in dieser Woche geschrieben. Mein Bauch tut weh. Und ich bin so sauer, dass ich nicht mal im Ansatz schreiben könnte. Sauer, durcheinander, überfordert.

    Seit Donnerstag liege ich flach. 37,5 Fieber. Erst dachte ich, Blasenentzündung. Ist aber leider doch eine Divertikulitis (gefährliche Darmentzündung) geworden. Die letzte hatte ich im Sommer. Damals, als ich das E-Book hochgeladen habe und die vielen Downloads mich aus der Bahn geworfen haben. Und jetzt liege ich wieder auf der Nase, 100.000 E-Books später. Mit einem eigenen Verlag in einem professionellen Vertrieb. Ab Montag wird der 7. Tag in jedem deutschen Buchladen zu kaufen sein.

    "Das 5. Gebot" ist immer noch nicht fertig. Aber ich habe beim Kalbsgulasch eine Idee für einen neuen Showdown gehabt.. Ich bin begeistert, das alles wird in unserem Garten passieren. Nur schreiben muss ich es. Irgendwann.

    Und was zum Teufel ist jetzt mein Job?

     

  • Sterntaler: Ganz und gar nicht grimmig

    Es war einmal ein Krimi, der von vielen, vielen Verlagen abgelehnt worden war. Nachdem er dreizehn Jahre in den dunkelsten Tiefen einer Schublade versteckt gewesen war, barg die Autorin das Manuskript, pustete den Staub und die Spinnenweben von den Seiten und brachte es bei amazon ans Licht der Welt. Innerhalb von drei Monaten überschütteten die Leser den Krimi mit ganz vielen Sternen, ja der Roman bekam innerhalb von drei Monaten von den Lesern mehr Sterne verliehen, als Stephen Kings "es" in fünfzehn Jahren.  Das jedenfalls sagte ein Leser in einem Kommentar zu einer 1-Stern-Rezension. Die Autorin, wie alle Autoren ein sensibles Seelchen, freute sich jeden Tag über die vielen Sterne, aber ab und an nagte der Ärger an ihren Eingeweiden. Denn natürlich  gab es auch 1-Stern-Rezensionen, auf die die Autorin am liebsten eine pampige Antwort geschrieben hätte. Wohl gemerkt, nicht auf alle 1-Stern-Rezensionen, denn dass Menschen unterschiedliche Geschmäcker haben und es auch Leser geben muss, die ihr Buch nicht gut fanden, war von vorneherein klar. Natürlich gab sie keine pampigen Antworten bei amazon,  das machten schon andere Leser für sie. Aber wenn es dann einen Kommentar gab von der Güteklasse: "Viele Grammatikfehler, nach 6 % wußte ich bereits wer der Mörder ist", dann juckten der Autorin schon mal die Fingerchen. Am liebsten würde sie dann schreiben: "Wenn du richtig gut wärst, dann hättest du bereits auf Seite 2 gewusst, wer der Mörder ist." Und: "Komisch, dass ich mich ein ganzes Leben lang von meiner falschen Grammatik ernähren konnte."  Aber die Autorin schwieg. Genauso wie sie seit zwei Wochen zu zwei anderen Themen schwieg.

    Eines davon war der Besuch von Stephan Maus vom Magazin "Stern" in Berlin. Die Autorin hatte sich ja bisher nicht nur von ihrer falschen Grammatik ernährt, sondern auch vom professionellen Umgang mit Medien und Journalisten. Sehr schnell merkte sie, dass es ein großer Unterschied ist , ob man PR für Tomaten oder Eier macht oder für sich selbst. Das, was jahrzehntelang täglich Brot war, machte die Autorin plötzlich nicht nur nervös, sondern geradezu panisch. Man weiß ja, dass der Stern eine gewisse Häme braucht. Würde er sie in die Pfanne hauen? Das Pseudonym lüften? Und dann wollten die auch noch ein Foto. Noch vor zehn Jahren hätte das die Autorin panisch gemacht. Jetzt, mit fast 60 Jahren, lässt sie sich sogar gern fotografieren. Aber erkennen sollte man sie bitte nicht. Das war die Bedingung. Man stelle sich vor, die kleine Gans von Autorin stellt dem großen Stern Bedingungen. Als PR-Frau hätte ich meinen Eiern und Tomaten davon dringend abgeraten. Ist sie paranoid, fragte sich der Redakteur.

    Kaffee oder Tee? Kaffee. Das ließ die Autorin schon mal entspannter dem Treffen entgegen sehen. Kaffeetrinker sind unkomplizierter. Und dann war es endlich soweit. Stephan Maus stand in der Tür. Ein sympathischer junger Mann. Er will Filterkaffee, keinen Cappuccino. Vielleicht doch nicht mehr ganz so jung, wie er aussieht. Er stellt genau die Fragen, die die Autorin auch gestellt hätte. Auf die sie ihre Tomaten und Eierproduzenten (nein, nicht die Hühner!) vorher vorbereitet hätte. Quarkkeulchen? Er hat nicht ein einziges Quarkkeulchen gegessen. Die sind nämlich vor lauter Begeisterung im Magen der Autorin und ihres Mannes gelandet. Gegen aufgeregt sein hilft essen. Man nimmt zu in Nullkommanichts vor Aufregung. Der arme Kerl, dachte die Autorin beim Abschied. Ein stundenlanger Mitschnitt und dann noch eine Kladde voll von Anmerkungen. Das muss man erstmal sortieren. Die Autorin ist Berlinerin. Die reden ja bekanntlich ohne Punkt und Komma. Der Fotograf Michael Danner kommt eine Stunde später als bestellt, der Arme stand im Stau. In Berlin steht man immer irgendwo im Stau. Der stellte dann nochmal die gleichen Fragen wie Stephan Maus. Er kriegte auch Quarkkeulchen. Michael Danner wollte eigentlich im Garten fotografieren, oder im Park oder im Wald. Draußen ward inzwischen stockfinstere Nacht. Es muss eine Laterne her. Michael Danner hatte ganz bestimmte Vorstellungen. Wir zogen uns also an, in unserem Garten brannte kein Licht, im Park nebenan auch nicht, die alte Amisiedlung um die Ecke soll es jetzt richten. Die Autorin versankt mit den 5 cm-Absätzen im Morast, eine Anwohnerin fragte, ob das ein Foto für die Weihnachtskarte werden soll und empfahl den Tannenbaumverkauf gegenüber. Da wäre auch Licht. Der Ehemann hielt die Taschenlampe und einen warmen Schal, der dem Fotografen farblich nicht so zusagte. Gucken nach rechts, gucken nach links, die Autorin war Jahrzehntelang mit Fotografen in Deutschland unterwegs, aber da ging es um Schweine und Kühe, um Vorstandsvorsitzende, Bundeskanzler und Minister. Nicht um sie. Komisches Gefühl. Als die 5 cm-Veloursleder-Absätze endgültig ruiniert waren, ging es nochmal heim zu Kaffee und Quarkkeulchen.
    "Haben Sie nicht was Rotes?" Die Autorin hat. Sie soll sich in den alten Librarychair setzten. Die Autorin will eigentlich nur die Pfeife ihres Mannes weglegen. "Rauchen Sie auch Pfeife?" Die Autorin raucht auch Pfeife, jedes Mal, wenn sie ihrem Mann beim Autofahren eine ansteckt. Sechs Stunden hat das alles gedauert.
    Und dann hieß es Warten. Kein anderes Interview geben. Auch der Stern stellte eine Bedingung. Wieviel Häme würde in dem Artikel drin sein? Würde er überhaupt erscheinen? Wie groß würde er werden? Fast hatte die Autorin vergessen, wie es war, wenn man am Morgen nach einer Presseaktion mit zitternden Knien zum Zeitungsladen läuft. Wie es war, wenn man noch in der Tür die Zeitungern auseinanderfleddert. Aber damals, als die Autorin noch PR-Managerin war, da gab es noch keine Vorschauen im Internet. Und so saß sie am Mittwochabend vor dem Computer und schlug den Stern auf. Das Inhaltsvereichnis war so klein, dass man es nicht lesen konnte. Schade, dass niemand ein Foto davon gemacht hat. Die Autorin und ihr Ehemann sitzen sich an zwei Schreibtischen gegenüber, jeder einen Bildschirm vor der Nase.  Beide putzten ihre Brillen, beide wühlten in ihren Schubladen. Wo war denn nur die Lupe? Und dann saßen sie mit der Lupe vor dem Bildschirm, die Autorin machte Screenshots und versuchte sie zu vergrößern. Oh wie gemein - man konnte nichts erkennen, weder mit Lupe noch auf einem auf 400 % vergrößerten Screenshot. Die Autorin und ihr Mann schauten sich an und dann fingen beide an, schallend zu lachen. Wie man sich erblöden kann!
    Die Nacht danach: Seit fünf Uhr morgens liegt man wach in Berlin-Zehlendorf. An Schlaf ist nicht mehr zu denken. Um sechs macht die Autorin Kaffee. Filterkaffee natürlich. Facebook, Post, Ranking checken, um sieben geht es unter die Dusche. "Schatz, was meinst du, ab wann die den Stern an der Tanke haben?" Wir einigen uns auf acht. Um die Zeit schlafen wir sonst noch. Die Autorin muss gehen, der Ehemann hat sich am Abend vorher auf der Terrasse bei Glatteis auf die Nase gesetzt. Draußen schneit es. Die Tankwartin packt gerade die Zeitschriften ein. Wieso ein? "Haben Sie schon den neuen Stern?", fragt die Autorin. "Heute gar nicht", sagt die Tankwartin, "wir packen gerade ein, bei uns wird umgebaut." Folter!
    Hat die Tankwartin gesehen, dass die Autorin fast geheult hätte? Sie sagt: "Moment mal", geht nach hinten und man hört, wie sie in mehreren Kisten wühlt. Die Autorin trampelt von einem Fuß auf den anderen. Nach gefühlten zwei Stunden kommt die Tankwartin mit einem Exemplar vom Stern aus den Tiefen ihres Lagers hervor. Die Tankwartin entgeht nur knapp einem herzhaften Knutscher. Noch beim Bezahlen öffnet die Autorin das Inhaltsverzeichnis. Zitternde Finger. Laut pochendes Herz. Es ist drin. Sie sieht den Namen: Nika Lubitsch. Sie guckt auf die Seitenzahl und staunt. Sie fängt an zu lesen, während sie durch den fallenden Schnee stapft. Als sie an ihrem Haus ankommt, hat sie gerade mal die erste Spalte geschafft. Sie klingelt. Zum Aufschließen hat sie keine Zeit. "Warum hast du nicht zwei Exemplare gekauft?" Der Mann kriegt keine Antwort, die Autorin legt den Artikel auf den Tisch, der Mann schaut ihr über die Schulter. Wow! An Arbeit ist an diesem Tag in Berlin-Zehlendorf nicht mehr zu denken. Wohin mit sich, mit der Überwältigung, mit der Freude, mit der Begeisterung, mit der Dankbarkeit. Es ist schon so, erst wenn man etwas schwarz auf weiß sieht, glaubt man es. Es ist, als ob die letzten Monate zum ersten Mal real geworden sind. Nika im Wunderland. Sterntaler.

  • Die Angst beim Abschlag

    "Das 5. Gebot", also der nächste Roman, liegt in den letzten Zügen. Der Schluss, der Showdown ist geschrieben, es fehlen nur noch zwei kleine Morde zwischendurch, knapp 30 Seiten vielleicht, nichts, was dich als Autorin umbringt. Sonntag wollte ich den einen Kerl meucheln. Dann habe ich eine Textrecherche gemacht. Habe nochmal das ganze Internet durchflöht, ob ich auch ja nirgendwo eine Zeile eventuell im Original  zitiert habe. Habe einen Text geschrieben, dass alles reine Fiktion sei und bla und bla und bla. Montag wollte ich nun endlich morden. Aber es gab soooo viel zu tun. Und ich war sooo müde. Aber heute! Heute schreibe ich das Buch zu Ende. Natürlich erstmal ein bisschen bloggen. Denn das ist ja auch eine Geschichte, die man vielleicht einmal erzählen sollte. Heute Nacht habe ich es kapiert. Ich will mich nicht trennen von diesem Manuskript, ich will es nicht hinaus lassen in die Welt, im Moment gehört es mir noch ganz allein. Ich liebe "Das 5. Gebot" nämlich wirklich.
    Wer niemals ein Buch geschrieben hat, kann sich das vielleicht nicht vorstellen. Du lebst monatelang mit deinen Protagonisten, sie werden zu richtigen Menschen, die dein Leben bevölkern wie ein Büro oder eine Praxis, Mitarbeiter, Freunde, Feinde werden. Sie sind ganz real, sie agieren ganz natürlich, so wie du sie mal charakterlich angelegt hast. Manche magst du, manche verabscheust du aus tiefstem Herzen. Gestern, als ich wie gesagt zu viel zu tun hatte, habe ich über google eine Rezi auf irgendeinem blog zum 7. Tag gefunden. Darin schrieb die Rezensentin, man müsse meine Protagonistin nicht mögen. Sie fand, dass das eine kaltherzige Karrierezicke sei (sinngemäß), und sie konnte sich beim Lesen einer gewissen Häme nicht erwehren, als sich das Schicksal für die Dame wendete. Auch gut.

    Genau das ist es, bei mir sind die Guten nicht nur gut und die Schlechten nicht nur schlecht. So wie im richtigen Leben. Der Mörder kann auch sympathische Züge haben, unter bestimmten Umständen kann jeder von uns morden. Vicky, meine neue Protagonistin ist eine hin- und hergerissene Frau. Sie ist im Moment nicht glücklich. Und dann läuft sie auch noch voll in die Scheiße. Dabei erzähle ich eigentlich gar nicht ihre Geschichte. Es sind die Personen dahinter, die ich wirklich sehr gern habe. Deren seelischer Zustand das eigentliche Thema von "Das 5. Gebot" ist. Oh ja und ich liebe die Plätze, an denen "Das 5. Gebot" spielt.

    Wenn man an einem Roman schreibt, dann muss man sich jedes Mal, wenn man sich ransetzt, wieder in diese Welt hineinbeamen. Das macht man am besten, in dem man das liest, was man vorher geschrieben hat. Ich weiß nicht, wie viele Pakete Kleenex ist inzwischen vollgeweint habe. Es gibt Passagen in diesem Buch, die wirken bei mir direkt auf die Tränendrüse. Obwohl ich sie schon hundertmal gelesen habe, es fließt schon, wenn ich es nur überfliege. Ja, das 5. Gebot liegt mir nicht nur am Herzen, es geht mir ans Herz.

    Und nun soll ich diese wunderbaren, gebrochenen, von Tragödie gezeichneten Menschen auf die Menschheit loslassen? Ach bleibt doch noch, es ist so schön. Deshalb gehe ich lieber spazieren, einkaufen, im Internet recherchieren, ich will sie nicht in die Welt lassen. Oder habe ich Angst, dass meine Leser sie nicht verstehen, sie nicht mögen werden?

    "Herrgott, Mädel, du bist alt und erfahren genug, um zu wissen, dass deine Leser an genau den gleichen Stellen heulen werden wie du. Sie müssen Vicky und ihre Familie dafür nicht mögen." Mutti mal wieder. "Weißt du", sagt meine Mutter, "ich habe mal in Bocca Raton einen wunderbaren Golflehrer gehabt. Er war igendwas um 80 und hatte die Geduld einer gemeinen Straßenkatze. Je länger ich trainiert habe, desto unsicherer wurde ich. Bei jedem Abschlag überlegte ich, ob ich richtig stehe, wie ich meine Hüften bewegen, wo ich meinen Kopf lassen sollte. Rudi, so hieß der Alte, hatte das in seinen über 60 Berufsjahren wohl öfter gesehen. Und dann hatte er einen Zaubersatz parat. Wenn ich anfing, mich zu verknoten, dann rief er  

    Just hit the ball!

    Und genau das sage ich dir jetzt auch. Hör auf zu denken. Just hit the ball, baby."

     

    Danke Mama. Ich geh schreiben!

     

     

     

     

     

     

     

     

  • Das Taschenbuch ist da!

    "Warum druckt das keiner, verdammt noch mal?" Solche und ähnliche Fragen erreichen mich via Mail, via facebook und hier auf dem Blog. Hey, ja, ist ja gut, ich drucke es ja. Ist ja nicht so, dass Kindle ein Glaubensbekenntnis wäre. Nein, ich liebe auch Bücher. Ich habe so viele davon, dass ich für jedes neue Buch, das ich kaufe, ein anderes weggeben muss, weil ich nicht mehr einen klitzekleinen Zentimeter Platz in einem meiner vielen Bücherschränke habe. Und ja, sie stehen auch auf dem Klo und in der Küche.

    Nun wird sich der geneigte Leser fragen, wieso findet die Lubitsch eigentlich keinen Verlag? Die Lubitsch findet einen Verlag, aber bisher noch nicht so einen in Deutschland, wie sie gern hätte. In der Zwischenzeit murren die Leser. "Ich will das Buch verschenken, hey, warum druckt das denn niemand?"

    Ich hab's getan. Jawoll. Ich habe etwas getan, von dem ich nie und nimmer geglaubt hätte, dass ich es tun würde. Ich habe es selbst drucken lassen. Früher habe ich immer gegdacht, dass das nur Autoren täten, die es nötig haben. Die keinen Verlag finden. Die nicht schreiben können.

    Asche auf mein Haupt. 

    Es gibt noch ein paar Gründe mehr, warum man sein Buch selbst drucken will. Zum Beispiel, weil man dann bestimmen kann, wie es innen aussieht. Weil man selbst bestimmen kann, wann es erscheint. Weil man selbst bestimmen kann, was auf dem Cover steht. Weil man den Preis selbst bestimmen kann. Weil man darin auf sein nächstes Buch hinweisen kann, obwohl es noch gar nicht fertig geschrieben ist. Weil man gern genau wissen will, wieviel man von diesem Buch verkauft.

    Seit heute weiß ich, dass es noch einen weiteren Grund zum Selbstdrucken gibt. Mama hat ihn mir genannt. Sie hat das Buch in die Hand genommen, es gewogen und für gut befunden. Der Umschlag glänzt dezent, der Satz von Hanspeter Ludwig sieht sehr schön aus und ist gut lesbar. Und hinten, sagt Mama, steht auch kein Quatsch drauf.

    "Weiß du, Schätzchen", sagt meine Mutter, "ich habe nie von einem Verlag ein Buch bekommen, bei dem ich nicht direkt nach dem Auspacken im Dreieck gesprungen bin. Das erste war in der ersten Auflage komplett schief gedruckt. Seite, für Seite, einfach schief. Der Verlag versprach das zu monieren und neu zu drucken. Von wegen, die Dinger kriegste heute noch im Antiquariat. Vielleicht haben sie die einfach unter der Hand verscherbelt, wer weiß. Beim zweiten Buch haben Sie hinten im Text einen Satzfehler gemacht, den sie im übrigen auch nicht in der zweiten Auflage rausgenommen haben. Das nächste Buch hatte ein so grottiges Cover, das nicht mal meine Omi gekauft hätte. Dazu gab es im Klappentext einen Grammatikfehler."

    Deshalb habe ich selbst drucken lassen. Leute, das sieht Spitze aus! Guckt doch mal bei amazon:

    Taschenbuch der 7. Tag

  • Das glaubt einem doch kein Mensch

    Morgens ein Runde durch den Pool, einen Riesenpott Kaffee, Rüherei mit Speck und dann für ein paar Stunden abtauchen am Schreibtisch. So habe ich mir früher ein Leben als Schriftstellerin erträumt. Ohne Stress, ohne Hektik, einfach nur gemütlich vor sich hinleben und in Ruhe schreiben können. Und so sieht es in Wirklichkeit aus:

    Kein Pool und die Mitgliedskarte im Fitnessclub ist seit Wochen unberührt. Die morgendlichen Schwimmrunden in der Zehlendorfer Welle sind der morgendlichen Runde am Computer zum Opfer gefallen, was zumindest den Runden meines Bauches sehr zugute kommt.  Punkt sieben sitze ich am Schreibtisch. "Aber heute schreibe ich nur! " lautet die Ansage, die ich spätestes um 7.05 wieder vergessen kann. Denn bereits jetzt schreit die Mailbox: "Action!" Da sind die entzückenden Lesermails, die ich unbedingt beantworten WILL. Und dann sind da die interessanten facebook-Eintragungen, die ich auch unbedingt beantworten WILL. Zumindest das mit dem Riesenpott Kaffee habe ich hingekriegt, bis mein Mann nach Rüherei mit Speck ruft. 

    Es ist bereits 9.00 Uhr und ich habe noch nicht mal die geschäftlichen E-Mails gecheckt. Denn von irgendwas muss der Mensch ja leben, man hat ja auch noch einen Brotberuf. Um 9.00 Uhr kommen die exakten Zahlen des Tages von Kindle und das ist jeden Tag aufs Neue spannend.

    Warum ich trinke

     

     Heute früh habe ich das irgendwie verpasst, Punkt 9 war ich im Bad. Ich höre meinen Mann, der mir im Büro gegenüber am Schreibtisch sitzt, laut lachen. "Was ist los, Schatzi", frage ich, als ich um seinen Schreibtisch herum den meinen ansteuere. "Du hast Platz 2 verloren", sagt er. Und wieso lachst du dann, du A..., denke ich und drücke auf den amazon link. Zugegeben, wir haben gestern Abend mehr getrunken, als unserer Leber gut tut. Wir essen und trinken seit Wochen mehr als  uns gut tut. Offensichtlich reagieren wir auf all die tollen, positiven Veränderungen genauso wie auf negativen Stress. Also war ich darauf gefasst, doppelt zu sehen. Aber nein, der Schreibtisch kreiste um den Computer, da stand Platz 1.

     Zurück auf Platz 1!

    Nein, ich bin nicht laut heulend um den Schreibtisch gelaufen wie Winnetou auf Kriegspfad. Ich habe nicht geschrien, gelacht, gejubelt. Ich habe es nicht gefasst. Das dritte Mal auf Platz 1. Das erste Mal hat es eine Woche gedauert. Das zweite Mal sechseinhalb Wochen. Und jetzt einmal Erde und zurück. Danke, danke, danke, ich denke das und muss es schreiben. Allen Lesern danken.

    Es ist elf Uhr und ich habe immer noch keine Zeile von meinem neuen Roman geschrieben. Aber inzwischen die geschäftliche E-Mailbox gecheckt. Für das Cover von meinem neuen Buch "Das 5. Gebot" habe ich eine Ausschreibung gestartet. Jetzt wollen ein paar Designer das auf Englisch haben. Also übersetze ich den Ausschreibungstext. The Fifth Commandment. Thou shalt not kill! Hört sich irgendwie sehr nach Yorkshire an. Wobei Onkel Willy, einer der Protagonisten meines neuen Romans, aus Sheffield kommt. Und der pflegt seinen Akzent so wie andere Leute ihren Vorgarten.

    Es ist zwölf Uhr, als ich endlich bis zu der Mail von Create Space vorgedrungen bin. Dort habe ich nämlich "Der 7. Tag" hochgeladen, damit all die netten Menschen, die sooo gern das Buch verschenken würden, noch vor Weihnachten etwas in die Hand kriegen. Und nun soll ich das Wunder der Technik bestaunen. Ach, sieht das gut aus! So schön rot. Und Hanspeter Ludwig hat es so schön gesetzt. Danke Hanspeter, ich war total begeistert, als mir das Cover in 3-D entgegen funkelte. Aber was ist das? Och nö, nicht schon wieder! Da ist ein Satzfehler auf dem Cover. Den natürlich nicht Hanspeter Ludwig gemacht hat, sondern ich. Und den ich beim dreimaligen und viermaligen und fünfmaligen und sechsmaligen Korrekturlesen nicht gesehen habe. Es fehlen die Anführungszeichen vor dem ersten Wort auf dem Covertext. Mist. Alles nochmal von vorn. Also Hanspeter anpiepen, der macht Änderung, dann das Cover neu hochladen, alle anderen Angaben bestätigen.... es ist inzwischen halb zwei und ich habe immer noch kein einziges Wort geschrieben.

     

    Schnell nochmal die Mailbox checken. Ein Verleger gibt nicht auf. Er hat mich nächste Woche zum Essen eingeladen. Ich bestätige den Termin. Buß- und Bettag, wie passend!  Oh Mist, ich habe die Mail an die Slowakische Übersetzerin vergessen. Schnell noch die beantworten. Zeit zum Mittagessen. Heute gibt es Wurstsalat. Tüte aufreißen kann auch mein Mann und der Wurst Salat mit Käse von Aldi ist echt lecker.

     

    Es ist halb drei und ich habe immer noch keine einzige Zeile an meinem Roman geschrieben. Dafür habe ich beim Mittagessen entschieden, so ein Tag wie heute muss im Blog festgehalten werden. Christa Schmidt-Lotz hatte die Idee, das als Buch herauszubringen. Titel: Wie man ein e-book ver-legt. Oder "Schrei im Containerhafen". Schnell nochmal die Kindle-Bestsellerliste checken.


    Zurück auf Platz 2!

     

    Also schreibe ich jetzt einen Eintrag. Dieser kurze Ausflug in den Olymp muss doch im Blog festgehalten werden. Aber dann, ich verspreche es, dann werde ich an meinem geliebten neuen Buch  weiterschreiben. Ich bin gerade in einer wirklich spannenden Szene, meine Protagonistin Vicky läuft  in das nächste aufgeklappte Messer. Hach, ich freu' mich drauf. Will sagen:

     

    Es ist halb vier. Vicky, ich komme!

  • In 80 Tagen um die Welt

    Heute hat "Der 7. Tag" Jubiläum. Seit 80 Tagen ist er in den Top 100, eigentlich sogar in den Top 10 bei amazon. Ich fasse es nicht! Diese 80 Tage haben mein ganzes Leben geändert. Das fängt damit an, dass ich plötzlich morgens um sieben aus dem Bett springe, weil mich nichts mehr in den Federn hält. Früher habe ich immer gesagt, dass ich nicht vor elf Uhr morgens sozial kompatibel bin. Und jetzt: Social Media zum ersten Kaffee. Ich öffne meine Mailbox und dann finde ich sie, diese wundervollen, lieben Briefe von Menschen, die "Der 7. Tag" gelesen haben. Ich kann gar nicht beschreiben, was das für ein Gefühl ist, aus allen Ecken der Welt Zuspruch zu bekommen. Aus Venezuela und aus dem Berliner Knast, aus Suriname und aus USA, aus Japan und aus der Slowakai, aus Ungarn und Österreich, aus Dörfern und Weltstädten. Es sind dabei auch Briefe, die mich erschüttern. Zum Beispiel der einer Leserin, die mir sagte, ich hätte ihr Leben beschrieben, genau das sei ihr  passiert. Und ja, es sei auch Blut geflossen. Dann gibt es Briefe, die mich belustigen. Mehrere schrieben mir, sie hätten Michael Thalheim bzw. Sybille gegoogelt, weil sie das Gefühl hatten, das seien echte Personen. Einer schrieb mir, dass man genau so wie Michael in der Karibik untertauchen könne. Er hatte sogar seine Insel erkannt. Ja, es war Grenada. Einer befahl mir, sofort weiter zu schreiben. Einer beschimpfte mich ob dessen, was ich angerichtet hätte. Nicht zu vergessen die Mails von Jugendlichen, die über "Der 7. Tag" einen Aufsatz schreiben sollen. Himmel, und wir mussten uns durch Emilia Galotti quälen. Ich hoffe, dass das Vögeln in den Brombeeren jetzt nicht Mode wird bei den Kids. Ich habe also diverse Schulaufsätze korrigiert. Und ich habe einige Bücher von Kollegen zugesandt bekommen, zu Themen, von denen ich nicht einmal wusste, dass sie so interessant sein können. So also beginnen jetzt meine Tage. Was für eine Motivations-Infusion!

    Um 9.00 Uhr ist Schluss mit Lustig, da kommen die neuen Verkaufs-Zahlen des Tages und das ist jeden Tag aufs Neue spannend. Nach dem Frühstück geht es dann weiter mit der Reise um die Welt. Denn der nächste Roman muss überarbeitet werden, schließlich soll er im Januar erscheinen.

     

    Er wird heißen : " Das 5. Gebot" (Ja genau: Du sollst nicht töten!) Und wieder trete ich eine Weltreise an. Ursprünglich wollte ich einen spezifisch deutschen Roman schreiben. Einen, der in Berlin spielt. Mich faszinierte der Klang bestimmter Ortsbezeichnungen. Schlachtensee. Krumme Lanke. Onkel Toms Hütte. So klingt Heimat. Aber Nika Lubitsch ist eine Schütze-Geborene. Das sind die, die sich immer ans andere Ende der Welt wünschen. Und so artete der spezifisch deutsche Roman wieder in eine kleine Weltreise aus. Das 5. Gebot spielt in Berlin-Zehlendorf, in Branksome, England, in Tassin-la-Demi-Lune, Frankreich, in British Guyana und in Venezuela. Schreibe nur über das was du kennst? In Branksome habe ich in dem Haus des Mordopfers ein Jahr gelebt, meine Ex-Schwiegereltern lebten in Tassin-la-Demi-Lune. Zugegeben, in Guyana und Venezuela habe ich nie gelebt, aber sie gehören zu den Ländern, die mit den tiefsten Eindruck bei mir hinterlassen haben. Und das nicht nur, weil ich hier von einem Affen gebissen worden bin. Da stehts du mitten im Dschungel, die Affen brüllen, die Vögel kreischen, die Insekten surren, die Gummibäume spenden Schatten, du siehst jeden Fisch im Bach und suchst Abkühlung unter einem kleinen Wasserfall. Und plötzlich weißt du, das ist das Paradies. Genau so hattest du es dir vorgestellt. Darin gibt es nur einen Fremdkörper: der Mensch.

    In 80 Tagen um die Welt

    Dreieinhalb Wochen der 80 Tage war ich ganz real auf Weltreise. First we took Manhattan than wie took Berlin. Es ging mit dem Schiff von New York nach Montreal, mit dem Greyhound nach Vermont, mit dem Mietwagen nach New Hamshire, von dort aus nach Maine (auch nach Berlin in Maine!), dann nach Massachusetts, später nach Connecticut, nach New Jersey und zurück nach New York. Es war einer meiner ganz großen Lebensträume: einmal den Indian Summer in den Neu England Staaten erleben. Jedes Bed & Breakfast in dem ich geschlafen habe, wird irgendwann in einer Geschichte auftauchen. Vorsicht, habe ich die Gastgeber gewarnt, in Ihrem Haus wird gemordet werden.

     

    Früher haben wir nach den Nachrichten gemütlich zu Abend gegessen und meistens haben wir dann ferngesehen. Und jetzt? Ich habe sechs Kilo zugenommen.  Mein Mann und ich sitzen abends noch stundenlang nach dem Essen am Esstisch und quasseln uns die Seele aus dem Leib. Weil es so viel zu bereden gibt. Weil so viel Neues auf einen einströmt. Das muss man erstmal verdauen. Noch ein Gläschen Wein? Einen Schnaps? Ein bisschen Käse zur Nachspeise. Es ist auch Obst da. Der Fernseher bleibt aus, ach, wir haben schon wieder vergessen, Nachrichten zu gucken. Ich, der Nachrichten-Junkie bin seit Wochen clean. Es ist einfach kein Platz mehr im Kopf für Neues. In diesen 80 Tagen flossen die guten Nachrichten und neuen Eindrücke wie durch einen Nürnberger Trichter ins Gehirn.

     

    Und wem haben wir das zu verdanken? Euch, liebe Leser. Danke, Ihr habt uns geschafft!

  • Zwei Monate sind auch ein Jahr

    Mein Baby hat heute Geburtstag. Am 12. August hieß es: test, test, test. Wie sieht das Cover von "Der 7. Tag" bei amazon aus? Einen Tag später habe ich den Buchinhalt hochgeladen. Ich habe dem Baby dann noch drei Tage Zeit für Schönheitsreparaturen gegeben, bevor ich es am Freitag in das Rennen um Platz 1 der Gratis-Charts geschickt habe. Am Samstagvormittag war Baby am Ziel und Sonntagabend stand eine so hohe Downloadzahl auf meinem Bericht, dass ich vor Schreck Bauchkrämpfe kriegte. Am 19. gab es bereits die ersten 5-Sternchen. Würde das Baby jetzt vielleicht doch laufen lernen? Ab Montag, den 20. mussten die Leser bezahlen. Würden sich überhaupt noch Leser finden, nach den vielen Downloads?

    Oh ja, es fanden sich welche. Es fanden sich sogar so viele, dass Baby gnadenlos an Shades Of Grey 1 vorbeischoss, das seit Monaten wie einbetoniert die Spitze der Verkaufscharts blockierte. Und das fünf Tage nach dem offiziellen Verkaufsstart. Einen Tag nach dem offiziellen Verkaufsstart kam übrigens die erste Verlagsanfrage. Aus Holland.

    Bittet und so wird euch gegeben: Am Ende meines Buches habe ich geschrieben, dass ich mich über E-Mails und Rezensionen freuen würde. Weil ich wissen möchte, wie es meinen Lesern geht, wenn sie mein Buch gelesen haben. Dieser Aufruf brachte mir bis heute 159 Rezensionen ein, davon 105 Fünf-Sterne Rezis, 26 Vier-Sterne und sage und schreibe 189 E-Mails von Menschen, die mir ganz persönlich sagen wollten, wie es ihnen beim Lesen des Buches ergangen ist. Ich kann nicht mal beschreiben, wie man sich morgens fühlt, wenn man seinen Mailordner öffnet und sehr liebe Post aus aller Welt vorfindet.

    Eine Woche später dann war der Traum vorbei. Shades of Grey 2 hatte sich an mir vorbeigeschmuggelt und auch die Vorbestellungen von Shades of Grey 3 hatten meinen Boden unter den Füßen angenagt. Nein, ich war nicht traurig, ich war glücklich, es einmal in meinem Leben geschafft zu haben, ganz oben auf der Bestsellerliste zu stehen. Es war ein tolles Gefühl und ich konnte mein Glück überhaupt nicht fassen. Außerdem verkaufte sich "Der 7 Tag" weiterhin so gut, dass es keinen Grund zum Meckern gab. Und die Rezensionen flossen, sie flossen so gut, dass es sogar einige gab, die meinten, das könne ja nur gekauft sein. Nö, Leute, so bin ich nicht gestrickt. Entweder die Leser lieben das, was ich schreibe, dann schreibe ich auch weiter, oder sie mögen es nicht, dann muss ich mir eingestehen, dass ich es einfach nicht kann. Ich liebe den Erfolg, aber nur, wenn ich ihn auch verdient habe.

    Wobei ich hier einmal ganz klar sagen muss, dass Baby es allein geschafft hat. Eine Facebookseite habe ich erst am.1. September eingerichtet, nachdem Ruprecht Frieling in einem Interview für sein Buch "Wie man erfolgreich E-Books verkauft" danach gefragt hat. Getwittert wird bis heute nicht. Eigentlich irritiert mich der Erfolg vom 7. Tag, so ganz ohne Werbung und PR, stellt er doch alles, woran ich in meinem Leben geglaubt habe, einfach auf den Kopf. Mutti war schließlich in der Werbung.

    Das Leben als Autorin, wie es sein sollte. Nicht ich mache für mich PR, sondern man fragt höflich bei mir an, ob man aus meinem Blog zitieren dürfe. Ja doch, lieber Prof. Plinke. Oder man fragt gar nicht und zitiert mich in diversen Zeitungen und Zeitschriften. Auch gut, dafür schreibe ich ja. Hört Ihr, Ihr könnt Euch ruhig bedienen! Nicht ich mache Werbung, amazon macht es für mich. Die haben mich einfach in die Auslage gelegt. Da wurden mehrfach Krimitipps versandt, im Newsletter wurde drauf hingewiesen, "Der 7.Tag" erscheint auf der Startseite. Sie haben mir mein eigenes Baby sogar mehrmals per Mail zum Kauf angeboten.

    14. September 2012: Ich sitze auf einem Schiff im Atlantik mit Kurs auf den Sankt Lorenz-Strom in einer Bar mit schlechten Drinks und viel zu vielen Menschen. Mit Mühe hatte ich einen kleinen Couchtisch für das Notebook erobert, der bereits gefährlich unter der Last des viel zu warmen, viel zu süßen Margaritas ächzt. Mein Mann hat sich gerade mal aufs Deck verzogen, ein Pfeifchen schmauchen. Ahnungslos öffne ich nach gefühlten drei Stunden Einwahlzeit die amazon-Seite. Und da leuchtet mir doch gleich eine Zahl entgegen. Nee, nicht nur eine 7, sondern eine 1. Baby hat es noch mal geschafft. Mit einem genialen Sidekick hat es sich an Shades of Grey 1 + 2 vorbei geboxt.  Ich schreie, haue mir auf den Mund, schaue entschuldigend meine entsetzen Mitreisenden an, die glauben, irgendwas Schlimmes sei passiert. Sonst würde die Irre ja nicht schreien. Ich halte mich mit beiden Händen an dem loungigen, sprich unbequemen Sessel fest, damit ich nicht aufspringe und rumhüpfe wie der kleine Muck. Endlich, endlich kommt mein Mann. Wie lange kann eine Pfeife eigentlich dauern? Wir haben an diesem Abend zwei Flaschen Wein getrunken. Das war an einem Freitag, genau vor einem Monat. Und Baby ist immer noch janz oben.

    In Bar Harbor, Maine, in einer gemütlich angegammelten Internet-Bude finde ich neben vielen lieben Mails von Lesern auch eine Verlagsanfrage aus Litauen. Ein paar Tage später, wir sind inzwischen mit dem Auto in den Neu-Englandstaaten unterwegs finde ich gleich mehrere sehr nette Briefe eines norwegischen Verlegers, der das Buch bereits gelesen hatte. An einem verregneten Abend in Yale, Connecticut, kommt eine Verlags-Anfrage aus Italien. Ich weiß ja, dass jetzt alle Self-Publisher ganz gespannt sind. Nämlich, ob ich denn auch Post von amazon bekommen habe. Ja, es kam auch was von amazon. Während des Rückfluges nach Deutschland. Und von einem deutschen Verlag? Nicht doch.  

    Die Verträge mit dem norwegischen Verlag sind bereits unterzeichnet, "Den syvende dag" wird im Herbst 2013 in Norwegen als Buch und E-Book auf norwegisch bei Bastian Forlag veröffentlicht. Die anderen müssen natürlich erstmal eine Übersetzung anfertigen, um zu prüfen, ob "Der 7. Tag" in ihr Verlagsprogramm passt. Trotzdem, allein das Interesse haut mich schon um, denn das genau ist es, was bei diesem Weg des Publizierens so anders ist: Nicht ich als Autor frage höflich nach, ob vielleicht Interesse besteht, sondern Verlage, Medien, Buchautoren, Agenten klopfen bei Nika Lubitsch an. Zwei Monate nur haben den Unterschied gemacht.

    Pünktlich zum Jubiläum kam dann diese wunderbare Mail: Der 7. Tag direkt unter dem neuen Kindle und über Harry Potter. Diesmal hat amazon "Der 7.Tag" als Werbung für seine eigenen Produkte genutzt. Wenn das nicht das größte aller Komplimente ist.

     

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    Ich liebe amazon! In zwei Monaten passiert hier mehr als woanders in einem Jahr. DANKE!

     

     

  • Neues aus dem E-Book Universum

    Merke: Das Blog. Laut Duden geht aber auch der. Das will ich aber auch meinen. Bei das Blog kräuseln sich nämlich meine Fußnägel. Weil Blog sich immer noch anhört wie Block. Und der ist so was von männlich, dass man fast was dran baumeln sieht. Ich bleibe also meinem Sprachgefühl treu und bei der Blog. Und fange nochmal von vorn an. Durchatmen, Lubitsch!

    Mein Sprachgefühl. Das ist so eine Sache mit dem Sprachgefühl. Da gibt es ein paar Rezensionen auf amazon, die meine "einfache Sprache" monieren. Hey Leute, wisst Ihr eigentlich, wie lange ich gebraucht habe, meine Sprache von all dem manierierten, bürgerlichen Duktus zu entrümpeln? Die Dinge auf den Punkt zu bringen? Ich sag's Euch: Jahre. Es ist nämlich viel schwerer, für die Bild-Zeitung zu schreiben als für das Feuilleton der Süddeutschen. Oder anders gesagt: Es ist viel schwerer auf 10 Zeilen zu sagen, was es zu sagen gibt, als auf 100 Zeilen. Aber was meinen eigentlich all‘ die Rezensenten mit "einfache Sprache". In allen 1-Sterne-Rezensionen wird dies gebetsmühlenartig wiederholt. Von Kollegen höre ich allerdings, dass sie fast genau den gleichen Wortlaut in ihren 1-Sterne-Reaktionen wiederfinden. Ich würde unter "einfache Sprache" verstehen, dass jemand nicht geschliffen formuliert. Oder ist hier Bruder Hochmut am Werke, der meint, dass Sätze, die jeder versteht, zu einfach für den erlesenen Kulturgeschmack seien?

    Manchmal denke ich, diese Rezensenten müssen ein anderes Buch gelesen haben. Oder sie haben "Der 7. Tag" gar nicht gelesen. Da gibt es sogar jemanden, der mir vorwirft, ich hätte die ganzen guten Rezensionen gekauft. Er hat mich sogar bei amazon angezeigt.

    Ehrlich gesagt, ich bin ja auch erstaunt, dass ich so viele Rezensionen bekomme. Ich meine nicht nur gute, sondern die schiere Menge. Wenn ich es selbst nicht besser wüsste, würde ich auch denken, dass da jemand dran gedreht hat. Aber wer hätte etwas davon? Ich habe kein Geld, keinen Sponsor, keinen reichen Ehemann, keine einflussreichen Freunde.  Meine Facebook-Kontakte waren bis vor fünf Wochen gleich Null. Twitter? Fehlanzeige. Außerdem kriege ich jeden Tag mehr ganz liebe Mails von Lesern als Rezensionen. Und die sind bestimmt nicht gekauft. Ich denke: Bitte und so wird Dir gegeben.

    Das ist überhaupt das Tollste am E-Booken: Der direkte Kontakt zum Leser. So manch‘ ein Leser (verzeiht mir, ich habe was gegen LeserIn, ich mag nämlich, siehe oben, die deutsche Sprache) wundert sich, dass ein richtiger Mensch zurück schreibt. Hey, ich kriege ja auch von richtigen Menschen Mails und Rezensionen. Und dafür bedanke ich mich gern, weil es mich freut, zu hören, wo und wie man das gelesen hat, was ich schließlich nicht für mich, sondern für andere Menschen geschrieben habe.

    By the way, ich habe jetzt 98 Fünf-Sterne-Rezensionen. Leute, wer will noch mal, wer hat noch nicht, macht doch die 100 voll, bitte!

  • Alle Herrlichkeit auf Erden

    Jetzt weiß ich es ganz genau. Glück ist nicht relativ. Glück ist absolut. Es gibt keine Steigerung von Glück. Entweder man ist glücklich oder nicht. Deshalb ist zu viel Glück auch irgendwie Verschwendung. Glück, das ist für mich, wenn ein Traum wahr wird. Das muss kein ganz großer sein, ein kleiner reicht für die tägliche Dosis. Was aber, wenn das Glück einen überflutet, man fast ertrinkt in Glück. Kann Glück besoffen machen? Mich jedenfalls nicht. Mich macht zu viel Glück ängstlich. Nur nicht die Götter neidisch machen.

    Seit drei Wochen darf ich "alle Herrlichkeit auf Erden" erleben. Wir haben uns einen ganz, ganz großen Traum erfüllt: einmal Indian Summer in den Neuengland-Staaten erleben. Das, was wir erlebt haben, war viel mehr, als wir je erträumt hatten. Es ist eine Reise durch ein uns unbekanntes, faszinierendes, verstörendes, hinreißendes Amerika. Mit großartigen Landschaften, freundlichen und oft skurilen Menschen, mit verschwiegenen Bed & Breakfasts, wo jedes zur nächsten Geschichte reizt. Acht Bundsstaaten plus ein bisschen Kanada, sie haben mich fast sprachlos gemacht. Ich habe mich nicht getraut, die täglich neuen und anderen überwältigenden Eindrücke in Worte zu fassen und in die Welt raus zu posaunen. Von wegen der Götter und so. Am liebsten hätte ich geschrieben: Iiihh, ist dieses Land hässlich. Und so eine Reise ist ja soooo anstrengend. Purer Stress.

    Diese Reise ist Glück. Pures, reines, wunderbares Glück. Heute sind wir in Atlantic City, New Jersey. Ich sitze im12. Stock über dem Yachthafen, die Sonne scheint, draußen sind 25 Grad. Wir waren auf dem Broadwalk und es war nicht eine Geschichte, es waren zwanzig, dreißig Geschichten. Geschichten von zerstörten Träumen, von Depressionen und von Rezession, von dicken Menschen und räudigen Katzen, von Halal-Food und Donuts, vom T-Shirt-Verkäufer und von dicken Wahrsagerinnen.

    Ja, ich war bei einer Wahrsagerin. (5 $ für morgen, 10 $ Charakteranalyse, 20 $ der ganze große Aus- und Rückblick. Habe natürlich zum Rundumschlag ausgeholt).Sie hat mir drei Kinder angedichtet und gemeint, mein Mann und ich sollten mehr miteinander reden., Gibt es eine Steigerung von Glück? Nein, und mehr miteinander reden geht auch nicht. Das mit den Kindern werden wir auch nicht mehr hinbekommen.

    Die dicke, schwitzende Wahrsagerin hat mir hinter einem Vorhang ein sehr sehr langes Leben voraus gesagt. Und dass ich meine Talente mehr nutzen sollte, ich sei sehr talentiert, würde aber zu wenig daraus machen. Aha. Ich habe sie gefragt, wie es denn mit meiner Zukunft aussehen werden. Sie sagte: Nutzen Sie Ihre Talente und sie werden mehr Erfolg haben als Sie sich heute vorstellen können.

    Was ich mir bis gestern nicht habe vorstellen können: Dass ich in der Amazon-Bestsellerliste vor Joanne K. Rowling stehe.
    Ist der nicht hässlich, dieser erste Platz? Sowas von unattraktiv. Gibt Pickel und macht dick! (Weil man so viel Schokolade braucht als Nervennahrung und so viel Alkohol zum Anstoßen,-)

    Wie gesagt, Glück ist nicht relativ. Ich bin absolut glücklich. Nicht mehr steigerbar.

    Thank you so much. To whom it ever may concern.

  • Schrei im Containerhafen

    Gestern mittag im Hafen von Halifax, Nova Scotia, Kanada: Während unsere Mitreisenden die Busse Richtung Peggy?s Cove oder Lunenburg besteigen und die Schönheiten der Gegend bestaunen, entern wir ein Taxi. Ziel: Stanfield International Airport, der Flughafen von Halifax. Eine Sehenswürdigkeit? Nö. Der Flughafen von Halifax ist ungefähr so aufregend wie aquamarinblaue Fliesen auf Müllers Klo. Es ist ein verschlafener Flughafen in einer verschlafenen, mittelgroßen, kanadischen Stadt, mehr als 40 Flüge gehen hier pro Tag nicht raus. Aber das Funkfeuer von Halifax kennt jeder, der einmal von Europa in die USA geflogen ist. Erst kommt Halifax, dann kommt das Funkfeuer von Bangor. 

     

    Halifax 006Der Flughafen von Halifax. 

     

    Äh, wohnt da nicht? Ja, in Bangor wohnt Stephen King und auf ?seinem? Flughafen sind die ?Langoliers? angesiedelt.  Wir haben in einem Buch-Manuskript dem Flughafen von Halifax eine sehr sentimentale Rolle zugedacht. Auch Tom Ruth, der Flughafenchef, wird zu Ehren kommen. Stanfield International wird in einer dramatischen, weltweiten Rettungsaktion der erste Stützpunkt unserer Protagonisten sein. Da muss man doch einfach schauen, wie der Flughafen in Wirklichkeit aussieht. Der Taxifahrer hatte eine Leuchtschrift auf der Stirn. Da stand in neongrün: Idioten. Aber die 90 Dollar für hin und zurück zum Hafen hat er gern genommen. Zurück an Board haben wir den abendlichen Gang ins Internet angetreten. Das ist gar nicht so einfach, wir können hier zwar Mails empfangen und auch kurze Sachen senden, aber jede Seite benötigt fünf Minuten, um sich aufzubauen. Deshalb fliegen wir beim Senden ganz häufig wieder aus dem Netz raus. Nach unendlicher Wartezeit erklang dann ein Schrei über dem kuscheligen Containerhafen von Halifax. Der 7. Tag hat den ersten Platz der Kindle-Bestsellerliste zurück erobert. So viel Glück hält doch kein Mensch aus. Danke!

  • Unter dem Tisch - von der schwierigen Geburt eines Kindles

    Wie Millionen andere Menschen hatte ich mir zu Weihnachten einen Kindle gewünscht. Was ich nicht so richtig verstanden hatte, war, dass ich das Teil nur mit WLAN benutzen kann. Das mitgelieferte Netzteil führte zum allerersten Absturz des Readers, ich brauchte drei Stunden und mehrere Foren um zu kapieren, wie ich den Kleinen wieder flott kriegen konnte. (Drück‘ 20 Sekunden die Anschalttaste. Wenn er dann nicht kommt, ist er Schrott.)

     


    Da ich WLAN mehr als skeptisch gegenüber stehe (was gehen die Nachbarn meine Mails an!) habe ich zwar einen drahtlosen Anschluss, bevorzuge zu Hause aber die kabelgebundene Verbindung. Irgendwo habe ich mir bei der Einrichtung meines Notebooks natürlich mal die WLAN-Adresse aufgeschrieben. Aber wo? Nach zweitägiger Suche hatte ich zwei komplett anders lautende Adressen gefunden. Blieb also nur der Anruf beim Telekommunikationsdienstanbieter. Der guckte auf irgendwelche geheimnisvollen Seiten in seinem Computer und meinte, beide Adressen seien falsch. Aber auf dieser grauen Box, da würde unten so ein Zettel kleben. Da stehe die Adresse drauf. Nun liegt diese Box bei mir zwischen 2 Computerschränken auf der Erde eingeklemmt unter dem Schreibtisch, inmitten eines Gewirrs aus gefühlten eintausend Kabeln und Steckern. Erschwerend kommt hinzu, dass das Ganze unter einer dicken Staubschicht begraben ist, weil die Putzfrau dort natürlich absolutes Saugverbot hat. 

    Also krauche ich unter den Schreibtisch und ziehe an dem Kasten, was zunächst einen technischen Totalausfall zur Folge hat. Internet weg, Telefon tot. Aber ich habe einen Aufkleber mit irgendwelchen mystischen Zahlen von der Box gerettet.

     

    Vorsichtig verfolge ich jedes einzelne Kabel vom Schreibtisch hinab in das Kabelgewölle und versuche zu erkunden, welchen wichtigen Stecker ich wohl aus Versehen gezogen haben könnte. Die Technik schweigt peinlich berührt. Was dazu führt, dass ich die Schreibtische verrücke, die Computer komplett abbaue und den ganzen Schrott neu verkable. Mein Mann hat mir unterdessen einen Swiffer unter den Tisch gereicht, frei nach dem Motto: Ein guter Kellner geht nicht leer. Nachdem zumindest das Telefon wieder hallo gesagt hat, stemme ich mich nach oben. Auch die Computer sind wieder da. Allerdings wollen die Benutzernamen und ihre ursprünglichen Kennwörter haben. Och nö, Leute!

     

    Nachdem ich endlich den Ordner mit den Passwörtern gefunden und zwei Computer komplett neu eingerichtet habe, will ich es mit dem WLAN versuchen. Wo war doch gleich das kleine Aufkleberchen? Es ist weg. Dabei hätte ich geschworen, dass ich das direkt auf meinen Tischkalender geklebt habe.

    Hast Du irgendwo den Aufkleber gesehen?
    rufe ich meinen Mann. Welchen Aufkleber? Das hätte er jetzt nicht fragen sollen! Ich bin kurz vor einem Schreikrampf, atme tief durch. Alzheimer? Nee, nochmal und nochmal von vorn. Ich habe diesen Aufkleber hier auf meinen Tischkalender gelegt. Daran kann ich mich erinnern. Wirklich! Wenn er jetzt nicht mehr da ist, wo könnte er sein? Weggeflogen? Geht nicht, wir haben nicht gelüftet, wie mir angesichts der in der Sonne tanzenden Staubteilchen gerade auffällt. Er kann sich also nur irgendwo in den Ordner verkrümelt haben, in den mit den Passwörtern.

    Nachdem ich das Ding dreimal geschüttelt habe und nichts passierte, habe ich Seite für Seite umgeblättert (übrigens spannend, so eine Sammlung von alten Zugangsdaten zum Motorola-Handy von 1994 oder der Telekom-Anlage von 1998 – fast wie ein Gang über einen Friedhof). Und siehe da, es hatte sich auf dem Zugangscode zur Norton-Antivirus-Software von 2001 versteckt.

     

    Jetzt aber. WLAN-Code eingeben. Nichts. Wird nicht erkannt, leider kein richtiger Code. Ich greife also zum inzwischen wieder funktionierenden Telefon und rufe meinen 
    Telekommunikationsdienstanbieter an. Nach einer halben Stunde gibt der nette Service-Mensch auf. Entweder, so sagt er, hat ihr E-Book eine Macke oder ihr Router. Bevor wir uns hier noch lange quälen, schicke ich Ihnen einen neuen Router.

     

    Am nächsten Tag: Alles wieder von vorn. Router austauschen, alle Stecker Verbindungen erneuern. Diesmal bin ich schlauer: Ich schreibe die Nummer ganz groß auf meine Schreibtischunterlage.

    Aber jetzt! Nix. Das E-Book schüttelt immer noch den Kopf. Ich versuche die WLAN-Verbindung mit meinem Computer herzustellen. Der schüttelt ebenfalls den Kopf. Ich auch und rufe meinen Teledingspieps an. Ein weiterer netter junger Mann richtet mit mir nun gemeinsam die Verbindung manuell ein.
     
    Es geht nicht. Dann versuchen wir mal was anderes, sagt er. Brennen an diesem kleinen grauen Kasten grüne Lämpchen, fragt er. Moment, sage ich, dazu muss ich erst unter den Tisch kriechen.
     
    Wahrscheinlich kennen mich die Servicemitarbeiter bei meinem Telekommunikationsdienstanbieter schon alle als die Tussi, die immer unter dem Tisch liegt. Ich bleibe gleich unten in der Hocke, den Telefonhörer am Ohr. Aber der junge Mann jagt mich wieder vor den Computer, dieses Spielchen mit unter dem Tisch und auf dem Tisch spielen wir eine geschlagene Stunde. Dann hat er eine letzte Idee, wie er sagt. Es ist in irgendeinem Menü irgendein Häkchen. Das soll ich setzten. Ich setze.

    ES GEHT! JUHU, ICH BIN DRIN! Ich bin so dermaßen drin, dass ich bis heute die Steckverbindungen für meine Desktop Computer nicht neu eingerichtet habe, es WLANt sich so was von schön und schnell, dass ich wirklich total begeistert bin, soll‘n doch alle mitlesen, hallo Finanzamt!
    Nachdem die WiFi-Verbindung hergestellt und das E-Book eingerichtet ist, kann man dann auch die Gebrauchsanweisung lesen. Nicht, dass man in dieser Gebrauchsanweisung wirklich etwas versteht, abgesehen von den üblichen Warnungen, dass man das Gerät nicht essen soll oder in der Waschmaschine waschen. Oder verstehen Sie, was das heißt: FCC Konformitätserklärung für das Modell Nr. D01100, FCC-ID:ZEG-0725. Ich verstehe das jedenfalls genauso wenig wie die Informationen im Hinblick auf die Hochfrequenzenergie-Aussetzung.

    Trotzdem habe ich mich sofort in meinen Kindle verliebt. Dabei ahnte ich Weihnachten noch nicht, dass Kindle Publishing mir im August einen Bestsellerplatz einbringen würde. Mutti kriegt zu Weihnachten einen Kindle. Ob sie will oder nicht!

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

  • Das Bellen des Autors

    Vor ein paar Tagen habe ich Bellen gelernt. Seitdem schallt es mehrmals am Tag aus meinem Büro:

    Wow!

    Danke Leute, Ihr schreibt so wundervolle Rezensionen, ich kann es gar nicht fassen, mit wie viel Lob ich da überhäuft werde. Ich öffne morgens bei der ersten Tasse Kaffee mein Mailprogramm und finde ganz süße Nachrichten von Menschen, die offensichtlich nicht wollen, dass ich mich öffentlich bei Ihnen bedanke.

    Wow!

    Und dann die Rezensionen auf amazon. Danke Ruth W. , das war meine erste 2-Sterne-Rezension. Muss es auch geben, die Geschmäcker sind ja Gott sei Dank unterschiedlich. Herzlichen Dank für die Reaktion!

    Merci Zarroc, thank you Petra Weingardt, danke Emofdi und Marleen Lessing!

    Wow!

    Ihr habt mich das Bellen gelehrt!

  • Dann heirate doch amazon!

    Am vergangenen Montag, um 12.00 Uhr Pacific Time (also 10.00 Uhr bei uns in Deutschland) ging "Der 7. Tag" an den Start. Ich kann nicht glauben, dass es wirklich erst eine Woche her ist. Ich habe viele, viele Sternchen einsammeln dürfen, z.B.
    von r, von Lancaster, von Jolannah, von Manuela Martini, von jacy und von bluelighthouse. Ganz herzlichen Dank an Euch, Ihr wart Balsam für meine geschundene Autorenseele.

     

    Am Samstagabend dann der Durchbruch: Der 7.Tag schiebt sich in allen Kategorien auf Platz 1. Vorbei an Shades of Grey. Nie, nie, nie hätte ich das erwartet. Schon gar nicht nach 6 Tagen. Ich komm' nicht mehr zum Arbeiten, dauernd muss ich nachgucken, wie es meinem Baby geht. "Dann heirate doch amazon", sagte mein Mann, als er mal wieder ein viel zu spät und viel zu lieblos zubereitetes Abendessen bekam.

     

    Gestern abend dann der Showdown. Um 22.50 Uhr hat Der 7. Tag die 4000er Verkaufsmarke übersprungen. Wir sitzen seit einer Viertelstunde vor dem Computer, die 3989 kleben irgendwie fest, wir möchten so gern sehen, wie das Zählwerk auf 4000 springt. Okay, manchmal sind wir eben erst siebeneinhalb. Das Zählwerk klebt fest wie Uhu-extra strong. Man darf einfach nicht hingucken. Aber dann setzt es an, zu einem gewaltigen Sprung, ja, ja, er schafft es, ja, 4001.

     

    Das war um 22.50. Mein Mann meinte, er könne ja jetzt schlafen gehen. Ich meinte, ein bisschen Hawaii Five O könnte meinen strapazerten Nerven ganz gut tun. Bei Navy CIS bin ich dann selig entschlummert. Um zwei Uhr morgens bin ich dann, blind wie ein Kaninchen, ins Bett getappert. Nicht ohne noch mal schnell ins Zählwerk zu linsen. Schlagartig war ich wach. Da stand: 4.813. Ich suchte meine Brille. Tatsächlich. 4.813. Ich konnte es nicht glauben. Dafür musste mein Mann dran glauben. "Liebling, wir haben nochmal 800 Stück verkauft!", wecke ich ihn. Den Rest der Nacht konnte man getrost vergessen, wir waren so aufgeregt, dass wir nicht mehr schlafen konnten.

    Heute früh, pünkltich um 9.00 Uhr, dann das tägliche Up-Date!.

    5.067 Stück verkauft. In 7 Tagen.

    Tschüss Schatz, ich heirate amazon!

     

     

     

     

  • Wer hoch steigt, kann tief fallen!

    Oh, wie ich mich gefreut habe. Über die neue Rezi von Gerhard Linz!

    Habe mich so sehr gefreut, dass ich fast nicht gesehen hätte, was sich da gerade ereignet hat. Ich habe Shades of Grey überholt! Tschüss, Ihr Peitschen und Handschellen, jetzt kommt Billes Küchenmesser. Platz 1 in allen möglichen Kategorien, ich glaube es nicht.

    Platz1

  • Schmuddelkind

    "Spiel nicht mit den Schmuddelkindern", hat 1965 Degenhardt gesungen. Ganz so alt ist "Der 7. Tag" nicht, aber er ist mein geliebtes Schmuddelkind. Schmuddelkinder sind die, die uns magisch anziehen, die einen gewissen Zauber auf uns ausüben, weil sie so ganz anders sind als wir selbst. Und weil wir mit ihnen nicht spielen DÜRFEN. Verbote machen sexy.

    1999. Was für ein Jahr. Das lass' ich jetzt Mama erzählen, sie redet so gern.
    "Eigentlich", sagt Mom, "war ich völlig fertig. 1998 war das schwierigste Jahr meines Lebens. Ich hatte zwei Jahre Tag und Nacht und jedes Wochenende an dem größten, unmöglichsten und schwierigsten Auftrag meines Lebens gearbeitet."

     Mit Erfolg, wie wir wissen, aber das nur am Rande. Erzähl weiter, Mutti.

    "Ende des Jahres, mitten im Showdown meines Auftrages, wurde meine damals 80jährige Mutter von einem Tag auf den anderen auch noch völlig dement und hilflos, mein Vater weilte in Amerika. Ich tanzte mit einem Arm auf fünf Hochzeiten. Nur nicht auf meiner eigenen, die ich wegen des großen Auftrages immer wieder verschoben hatte. Als alles überstanden war, fuhren dein Vater und ich Anfang 1999 nach Amerika, um zu heiraten."

    Las Vegas. Typisch Mom.

    "Zurück in Deutschland versuchte ich, mich einfach wieder aus meinen Einzelteilen zusammenzusetzen. Wir wohnten in einer alten Zehlendorfer Villa und mein Schatz hatte mir einen Gartenraum eingerichtet, den ich mein "Treibhaus" nannte. Ursprünglich wollte ich dort Pflanzen ziehen für unseren riesigen, wunderschönen Garten, der leider ein Molloch war, was Pflanzen betraf. Aber dann stellte ich mir einen alten Holztisch an das vergitterte Souterrainfenster, einen von meinen Katzen zerfetzten Korbstuhl davor und meinen Laptop auf den Tisch. Und schrieb einen Prolog. Zu einem Roman, von dem ich nicht mal im Ansatz eine Vorstellung hatte, wovon er handeln sollte. Ich hatte nicht darüber nachgedacht, ich hatte ihn nicht geplant, es gab nur diesen Prolog."

    Den gibt es noch heute. Hast du ihn verändert?

    "Nein. Der Prolog blieb wie er ist. Ich habe einfach weiter geschrieben. Seite für Seite. Ich lebte ja in diesem tollen, alten Haus, wenn auch nur zur Miete, und Sybille Thalheim wurde so etwas wie mein Alter Ego. Ich habe mit ihr gelebt, mit ihr gelitten und wusste im Ernst nicht bis zum 7. Prozesstag, was eigentlich passiert war."

    Wie jetzt, du hattest keinen fertigen Plot?

    "Nein. Ich hatte absolut keinen Schimmer, wo Michael war, was mit ihm hätte passiert sein können. Ich litt einfach zusammen mit Bille, heulte, schrie, war verzweifelt."

    Mom, meine Dramaqueen. Und wie hast du dann die Kurve gekriegt?

    "Igendwie entwickelte sich der Plot. Wenn man schreibt, dann verarbeitet man wohl bewusst oder unbewusst Erlebnisse aus seinem Leben, setzt sie neu zusammen und heraus kommt ein Roman. Während sich das entwickelte redete ich mit meiner Freundin Barbara Falley, die Gynäkologin ist. Und mit meinem Notar Wolfgang Franke. Mit dem Strafverteidiger Wolfgang Panka. Und mit meinem Mann, der ist schließlich Immobilien- und Anlageprofi.  Ich fuhr in die Justizvollzugsanstalt Pankow und bekam eine wunderbare Führung  und Nachhilfe von Gabriele Kux, der Vollzugsleiterin. Die Journalistin Brigitte Biermann gab mir ebenso wichtige Hinweise wie meine sehr geschätzte Kollegin Manuela Gerhard. Ich zog mir einen Mordprozess vor dem Schwurgericht Berlin rein. So ein armes Schwein von indischem Blumenhändler hatte seine Frau zerstückelt. Ich lebte fast das ganze Jahr 1999 mit den Thalheims. Sybille gehörte sozusagen zur Familie. Ende des Jahres war der Roman fertig. Korrektur gelesen."

    Jetzt wird's spannend.

    "Ja. Ich wollte auf Nummer sicher gehen. Denn mir war schon klar, dass ich eine ziemlich komplizierte Struktur für die Geschichte gewählt hatte."

    Gewählt?

    "Äh, also, die sich mir aufgedrängelt hat. Also habe ich im Internet nach einem freien Lektor gesucht, der mir die Schwachstellen in dem Manuskript aufzeigen sollte. Den habe ich engagiert."

    Und, wie war er?

    "Ich habe seitdem nie wieder einen Kriminalroman geschrieben."

    Wie bitte?

    "Der Lektor hat mich von Seite 1 bis Seite 189 niedergemacht. Über 200 Anmerkungen. Das fing bereits auf den ersten Seiten an. Beispiel: Ich beschreibe die Richter und Schöffen. Einen beschreibe ich als Typ genialer Versicherungsmakler. Da schreibt der Lektor daneben: Während sie in Absatz 4 bereits alle Beamten verloren haben, verlieren sie hier gerade alle Versicherungsmakler. Bei der Stelle mit der Katze vom Nachbarn schreibt er: Ah, ein Licht am Horizont, da blitzt ja doch etwas Lebendiges durch. Und unter die Danksagung am Schluss an die o.g. Protagonisten schrieb er: All diese Experten haben diesen Schwachsinn zugelassen?"

    Oh je. Deine arme Autorenseele.

    "Ich war völlig am Boden zerstört. Vor allem, weil er mir nachweisen wollte, dass der Plot so nicht geht. Aber da hatte er sich leider geirrt."

    In allem anderen wohl auch. Was passierte dann?

     

     "Ich habe das Manuskript - unredigiert - an vier Verlage geschickt. Und sehr nette Ablehnungen bekommen, wie "wir haben nicht genug Mittel, uns um junge Autoren zu kümmern, bei einem kleineren Verlag haben Sie sicher eine Chance."

    Du wolltest aber nicht zu einem kleineren Verlag, wie ich dich kenne.

    "Nein. Wollte ich nicht. Außerdem war ich so verunsichert, dass ich angefangen habe, Sachbücher zu schreiben. Sozusagen ohne Überleitung."

    Die du ja dann auch gut verkauft hast.

    "Genau. Der 7. Tag verschwand in der Schublade. Aber immer, wenn ich an dieses Manuskript dachte, dann wurde mir ganz warm ums Herz. So, als ob man an eine alte Freundin aus Kindertagen denkt, eben das Schmuddelkind, mit dem man eigentlich nicht spielen durfte."

    Na, jetzt macht dein Schmuddelkind aber ordentlich Karriere.

    "Ja, ich könnte heulen vor Freude. Es geht gar nicht um das Verkaufen. Es geht darum, dass inzwischen mehr als 10.000 Menschen meinen 7. Tag haben wollten. Dass Sybille endlich Menschen bekommt, die mit ihr leiden."

    Du hast mir beigebracht, dass jedes Negative im Leben auch immer etwas Gutes hat. Was war jetzt gut daran, dass ein Lektor wie ein Elefant im Porzellanladen in deiner Seele rumgetrampelt ist?

    "Ich habe mich noch in diesem Jahr fiction-writing, einer neugegründeten Schreibgruppe im Internet, angeschlossen. Wir haben jeden Monat eine Kurzgeschichte geschrieben und uns dann gegenseitig rezensiert. Das war eine unglaublich schöne, produktive Zeit, in der ich viele tolle Leute kennengelernt habe, mit denen ich teilweise noch heute Kontakt habe. Ich habe alle Bücher gelesen, die ich über Aufzucht und Haltung eines Romans in die Finger kriegen konnte.Ich habe internet-Kurse über Dramaturgie etc. mitgemacht.  Ich habe geübt, gelernt und mich mit andern Schreiberlingen ausgetauscht. Viele Jahre lang."

    Und dann?

    "Habe ich Sachbücher geschrieben. Einen Social Fiction Thriller. Kriminalromane habe ich angefangen. Vier Stück, eine Serie. Aber nie zu Ende geschrieben. Die Worte des Lektors hatten sich wie Säure in meine Seele geäzt."

    Mama, ich liebe dich!
     
    Ich dich auch, meine Kleine!

     

     

     

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  • Lampenfieber

    Ich könnte nie Schauspielerin werden. Oder gar Sängerin. Mich würde das Lampenfieber umbringen. Dabei habe ich gedacht, ich sei obercool. Und jetzt? Ich habe seit Tagen Bauchweh und zunächst auf einen Virus gehofft. Leider nicht, schüttelte mein Magen mit dem Kopf. Magengeschwür? Leberentzündung?

    "Schätzchen, du hast Lampenfieber", sagte meine weise Frau Mama. "Ich? Lampenfieber!" Ich habe höhnisch gelacht. Leider musste ich feststellen, dass es mir in dem Moment ein wenig besser ging, als ich mir selbst eingestanden habe, dass da was dran war, was Mama vermutete. "Bei Gelgenheit werde ich Dir einmal erzählen, wie mich ein von mir bezahlter Lektor für viele Jahre in den Keller verbannt hat." Nö, Mama, heute nicht. Heute will ich mich freuen. Habe gestern schon so eine liebe Mail von einer lieben Kollegin bekommen und heute früh eine von einem lieben Leser. Ich freue mich wie eine Katze über einen gemopsten Fischkopf über jeden Leser, der mir eine Nachricht zukommen lässt. Danke dafür Leute, you made my day!

    Vielleicht können sich Leser das gar nicht vorstellen: Man sitzt monatelang an einem Buch, das man für Leser schreibt. Nur von dem Leser sieht und hört man im Normalfall wenig. Das Publikum sitzt im Dunklen. Den Beifall hört man nur an der Ladenkasse. Es ist so schön, wenn irgendwo im Saal mal das Licht angeht und man den ein oder die andere sieht. Wie mein Leser sich fühlt, wenn er das, was ich mich Herzblut geschrieben habe, liest. Das will ich wissen. Nicht nur Lob. Sondern das spontane, wirkliche Gefühl. Denn wenn wir es nicht schaffen, das Herz unserer Leser zu erreichen, dann haben wir unser Herzblut umsonst vergossen. Scheiße, das hört sich jetzt echt kitschig an. Aber genauso meine ich es.

    Es ist schon ein komisches Gefühl, so eingerahmt zu sein, auf der Bestsellerliste zwischen Fade of Gray und dem Hundertjährigen, der aus dem Fenster sprang. Ich müsste doch heulen vor Freude. Statt dessen grummelt mein Bauch, der olle Schwerennöter. Immer, wenn eine neue Rezi kommt, dann zittern mir die Hände, bevor ich sie öffne. Ich habe neue bekommen.

    Danke M. Rosenberg, Peter, Martina und Krobsi! Für Euch schreibe ich.

    Fadeofgrayhundert

     

  • Das freut des Newcomers Herz

    Aufsteiger des Tages

  • Danke, ich heule gerade!

    Eigentlich sollte es ein wundervolles Sommerwochenende werden. Mit eisgekühlten Drinks, langen Nächten und Bergen von Antipasti. Beim ersten eisgekühlten Drink und dem Zubereiten der Antipasti kriegte ich plötzlich Magenschmerzen. War ich zu aufgeregt? Die Gratisaktion von Der 7. Tag hatte mich total umgehauen, wann ist der Markt eigentlich gesättigt, fragte ich mich bereits beim Schnipseln von Tomaten und Mozarella. Die Downloadzahlen übertrafen alles Erwartete, pro Stunde gingen fast 300 E-Books weg. Kurz bevor ich schlafen ging, kam eine 4 Sterne Rezension, über die ich mich sehr gefreut habe.

    Noch mehr gefreut habe ich mich über die privaten Tipps, die mir Finnegan 23 per Mail zukommen ließ. Mano, wie blind kann man eigentlich sein. Danke Finnegan23!

    Mir war trotzdem schlecht. Nichts mehr mit eisgekühlten Drinks und schon gar nichts mit Antipasti. Ich schlich ins Bett.

    Heute früh ging es mir auch nicht besser. Eigentlich wollte ich heute Bed & Breakfasts für den Indian Summer in den Neu-England-Staaten buchen. Bei laufender Klimananlage und heruntergelassenen Jalousien. Aber mir war immer noch kotzübel. Mein Bauch machte aua!. Also beschloss ich, meinem Körper ein wenig Ruhe zu gönnen und verzog mich mit dem Kindle ins Bett. Erst habe ich mich durch den XinXiiBuchmarketing-Guide von der Kollegin Katja Martin gewühlt und dabei den ein oder anderen Tipp gefunden, den ich sehr hilfreich fand. Natürlich kriegt sie eine Rezi, sobald ich wieder klar denken kann. Dann bin ich in "Der Bücherprinz" von Ruprecht Frieling versackt und hunderte von wundervollen, lustigen, traurigen, wahnsinnigen Erinnerungen an die wilden Berliner Zeiten haben mich schon fast zum Heulen gebracht.

    Beim dreißigsten Weg zum Klo konnte ich dann nicht widerstehen und habe einen kleinen Umweg über mein Büro genommen. Es sind in zweieinhalb Tagen 50 % mehr Bücher heruntergeladen worden als bei Strandglut in fünf Tagen. Und da fand ich die Zahlen schon gigantisch. Und plötzlich sehe ich es, da steht doch tatsächlich was von 6 Rezensionen. Gestern Abend waren es noch zwei. Zitternd habe ich die Seite geöffnet.

    1Igraine

    equoranda 

    SIMBA

    lazia

    Danke Leute, ich heule gerade!

     

  • Wovon ich immer geträumt habe

    Amazon Ranking

  • Schlaflos in Hildesheim

    Sie ist auf der Suche nach einem Kerl, ackert in einem Büro und macht zwischen 13.00 und 14.00 Uhr Mittagspause. Samstagvormittag geht sie einkaufen, Sonntag wird die Arbeitskraft für Montag regeneriert, bevorzugt nachmittags bei einem guten Buch. Abendessen ist um 19.00 Uhr angesagt.

    Freitagabend und Samstagabend geht sie auf die Rolle, sprich auf die Suche nach Mr. Right. Dazu strapst sie sich auf, schminkt sich sorgfältig, es wird ein Hauch Parfüm aufgesprüht und die neue Hose ausgeführt. Um halb elf gähnt sie, schüttet den wässrigen Rest ihres Cocktails in sich hinein und verlässt den ach so angesagten Laden. War mal wieder nichts mit Mr. Right. Nur öde Kerle. Sie geht nach Hause, schmeißt die High Heels von sich, schminkt sich ab, stellt fest, dass die neue Hose sie halb umbringt und schlüpft wohlig maunzend in das wunderbar ausgelabberte T-Shirt, das ihr als Schlafanzug dient. Wenn kein Kerl in der Nähe ist, versteht sich. Dann lümmelt sie sich ins Bett und schmeißt den Kindle an. Es ist Mitternacht und sie lädt sich einen gemütlichen Krimi runter. Den liest sie in vier Stunden aus und ist immer noch nicht müde. Also schnell nachladen.

    So sieht sie aus, meine Leserin. Das nämlich ist es, was mir die Verkaufsberichte von Amazon erzählen.

    Mädels, so erging es mir auch jahrelang! Leider gab es da noch keinen Kindle, sondern die Bücher wurden stapelweise beim Samstagseinkauf erworben und in den fünften Stock geschleppt. Ich wünsche allen meinen Leserinnen, dass sie heute Abend endlich Mr. Right treffen. Sonst muss "Der 7. Tag" bald nachgedruckt werden.

  • Ich wollt' ich wär' ein Huhn

    Ach ja, das wäre schön. Jeden Tag von so einem prächtigen Hahn besprungen werden und dann, flutsch, raus mit dem Ei, Tagewerk beendet. Und was für eines! Es gibt doch kaum etwas Perfekteres als ein Ei. Bringt seine eigene Verpackung mit, schützt seinen Inhalt 21 Tage lang vor dem Vergammeln und ist ästhetisch absolut ausgereift. Millionen von Designern können nicht irren, alle haben irgendwann das Ei kopiert.

    HuhnDem Kerl kann doch wohl kein Huhn widerstehen!

    Unsereins dagegen muss Tag für Tag rackern, der Lebensunterhalt verdient sich nun mal in den seltensten Fällen beim Vögeln. Und das, was dabei herauskommt, ist nicht annähernd so perfekt wie ein Ei. Nehmen wir nur mal so ein E-Book. Das schreibt sich nun wirklich nicht an einem Tag. Dafür ist es aber ohne Verpackung, die das Manuskript davor schützt, schlecht zu werden. Hilfe, mein Manuskript hat Salmonellen, habe ich vor ein paar Tagen entsetzt festgestellt. 

    Also habe ich tagelang versucht, dem geistigen Dünnschiss Herr zu werden. Und dann das Korrekturlesen. Himmel, das Dingen ist bereits ungefähr viermal Korrektur gelesen worden. Und immer noch findet man ein dass, das das heißen muss oder ein das, das dass sein sollte. Dabei ist die Korrekturfunktion von Office nun auch nicht besonders hilfreich. Da wird Kämpfe rot unterstrichen. Ich gucke, wieso, kann ja sein, dass ich inzwischen Tomaten auf den Augen haben. Word schlägt vor: Krämpfe. Wieso Krämpfe? Soll meine Protagonistin innere Krämpfe ausstehen? Die hat sie sowieso, aber egal. Ich habe also tapfer weiter Korrektur gelesen, formatiert und umformatiert. Und dann endlich, gestern Abend war es soweit: Ich habe das Ei gelegt. Und nun bin ich ganz Huhn. Ich gackere: Juhu, ich habe ein Ei gelegt, ein Ei gelegt, guckt doch mal, mein schönes Ei:

    http://www.amazon.de/Der-7-Tag-ebook/dp/B008X7APZ2/ref=ntt_at_ep_dpt_2

     

  • Haltbarkeitsdatum abgelaufen

    E-Publishing - was für eine wunderbare Möglichkeit, seine Schubladen-Romane, die ja wohl jeder Autor hat, an den Mann bzw. an die Frau zu bringen. Nach dem ersten - mehr als erfolgreichen - Versuch mit meinen Kurzgeschichten in "Strandglut" habe ich mich natürlich sofort an die Arbeit gemacht.

    Zuerst wollte ich mein Lieblingsbuch, einen mit Herzblut geschriebenen Social Fiction Thriller namens "Alligator Valley" unter das Volk werfen. Das Cover war schnell gemacht, ich hätte jeden Verlagsgrafiker dafür geküsst. Und dann das Ganze nochmal gelesen. Der Roman spielt in der nahen Zukunft, nämlich 2053.

    Mein Autorenherz jaulte schmerzhaft getroffen auf. "Alligator Valley" habe ich 2005 geschrieben. Zentrales Kommunikationsmittel im Jahr 2053 ist ein "Handheld". Heute, 7 Jahre später, hat fast jeder einen Tablet mit genau den gleichen Funktionen. Mit was um Gottes Willen soll ich meine Protagonisten im Jahr 2053 ausstatten, ohne innerhalb der nächsten drei Monate rechts überholt zu werden? Der Änderungsaufwand für über 600 Seiten ist erheblich. Also vielleicht doch den Schubladen-Krimi vorziehen. Gedacht, getan.

    Also "Der siebente Tag". Geschrieben im Jahr 1999. Ein Kriminalroman. Hinterlistige Story, die eine Menge Recherche erfordert hatte. Ich habe Rechtsanwälte bemüht, Notare, Gynäkologen, Immobilienfachleute, habe mir u.a. die Justizvollzugsanstalt Pankow angeguckt.
    Das war viel Arbeit und das waren viele Abendessen. Google? Hä?

    Heraus kam, wie bei mir nicht anders zu erwarten, ein absolut nicht klassischer Krimi mit komplizierter Struktur und einem Beethoven-Schluss. (Wenn du denkst, es ist vorbei, geht es wieder von vorne los!)Und natürlich mit einem überraschenden Schweineschänzchen.

    Ich lege mich also gemütlich aufs Sofa und fange an zu lesen. Gar nicht so schlecht, denke ich. Finde kaum Tippfehler, hatte das Ganze von meiner damaligen Chefredakteurin lektorieren lassen. Aber dann tröpfelt so langsam die Erkenntnis ins Gehirn: Die Geschichte muss aktualisieert werden. In die Jetzt-Zeit transponiert werden. Oha!

    Das Mordopfer hat 19,6 Millionen DM unterschlagen. Ups. Also mal schnell umrechnen. Jeder Preis im Buch, und davon gibt es eine Menge, muss auf Euro umgerechnet werden.

    Die Heldin qualmt wie ein Schlot, genauso wie früher die Autorin. Zwei Schachteln Marlboro am Tag. Soll sie, noch hat auch die Autorin keinen Lungenkrebs. Aber: Wann eigentlich wurde das Rauchverbot in öffentlichen Gebäuden in Deutschland eingeführt? Wann das Rauchverbot in Berliner Gaststätten. Wann das in Brandenburg?

    Da ich eine Zeitschiene im Roman von 10 Jahren habe, ist das eine elende Rechnerei! Denn die Schlüsselszene spielt in einem Restaurant in Mahlow. Jetzt 2008.

    Die Protagonisten des Buches sind direkt nach der Wende natürlich in den neuen Bundesländern unterwegs. Mit Benzinkanister und Picknickkorb. Ach, ja, das waren noch Zeiten. Jetzt muss die Geschichte natürlich von der Nachwendezeit in die Jahrtausendwendezeit verlegt werden. Die Weltsicht hat sich geändert.

    Die haben teilweise keinen Handyempfang. Sie haben keine Smartphones. Zu Hause steht kein Computer. Sie recherchieren in öffentlichen Registern. Zu Fuß!

    Und dann: Die Notaranderkonten. Wurden in Berlin leider weitgehend abgeschafft.

    Ich stelle also fest: Auch das Haltbarkeitsdatum von Romanen kann ablaufen.

    Und was lernen wir daraus? Dass wir versuchen sollten, unsere Romane zeitlich neutral zu schreiben.

    Geht das?

  • Wir verlegen keine Kochbücher!

    Auf unseren Festplatten lauern Millionen-Bestseller, alles nur eine Frage der Zeit. Also schaut Euch schon mal das ein oder andere Wassergrundstück an, auf dem Ihr in naher Zukunft Eure Dichterklause einrichten werdet. Wer sich als Autor auf die Suche nach einem Verlag macht, muss über ein stabiles Selbstbewusstsein, Geduld und Durchhaltevermögen verfügen. Natürlich haben wir alle Nobelpreis verdächtige Manuskripte fabriziert. Die darauf warten, entdeckt zu werden.

    "Da kannste lange warten". Muttern, natürlich. "Sei froh, dass Deine Manuskripte wenigstens auf Deiner Festplatte lagern. Als ich anfing zu schreiben, da gab es nur Schreibmaschinen und Durchschlagpapier. Fotokopien waren schlicht unerschwinglich." Mama erzählt man wieder vom Krieg. Wobei ich mich frage, wie die das früher gemacht haben mit dem Korrigieren. Heute kann man ja ganze Manuskriptteile ausschneiden und an anderer Stelle wieder einsetzen.

    "Schätzchen, copy and paste, haben wir früher auch gemacht. Wir haben die Papierschere genommen, den Textteil ausgeschnitten und neue Seiten zusammengeklebt. Das Einzige was blöd dabei war, waren die Seitenzahlen. Beim zweiten Roman hat man die dann erst zum Schluß eingefügt."

    Und wenn Du etwas ändern wolltest, einen Satz oder einen Absatz? "Radieren geht über Studieren. War zwar ein bisschen blöd bei den sechs Durchschlägen, aber ich konnte virtuos mit dem Ratzefummel umgehen. Und mit Tipp-Ex."

    Wenn das Manuskript dann fertig war, hast Du das Original an einen Verlag geschickt oder wie? "Oder wie! Nein, es gingen immer fünf Durchschläge gleichzeitig raus. Ich hatte gehofft, dass es schnell geht mit dem Berühmtwerden."

    Hat ja bis heute nicht geklappt, wie man sieht. "Danke Schätzchen, Du bist ja mal wieder charmant heute! Aber im Ernst, nein es hat nicht geklappt. Ich habe alle fünf Exemplare regelmäßig zurück erhalten. Mit Formbrief. Ohne Begründung. Nee, halt, ein Verlag hatte eine Begründung für die Ablehnung mitgeschickt."

    Und, hat das weitergeholfen?

    Nee. Nicht wirklich. Was besonders interessant war: die Seiten klebten manchmal aneinander, weil das Tipp-Ex noch nicht durchgetrocknet war. Die kriegte ich genauso zurück wie abgeschickt. Kein Schwein hatte sich die Mühe gemacht, in mein Manuskript überhaupt mal reinzuschauen. Ich habe für viele Jahre das Schreiben von Romanen aufgegeben."

    "Aber eine Begründung hast Du doch bekommen".

    "Ja, die war wirklich toll. Es handelte sich um einen Kriminalroman aus dem Rockstar-Millieu. Ich war damals PR-Frau in dem Musikverlag, der auch die Rechte an den Beatles-Songs hatte.  Am Tag, als John Lennon erschossen wurde, kam mir ein ungeheuerlicher Verdacht. Daraus habe ich einen Roman gemacht. Weil er viele Einblicke hinter die glitzernden Fassaden der Musikindustrie gewährte, habe ich das Ding "backstage" genannt."

    "Die wollten damals bestimmt keinen englischen Titel, stimmt's?"

    "Die konnten noch nicht mal Englisch! Ich erhielt einen Brief von einem sehr großen deutschen Verlag, in dem stand folgendes:

    Anbei Backs-Tage zurück. Wir verlegen keine Kochbücher."

     

  • E-Books sind wie Currywurst

    Nö. Ich erzähle jetzt nicht was vom literarischen Fast Food, das man auf den E-Readern der Welt finden kann. Über die Qualität der als E-Book veröffentlichten Literatur sollen sich andere streiten. So weit bin ich nämlich noch nicht. Ich bin noch auf der untersten Stufte der technischen Qualität stehen geblieben. Die Grundanforderung an meine Veröffentlichung ist nämlich, dass sie veröffentlicht ist. Okay, so weit waren wir vor drei Wochen schon. Nachdem amazon mir mitgeteilt hat, dass mein Inhaltsverzeichnis nicht anzusteuern sei, habe ich mir die gesamte verfügbare Literatur zur Einstellung von Texten auf Kindle reingezogen. Zum zweiten Mal, im übrigen. Nach vier Tagen, in denen ich dem Wahnsinn nahe war, habe ich es gestern Abend endlich geschafft, einen richtig formatierten Text einzustellen. Und nun kommen wir zur guten Berliner Currywurst.

    Kennen Sie das? Da eröffnet irgendwo eine neue Currywurstbude. Also nichts wie hin und kosten. Je stylisher das Ambiente, desto beschissener schmeckt die Currywurst. Das ist jedenfalls meine Erfahrung. Der gemeine Currywurstbudenbesitzer kauft die billigsten Würstchen bei irgendeinem obskuren Händler und knallt den billigsten Ketchup drauf, aus dem Eimer, fünf Liter für 2 €. Und weil ihm das immer noch zu viel ist, verdünnt er den Ketchup noch ein bisschen mit einem Schluck Haushaltsreiniger, auch Essig genannt.  Paprika und Curry rauf und fertig ist die beste Currywurst der Welt. Das machte die Erfinderin am Stutti so und sogar die Kopisten jenseits der großen Mauer.

    Haben wir es jedoch mit einem Currywurstbudenbesitzer mit Anspruch (C.m.A.) zu tun, dann mutiert diese eigentlich sehr leckere Spezialität zu einem widerlichen Fraß. Denn der Currywurstbudenbesitzer mit Anspruch muss sich ja irgendwie von seinen niederen Kollegen absetzen. Da er bei der Wurst höchstens noch die Variante handgedrehte Biowurst aus nachhaltig, ökologischer Produktion vom freilaufenden, schwarzen, mallorquinischen Hausschwein hat, stürzt sich der C.m.A. mit Gebrüll auf den Ketchup. Hier wird jetzt wochenlang herum experimentiert und die gesamte spitzengastronomische Kenntnis, derer ein C.m.A. fähig ist, eingesetzt. Da kommt noch ein wenig Kardamom ins Spiel, Ananaswürfelchen werden für die Hawaii-Variante eingesetzt, Zuckercouleur und Ahornsirup verpanscht, Weinbrandaroma und Tabasco geträufelt, Spurnelemente vom Mangochutney unter gerührt, Pflaumenmus und Tomatenmark zugegeben. Heraus kommt eine nicht definierbare Pampe, die dann auch noch erhitzt wird und die gesamte Bude in einen penetranten Gestank nebelt.

    So erging es mir mit dem Einstellen des E-Books.  Erst habe ich mobipocket gelernt, empfohlen von Matting. Als das nicht klappte, habe ich mir Calibre bis zum Erbrechen reingezogen. (Tischer, Frieling). Ich habe formatiert, umformatiert, hier im Blog genölt und bekam den Tipp: Jutoh. Also Jutoh gekauft, runtergeladen, rumprobiert. Egal, was ich angestellt habe, es klappte nicht. KDP schüttelte den Kopf. Ich habe eindeutige Mobi-Dateien im Viertelstundentakt produziert, aber dieser Sch...Automat wollte sie einfach nicht nehmen.

    Die netten Menschen von amazon haben mir mehrere Mailsgeschrieben. Ich solle ein html-Dokument direkt einstellen. Ich zitiere wörtlich: Es passiert häufiger, dass mit Calibre umgewandelte Dateien nicht gelesen werden können. Verzweiflung lass' nach. Was ist denn mit den ganzen Formatierungen? Mit dem Inhaltsverzeichnis?  Man verwies mich auf das kostenlose E-Book "Erstellung eines Kindle-Buches". Das sah zwar irgendwie so aus, wie mein erster Versuch (also Schrift zu klein, auseinanderefallender Satz), aber siehe da, es war klar, eindeutig, nachvollziehbar. DANKE!

    Ich habe mein Word-Doc als html-gefiltert gespeichert und bei KDP hochgeladen. Sooo einfach ist das! Das Inhaltsverzeichnis funzt, es sieht auf allen Kindles gut aus und es war so einfach wie Ketchup mit Haushaltsreiniger.

    Es lebe die Berliner Currywurst!

  • Matting, Frieling, Tischer - der feuchte Traum meiner schlaflosen Nächte

    Eigentlich halte ich mich ja für einen intelligenten Menschen. Eigentlich. Ich höre gerade, wie meine Mama schimpft: "Eigentlich sollte man eigentlich gar nicht verwenden, das ist ein typisch weiblich-unterwürfiges Unwort. Mach dich nicht selbst zur Tusse!"

    Okay, Mom, also ich bin eine intelligente Tusse. Aber wenn es um Technik geht, also nee! Ich kann schreiben, furios mit Wörtern umgehen, habe eine Menge Empathie und vor allem Ausdauer wie eine gemeine Straßenkatze auf Mäusejagd. Also all' die Voraussetzungen, die mal als AutorIn braucht, will man auch nur halbwegs erfolgreich sein. Mit der Ausdauer der gemeinen Straßenkatze ist es mir mithin sogar gelungen, die Strandglut-Dateien auf den Kindle-Server zu laden. Sah zwar nicht so richtig gut aus in courier new auf dem Kindle (hatte das Manuskript natürlich als Normseite formatiert), aber egal, drin ist drin, bloß nicht dran rühern.

    Gestern nun kam die Nachricht von amazon (ja, es gibt dort nicht nur richtige Menschen. Die Begum persönlich schrieb mir!) , dass es Beschwerden gab, weil man in dem E-Book das Inhaltsverzeichnis nicht ansteuern könne. Das hat mich umgehauen. Denn natürlich gibt es in meinem MS ein Inhaltsverzeichnis (ganz vorne), mit dem man die einzelnen Geschichten ansteuern kann. Ich kann nämlich eigentlich (!) mit WORD umgehen. Allerdings wusste ich bisher nicht, dass es eine "gehe zu" Funktion auf dem Reader gibt. Ich habe mich immer mittels vor- und zurückblättern in den E-Books bewegt und empfand das als einzigen Minuspunkt. Liebe Leute von Kindle: Wie wäre es, wenn Ihr die Funktionen mit ein paar schmucken Bildchen auf einer Seite jedem Käufer mal erklären würdet. Es kann ja nicht sein, dass man sich erst drei Bücher herunterladen und reinziehen muss, um alle wesentlichen Funktionen des Readers kennenzulernen.

    Also habe ich gestern versucht, das Ding neu zu formatieren. Dazu hatte ich fünf Hilfsmittel:

    1. Den Ausdruck in 4 Pkt vom Kindle Support.
    2. "Das inoffizielle Handbuch" von Matthias Matting
    3. "Wie veröffentliche ich ein E-Book auf amazon" von Ruprecht Frieling
    4. "Eigene E-Books erstellen und verkaufen" von Wolfgang Tischer
    5. Das Kindle-Benutzerhandbuch

    Beim letzten Mal hatte ich Calibre verworfen und direkt in Mobipocket umgewandelt. Ging, sah zwar nicht schön aus und hatte vor allem s.o. kein Inhaltsverzeichnis, das auf dem Kindle ansteuerbar ist. Also machen wir es diesmal besser - ab zu Calibre. Jetzt weiß ich auch, warum ich das verworfen habe: Die Gebrauchsanweisung gibt es nur auf Englisch. Also eigentlich kann ich ganz gut Englisch. Ja, Mama, ich bin ein Tusse! Aber ich habe bereits Schwierigkeiten nach der Lektüre der oben genannten fünf Hilfsmittel zu arbeiten, durch die ich mich stundenlang hin und hergeklickt habe. Die in den Büchern angegebenen Bezeichnungen einzelner Menupunkte sind leider nicht immer 100 % deckungsgleich mit den aktuellen Versionen in meinem Computer. Das Ganze dann noch auf Englisch? Nee, nicht wirklich!

    Nach gefühlten 24 Stunden habe ich dann endlich eine Datei erzeugt, die auf meinem Kindle ganz wundervoll aussah. Okay, man muss Abstriche machen. Ich schreibe grundsätzlich wörtliche Rede jeweils in einer neuen Zeile. Grundsätzlich liebe ich außerdem Absätze, die ich, um es dem Leser zu vereinfachen, am Anfang einrücke. Ich habe es leider nicht hingekriegt (hat jemand einen Tipp?), dass wörtliche Rede nicht auch eingerückt wird. Dann sieht das Ganze nämlich ein bisschen so aus, als ob die oben gejagte Maus den Text angefressen hätte. Also habe ich auf Absatzeinrücken verzichtet. Der Text ist jetzt lesbarer. Ich hatte ihn vorher noch in eine Proportionalschrift konvertiert, weil man mir ja Blocksatz angedroht hatte und courier da wirklich richtig mistig aussieht.

    Allerdings - nichts da mit Blocksatz. Das Schriftbild erscheint auf dem Kindle in wunderschönem, leich lesbaren Flattersatz. In der richtigen Schriftgröße. In Schweiß gebadet, fast blind, mit vor Aufregung verschmierter Brille habe ich das konvertierte Teil hochgeladen. Äh, also ich habe versucht, es hochzuladen. Leider schüttelte das Bücherregal den Kopf.

    Konvertierungsfehler!

    Also nochmal von vorn. Ich nehme alle fünf Hilfsmittel nacheinander zur Hand. Was habe ich falsch gemacht?

    Nichts. Jedenfalls nichts, was ich finde. Neu laden.

    Konvertierungsfehler!

    Sagte ich nicht bereits, ich sei geduldig wie eine gemeine Straßenkatze. Ich bin es wirklich. Alles noch mal von vorn.

    Konvertierungsfehler!

    Wenn ich nicht zum Abendessen eingeladen gewesen wäre, hätte ich wahrscheinlich noch die Nacht mit Mami's little helpern verbracht. Matting, Frieling, Tischer - der feuchte Traum meiner schlaflosen Nächte.

     

     

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